: Kanzlerdämmerung
■ Kohls beste Pressekontakte führen jetzt in die Wüste: "Bild"-Vizechef Kai Diekmann wird bei Springer abgeschoben
Er schrieb für und über den Kanzler. Ob Kai Diekmann, der Mann fürs Höchste in der Bild- Chefredaktion, für eine Kanzlerbiographie („Helmut Kohl: Ich wollte Deutschlands Einheit“) in die Tasten griff oder für den Aufmacher auf Seite 1 („Kohl zeigt den Indern, wie man Glühwein kocht“) – der Kanzler kam bestens dabei weg. Dafür sorgte schon der gute Draht zu Kohls Chefmedienberater Andreas Fritzenkötter.
Vorbei. Die Karriere von Kohls „rasendem Untertan“ (Tempo) hat ihren ersten Knick bekommen: Nachdem Bild-Chef Claus Larass im Urlaub war, berief Springer- Chef Jürgen Richter Diekmann zum Chef des Springer-Auslandsdienstes (SAD). Nicht gerade eine Karrierestation, selbst als er noch ein hochgelobtes Nachrichteninstrument war. Ein Branchenkenner: „Heute ist das eine Lachnummer.“ Daß Diekmann noch vergleichsweise weich fiel und sich künftig Chefredakteur nennen darf, scheint der letzte Dienst seiner Duzfreunde im Kanzlerbungalow zu sein. Doch sein Ziel, einmal der jüngste Bild-Chef aller Zeiten zu werden, kann sich der 33jährige wohl abschminken. „Wir wollten den Auslandsdienst verjüngen“, wehrt Springer-Sprecherin Edda Fels alle Spekulationen über ein politisches Kalkül ab, Diekmann selbst mag sich gar nicht äußern: „Kein Kommentar.“
„Wer Richter kennt“, so ein Springer-Experte, „der weiß, daß er seine Rechnungen immer begleicht – manchmal etwas später.“ Die Rechnung mit Diekmann: Als 1995 Springer-Großaktionär Leo Kirch (Anteil nach neuesten Informationen 40,05 Prozent) den Welt- Chefredakteur Thomas Löffelholz wegen eines kritischen Kommentars zum Kruzifix-Urteil ablösen wollte, war Diekmann eilfertig zur Stelle. Noch in der gleichen Nacht rückte er Kirchs Brandbrief auf die Titelseite der Bild – angeblich in Absprache mit seinem Chef Claus Larass. Aufgrund dieser Illoyalität drohte Richter schon damals mit „personellen Konsequenzen“. Die hat er nun gezogen.
Dabei geht es dem Springer- Chef (Verlagsumsatz: 4,15 Milliarden Mark) weniger um die politische Linie als um eine Demonstration seiner Macht: Nach innen funktioniert die Personalentscheidung, die auch vom Geschäftsführenden Ausschuß des Aufsichtsrats abgesegnet wurde, als Disziplinierungsmaßnahme. Und möglicherweise als Zeichen für den Bild am Sonntag-Chef Michael Spreng, der als der letzte autonome Chefredakteur des Hauses gilt. Für dessen Ablösung hatte übrigens auch die Kanzler-Diekmann-Leo- Kirch-Connection im letzten Jahr kräftig intrigiert – wegen eines kritischen Kohl-Kommentars. „Der muß weg, noch vor der Wahl“, hatte es dazu aus dem Kanzleramt angeblich geheißen.
„Richter ist jetzt stärker denn je“, raunt es im Haus, und das bekommt auch Widersacher Leo Kirch zunehmend zu spüren. Mit dessen Adlatus Joachim Theye liegt Richter im Aufsichtsrat permanent über Kreuz. Zuletzt auch über Diekmann, den die Kirch- Leute „für höhere Weihen“ vorgesehen hatten. Doch Kirch hat beim zweitgrößten deutschen Verlag nicht mehr viel zu melden. Seit zwei Wochen ist öffentlich: Sein Anteil ist bei der Berliner Bank beliehen. Oliver Gehrs/Lutz Meier
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