Kinderstadt in Hamburg: Die Stadt regiert von Kindern
Für zwei Wochen gestalten 500 Kinder ihre eigene Stadt mit Arbeitsamt, Theater und Bank – nach eigenen Regeln. Der erste Beschluss: mehr Lohn für alle.
Foto: Miguel Ferraz Araújo
In der Sonne sitzen drei Jungs im Kreis auf dem Asphaltboden. Neben ihnen liegen eine Packung Würstchen und eine Packung Sandwich-Toasts. Sie zünden einen kleinen, tragbaren Grill an, der vor ihnen auf dem Boden steht. Im Vergleich zu anderen Stationen, die um sie herum unter Wellblechdächern, Pavillons und in Containern aufgebaut sind, wirkt das Vorhaben improvisiert – aber es ist erlaubt: In der Hamburger Kinderstadt können die Kinder auch spontan Projekte starten.
Die Kinderstadt ist ein offenes, kostenloses Ferienprogramm, an dem 500 Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 15 Jahren teilnehmen können.
In Hamburg findet die Kinderstadt jedes Mal an unterschiedlichen Orten statt, in diesem Jahr auf dem Gelände des Baakenhöfts in der Hamburger Hafencity. Dort sind über 30 Spielbereiche aufgebaut, die die Gesellschaftsbereiche einer „echten“ Stadt abbilden: Es gibt ein Arbeitsamt und eine Bank, eine Holz-, Fahrrad- und Kunstwerkstatt, ein Theater und eine Graffitistation.
An jeder Station sind Kinder in ihren Projekten versunken, erst auf den zweiten Blick ist je eine betreuende Person zu entdecken. Eines der teilnehmenden Kinder ist Lara. Sie hält eine handschriftlich gestaltete Zeitung hoch, als sie die Station „Zeitung und Druckerei“ vorstellt. Lara war schon bei der Kinderstadt vor zwei Jahren dabei und führt Pressevertreter*innen und Projektförderer über das Gelände. „Die Zeitung kostet 3 Flocken“, berichtet sie. So heißt die eigene Währung der Kinderstadt.
Kinder verdoppeln ihren Stundenlohn
Geld bekommen die Kinder, wenn sie arbeiten. Bei der Ankunft landen sie zunächst im Arbeitsamt. Dort erhalten sie einen Ausweis, den „Baakenpass“, und bekommen einen Arbeitsplatz zugewiesen. In den Pass trägt jedes Kind seinen Namen, das Geburtsdatum, die Arbeitsstelle und die gearbeiteten Stunden ein. Für eine Stunde Arbeit bekommt jedes Kind 10 Flocken. Abholen können sie sich die bei der stadteigenen Bank, dem „Tresor“.
Künstlerische Leiterin Lisa Marie Zander
In der Kinderstadt zeigt sich, was entstehen kann, wenn Kinder frei entscheiden dürfen. Zum Beispiel haben sie direkt am ersten Tag den Stundenlohn von 5 auf 10 Flocken verdoppelt. Die Kinder veranstalten täglich eine Stadtversammlung, in der sie die Regeln neu aushandeln.
Das Ziel der Kinderstadt formuliert die erwachsene künstlerische Leiterin Lisa Marie Zander so: „Wie sehr können wir uns zurücknehmen, damit möglichst viel Freiraum für die Kinder bleibt?“
Auch die Gestaltung dieser Kinderstadt haben Kinder und Erwachsene im Vorhinein gemeinsam ausgearbeitet. Besonders beliebt seien Projekte wie Film, Radio oder Druckerei, erzählt Marius Mandery, der das Projekt mit Zander künstlerisch gestaltet.
Ins Leben gerufen hat die Kinderstadt im Jahr 2021 die Hamburger Organisation Patriotische Gesellschaft von 1765. Ähnliche Projekte gibt es in vielen anderen Städten auch. Die in Hamburg findet mittlerweile alle zwei Jahre statt. Seit 2024 ist der Trägerverein für Kinder- und Jugendarbeit „Dock Europe“ an Bord. Geld kommt von der Schul- und Familienbehörde, der Hafencity GmbH und weiteren Förderern.
Auch Kinder aus Hamburger Randbezirken dabei
Das Angebot wird gut angenommen – auch von Kindern, die in Randbezirken Hamburgs wohnen. Grund dafür seien auch die Gruppenanmeldungen, sagt Lisa Marie Zander, da dadurch viele Kinder gemeinsam hingebracht werden können. Die Kinder können sich anmelden, aber auch spontan vorbeikommen.
Schon am zweiten Tag mussten Kinder in diesem Jahr abgewiesen werden, weil schon alle Stationen belegt waren. Für mehr als 500 Kinder gleichzeitig ist kein Platz. Es gibt aber die Chance, noch reinzukommen, wenn Kinder wieder gehen.
Bei der Pressekonferenz für die Journalisten*innen und Geldgeber*innen blickt Andreas Kleinau, der Vorsitzende der HafenCity GmbH, auf die Zukunft des Baakenhöfts: die umstrittene Kühne-Oper, die hier gebaut werden soll. Später einmal, sagt er, könnten sich die Kinder in der Oper an die Kinderstadt auf dem Gelände zurückerinnern. Von seinen Träumereien bekommen die Kinder der Gegenwart nichts mit.
Die Gruppe von Erwachsenen, die Lara über das Gelände führt, wird von den Kindern kaum wahrgenommen. Als sie vor einer probenden Hip-Hop-Tanzgruppe halten, beachtet keines der Kinder das plötzliche Publikum. Ein paar Meter weiter sind die grillenden Jungs schon wieder verschwunden. Nur der Grill steht noch da und erinnert daran, wie spontan spontane Projekte hier auch wieder beendet werden können.
Großes Fest geplant
Die Kinderstadt geht noch bis zum 24. Juli. Am Ende der zwei Wochen wollen die Kinder entscheiden, ob die restlichen Flocken in Form von echtem Geld an gute Zwecke gespendet werden.
Das diesjährige Motto „Feste feiern“ hatten sich die Kinder schon länger gewünscht. Sie haben ein Festkomitee gegründet, das für jeden Freitag ein großes Stadtfest plant. Die Erwachsenen wissen noch nicht, was sie dort erwartet.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert