Kay Nerstheimer besitzt offenbar Waffen: NPD-Mitglied auf Schnäppchenjagd

Das NPD-Mitglied Kay Nerstheimer kam für die AfD ins Abgeordnetenhaus und besitzt offenbar Waffen. Das geht aus seinen Shopping-Rezensionen hervor.

Der Abgeordneter Kay Nerstheimer sitzt im Plenarsaal des Abgeordnetenhauses an einem Laptop und tippt etwas auf der Tastatur

Shopping-Queen Kay Nerstheimer, Ex-AfD, mittlerweile NPD, schreibt offenbar gerne Online-Rezensionen Foto: Jens Jeske

BERLIN taz | Lange war nichts mehr von ihm zu hören und zu sehen: Kay Nerstheimer (56), Maurer, Koch, Sicherheitsdienstmitarbeiter und 2018 verurteilter Volksverhetzer aus Lichtenberg. 2016 war er mit einem Direktmandat für die AfD ins Abgeordnetenhaus eingezogen. 26 Prozent der Wähler:innen seines Wahlkreises – mehr als 4.000 Menschen – haben den Rechtsextremen gewählt. Mitte November 2020 machte er mit seinem Übertritt zur NPD noch einmal Schlagzeilen. „Nerstheimer jetzt offiziell Nazi“, schrieb die taz.

Im Abgeordnetenhaus war Nerstheimer in den vergangenen vier Jahren nicht groß aufgefallen. Er stellte ein paar krude Anfragen, saß ansonsten still in der hintersten Ecke des Parlaments bei den anderen Fraktionslosen und starrte in seinen Laptop. Nur, was machte er da? Die Plenarprotokolle lesen? Gesetzentwürfe studieren? Bürgeranfragen beantworten?

Möglicherweise beschäftigte er sich einfach mit Onlineshopping. Damit nämlich verbringt der NPD-Abgeordnete offenbar viel Zeit. Unter dem Klarnamen „Nerstheimer“ klickte er sich auf Schnäppchenjagd durchs Netz, bestellte zahlreiche Artikel und verfasste Dutzende meinungsstarke Produktbewertungen bei Amazon.

Und das wäre auch alles gar nicht wild, wenn Nerstheimer als verurteilter Volksverhetzer und Rechtsextremist nicht auch Waffen mögen würde und alles, was damit zu tun hat. So bestellte er etwa das „Pistolenholster mit Magazintasche für Rechtsschützen“ für 23,99 Euro. Für den von Amazon verifizierten Kauf vergibt Nerstheimer fünf von fünf Sternen, die Bestnote (bei Rezensionen mit dem Zusatz „verifizierter Kauf“ garantiert Amazon, dass der Rezensent tatsächlich den beschriebenen Artikel erworben hat). „Passt genau zu meiner CZ 75 B, auch das zweite Magazin wird untergebracht“, schreibt er im Dezember 2019.

„Eine schöne handliche Dienstpistole“

Am selben Tag bewertet Nerstheimer auch die „US-Army-Einsatztasche“ für 33,90 Euro, ebenfalls ein „verifizierter Kauf“: „Die Tasche ist groß genug für meine MP 40. in den Seitentaschen ist genug Platz für das Putzzeug und andere Utensilien.“ Trotz kleinerer Abstriche bei der Polsterung („arg dünn“) gibt es fünf Sterne, denn „Preis/Leistung stimmt“. Die MP 40 war die Maschinenpistole der deutschen Wehrmacht. Wenn Nerstheimer tatsächlich, wie behauptet, eine solche besitzen sollte, dürfte diese unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen.

Aber besitzt der wegen Volksverhetzung verurteilte Nerstheimer tatsächlich die Standard-Maschinenpistole der Wehrmacht und eine halbautomatische 9-mm-Pistole? Oder sind die Rezensionen zum Waffenzubehör nur übersprudelnde Großmachtfantasien und Angeberei?

Dass Nerstheimer tatsächlich Waffen besitzen könnte, legt ein weiteres Detail nahe: Exakt die in der Amazon-Rezension beschriebene Pistole vom Modell Ceska CZ 75 B bewertet ein Nutzer mit dem Namen „Mitglied Des Abgeordnetenhause N. aus Berlin“ (Fehler im Original) auf der Webseite des Waffenhändlers Frankonia mit fünf von fünf Sternen: „Eigentlich ein spontan Kauf, aber bei 699 € kann man nichts falsch machen. Sie liegt gut in der Hand alle Bedienelemente sind da wo man sie intuitiv erwartet, ein schöner weicher Abzug und in gebürstetem Edelstahl eine Augenweide“, schreibt dieser „N.“ unter der Überschrift „Eine schöne handliche Dienstpistole“. Für welchen Dienst ein Abgeordneter eine Pistole braucht, schreibt er nicht. Verfasst wurde die Rezension am 12. Dezember 2019, einem Plenartag.

Ein Screenshot vom Waffen-Online-Portal Frankonia

Die Rezension des Users namens „Mitglied Des Abgeordnenthause N. aus Berlin“ Foto: Screenshot von frankonia.de

Ob Nerstheimer überhaupt Waffen besitzen darf, eine entsprechende Erlaubnis oder einen Waffenschein hat, beantwortet die der Polizei unterstellte Waffenbehörde nicht. Informationen zu Einzelpersonen würden nicht mitgeteilt, heißt es auf Anfrage der taz.

Allgemein seien allerdings Personen ungeeignet, die straffällig geworden sind sowie in den vergangenen fünf Jahren Mitglieder verfassungswidriger Parteien oder Organisationen waren. Mitteilung zu Strafsachen erhält die Behörde nur bei waffen- und sprengstoffrechtlichen Gründen zur Prüfung. Allerdings prüfe man Antragsstellende und Inhabende von Waffenscheinen regelmäßig auf Zuverlässigkeit.

Nerstheimer schweigt

Nerstheimer antwortete auf mehrere taz-Anfragen nicht und bittet generell darum, nicht mehr anzufragen: Die Vergangenheit zeige, „dass es hinsichtlich der Medien, nicht von Vorteil ist, miteinander zu sprechen“, so Nerstheimer per E-Mail.

Dass Menschen wie Nerstheimer keine Waffen besitzen sollten, ist eigentlich offenkundig: Nerstheimer ist selbst bei der AfD rausgeschmissen wurden, nachdem bekannt wurde, dass er 2012 angab, eine bewaffnete rechtsextreme Miliz gründen zu wollen, und laut eigener Aussage der Division Leader der German Defence League war, einer militanten und vom Verfassungsschutz beobachteten rechtsextremen Organisation. Seit Kurzem nun ist Nerstheimer Mitglied bei der laut Bundesverfassungsgericht verfassungswidrigen, aber nicht verbotenen NPD. Das allein wäre Grund genug, Nerstheimer den Waffenbesitz zu verbieten, wie unmissverständlich aus dem Waffengesetz hervorgeht.

Ins Gesamtbild passt, dass Nerstheimer sich vor seinem NPD-Eintritt im Juli und Oktober 2020 in mehreren schriftlichen Anfragen an den Senat darüber informierte, ob man als Mitglied einer verfassungsfeindlichen Partei Waffen besitzen dürfe. Kurze Antwort: Nein.

„Jeder Deutsche sollte diesen Film in die Mülltonne werfen!“

Dass es sich beim Amazon-Rezensenten Nerstheimer mit hoher Wahrscheinlichkeit um den gleichnamigen Abgeordneten handelt, legen zudem weitere Details nahe: In einer Rezension von 2018 schreibt er, 54 Jahre alt zu sein, was zum Geburtsdatum des Abgeordneten passt. Ebenso gibt er sich in einer anderen Rezension als Politiker zu erkennen und bestreitet mit Reichsbürger-Argumentation die Gültigkeit des Grundgesetzes.

Die in den Produktbesprechungen immer wieder zur Schau getragene politische Einstellung spricht dafür, dass es sich um ebendiesen Nerstheimer handelt. In seinen Rezensionen schwärmt er von der Wehrmacht, relativiert die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg und mokiert sich über mangelnde Authentizität von Panzern in Kriegsfilmen sowie ahistorische Modellbau-Kriegsschiffe. All dies passt zu Nerstheimer: Auf einem Facebook-Bild posierte er als Bastler mit ferngesteuertem Panzermodell. Auch relativierte er bereits die deutsche Kriegsschuld.

Besonders schlimm findet Nerstheimer übrigens Kriegsfilme, in denen Nazis keine Helden sind, wie etwa in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“: „Jeder Deutsche sollte diesen Film in die Mülltonne werfen!“

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