Kanzlerreise nach Peking: Rote Teppiche, harte Zahlen
Begleitet von einer 30-köpfigen Delegation reist Friedrich Merz nach China. Europäisches und strategisches Handeln ist dort für Deutschland angesagt.
N ach bisherigen Planungen reist Bundeskanzler Friedrich Merz vom 24. bis 27. Februar nach China – begleitet von rund 30 Spitzenvertreter:innen der deutschen Wirtschaft. Für Peking ist das ein Prestige-Termin. Für Berlin sollte es etwas anderes sein: Ein Stresstest dafür, ob Deutschland im Umgang mit China endlich europäisch, strategisch und verfahrensfest handelt. Politik und Unternehmen verfolgen dabei nicht deckungsgleiche Interessen: Die einen suchen strategische Leitplanken, die anderen vor allem Planungssicherheit und Absatz.
Handels- und Wettbewerbspolitik werden in der EU gemeinsam entschieden, politische Rendite wird jedoch national verbucht. Diese Lücke macht Europa für Peking teilbar. Denn die alte Erzählung – Handel als Verlässlichkeit, Verflechtung als Friedensgarantie – trägt nicht mehr. Verflechtung bleibt dicht, Vertrauen bleibt dünn. Seit US-Präsident Donald Trump in Washington wieder mit Zöllen, Exportkontrollen und Drohkulissen Politik macht, ist Planbarkeit keine Naturkonstante.
China nutzt diese Unruhe kommunikativ: In seiner Davos-Rede warb Vizepremierminister He Lifeng dafür, dass alle auf das „Riesenschiff“ der Globalisierung zurückkehren. Das klingt nach Stabilität – ist aber vor allem ein Angebot zu Chinas Bedingungen. Während in München Europas Abhängigkeit von den USA neu vermessen wird, verkauft sich Peking als verlässlicherer Partner – trotz wachsender Konflikte über Regeln, Sicherheit und Märkte.
Die harten Zahlen sprechen eine andere Sprache. China war 2025 mit 251,8 Milliarden Euro erneut Deutschlands wichtigster Handelspartner. Doch die Asymmetrie ist offensichtlich: Deutschland importierte Waren im Wert von 171,2 Milliarden Euro, exportierte aber nur 81,8 Milliarden. Der deutsche Export nach China sank 2025 gegenüber dem Vorjahr um 9,3 Prozent. Das ist nicht nur Konjunktur. Es ist auch Struktur: China ersetzt Importbedarf durch eigene Kapazitäten – und deutsche Unternehmen verlagern Wertschöpfung zunehmend in den chinesischen Markt.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Deutliches Handelsdefizit
Wer hier nur „Marktzugang“ sagt, übersieht: Abhängigkeit entsteht vor allem auf der Import- und Vorleistungsseite – dort, wo Engpässe politisch werden und Lieferketten zur Sicherheitsfrage. Genau deshalb verschiebt sich die Grammatik der China-Politik: weg von Symbolik, hin zu überprüfbaren Verfahren. Die EU erhebt seit 30. Oktober 2024 endgültige Ausgleichszölle auf batterieelektrische Autos aus China – und hält zugleich ausdrücklich die Tür für Preisverpflichtungen offen.
ist Dozent an der Professur für Neuere und Neueste Geschichte der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Geschichte der deutsch-chinesischen Beziehungen im 20. Jahrhundert sowie die Geschichte der Volksrepublik China seit den 1970er Jahren.
Am 12. Januar 2026 legte die Kommission dafür Leitlinien vor; am 10. Februar akzeptierte sie erstmals eine solche Preisverpflichtung: Volkswagens Werk in Anhui darf den Cupra Tavascan zu einem Mindestimportpreis und innerhalb begrenzter Importmengen in die EU liefern; zudem verpflichtete sich das Unternehmen zu Investitionen in E-Auto-Projekte in der EU mit klaren Meilensteinen. Wer gegen die Bedingungen verstößt, riskiert, dass die Vereinbarung widerrufen und Zölle rückwirkend wieder fällig werden können.
Deeskalation gibt es also – aber nur als kontrollierbares Arrangement, nicht als Vertrauensvorschuss. Peking denkt längst ähnlich – nur aus anderer Perspektive. Ende 2025 verabschiedete China eine Reform seines Außenhandelsgesetzes, die ausdrücklich „nationale Souveränität, Sicherheit und Entwicklungsinteressen“ als handelspolitische Leitplanken nennt; sie tritt am 1. März 2026 in Kraft. Parallel mobilisiert China handelspolitische Gegeninstrumente gegen europäische Produkte.
Abhängigkeiten reduzieren und Risiken begrenzen
Wer also in Peking auf rote Teppiche setzt, muss wissen: Auch dort ist Handel inzwischen Machtpolitik im Rechtskleid. Was folgt daraus für Merz’ Reise? Drei Maßstäbe sollten entscheiden, ob sie politisch nützt.
Erstens: europäische Einbettung. Bilaterale Sonderwege – ob bei Exportkontrollen, Investitionsschutz oder „Deals“ einzelner Branchen – untergraben die einzige Hebelwirkung, die Deutschland noch hat: den Binnenmarkt. Wenn Berlin in Peking Zusagen einfordert, dann als Teil einer EU-Linie: transparent, abgestimmt, belastbar. Wer mit 30 CEOs fliegt, muss mit Brüssel sprechen, nicht an Brüssel vorbei. Sonst wird aus „Strategie“ am Ende nur Standortpolitik mit Kanzlerbegleitung.
Zweitens: De-Risking mit Präzision. Diversifizierung ist kein Schlagwort, sondern ein Programm aus Risikoanalysen, Vorräten, Ersatzlieferanten, Technologie-Sicherung – und klaren Grenzen dort, wo Abhängigkeit existenziell wird. Die EU hat mit dem Critical Raw Materials Act das Ziel gesetzt, dass bis 2030 nicht mehr als 65 Prozent des Jahresverbrauchs eines strategischen Rohstoffs aus einem einzigen Drittstaat stammen sollen. Solche „Thermostate“ gehören ins Zentrum deutscher China-Politik: nicht Entkopplung, sondern Begrenzung kritischer Klumpenrisiken – dort, wo ein einzelner Lieferant oder ein einzelnes Land ganze Produktionsketten verwundbar macht. Dazu gehört auch, „Sicherheit“ nicht nur militärisch zu denken: Lieferketten, Daten, Patente, Standards – all das sind heute strategische Felder.
Drittens: Glaubwürdigkeit nach innen. Wer in China „fairen Wettbewerb“ fordert, muss zu Hause Investitionen, Genehmigungen und Innovationspolitik so ordnen, dass Abhängigkeiten tatsächlich sinken. Sonst wird De-Risking zur Rhetorik – und China bleibt der bequemste, weil billigste Lieferant. Und wer Abhängigkeiten reduziert, ohne Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, handelt nicht strategisch, sondern nur defensiv.
All das bedeutet nicht: Abbruch. Europa wird mit China kooperieren müssen – beim Klima, bei globalen Standards, bei Krisenprävention. Aber Kooperation ohne Schutzmechanismen ist keine Offenheit, sondern Illusion. Und Schutzmechanismen ohne Europa sind bloß Symbolik.
Entscheidend ist nicht die Choreografie der Bilder. Entscheidend ist, ob Deutschland lernt, seine China-Politik als europäisches Regelwerk zu führen: weniger Verbrüderung, mehr Verfahren – und zwar mit Mechanismen, die auch bei Sturm halten.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert