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Kann Spuren deines Vatersenthalten

Allergien und Neurodermitis prägen das Leben unseres Autors. Nun hat er eine Tochter und fürchtet, sie könnte seine Krankheiten geerbt haben. Er versucht herauszufinden, welche er ihr weitergegeben haben könnte – und lernt dabei viel über sich selbst

Von Max Balzer (Text) und Franziska Gilli (Fotos)

An einem sonnigen Frühlingstag sitzen meine Frau und ich im Foyer einer Kinderklinik, zehn Schritte entfernt von der Notaufnahme. Unsere Tochter, sechs Monate alt, sitzt auf meinem Schoß. Ihre Wangen sind gerötet von der Trage, aus der sie gerade geschlüpft ist. Im Wartebereich toben Kleinkinder um eine Holzlokomotive. Müde Eltern träumen mit Smartphone in der Hand.

Marlene – der Name unserer Tochter wurde für diesen Text geändert – ist nicht krank. Jedenfalls hoffen wir das. Wir sind hier, um ihr zum ersten Mal Haselnuss zu geben. Denn wir sorgen uns, dass sie einen anaphylaktischen Schock bekommen könnte, also eine schwere allergische Reaktion, die lebensbedrohlich sein kann.

Nina, meine Frau, hält unserer Tochter deren ersten Löffel mit Haselnussmus hin, aber Marlene will ihn selbst halten. Sie schwingt ihn wie ein Zepter. Dann, mit sanftem Nachdruck meiner Frau, verschwindet er in ihrem Mund. Mir reicht schon der Gedanke an Haselnüsse, und ein Schauer rieselt über meinen Körper. Ich habe Allergien, so lange ich denken kann. Dass wir unserem Baby zum ersten Mal Nüsse geben, löst in mir Beklemmungen aus. Doch Fachgesellschaften raten heute, Kindern im ersten Lebensjahr Allergene wie Erdnuss und Hühnerei früh zu geben – insbesondere, wenn die Eltern „genetisch vorbelastet“ sind. Meine Kindheit war geprägt von strikten Diäten. Lebensmittel, die meine Eltern von meinem Speiseplan streichen sollten, geben wir unserer Tochter heute gezielt. Aber wie können wir damit umgehen, wenn Studienlage und Bauchgefühl auseinanderklaffen?

Marlene probiert jetzt ihren zweiten Happen. Sie lehnt sich zurück, den Kopf in den Nacken gelegt. Sie lacht. Der Mund verschmiert, zwei leuchtend weiße Zähnchen, auf der Nasenspitze ein schwarzbrauner Klecks. Keine Kurzatmigkeit, keine aufrauschenden Hautrötungen, nichts. „Sieht so aus, als würde es ihr schmecken“, sagt Nina. Ich nicke. Mir ist schlecht.

Als ich etwa ein Jahr alt war – im Herbst 1986 – knackte meine Mutter im Garten eine Haselnuss, zerkaute sie und schmierte mir den Brei in den Mund. Meine Lippen schwollen an. Ich hustete. Japste. Meine Mutter packte mich in den Kinderwagen, eilte mit mir zum Hausarzt, der mir ein Kortisonzäpfchen gab. Aufatmen. Ein paar Monate später, als die Haselsträucher blühten, kam ich mit einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus. Jeder Atemzug pfiff. Ich bekam keine Luft, aber ich wehrte mich. Riss mir auf der Intensivstation den Katheter aus der aufgekratzten Armbeuge. „Das war schon bedrohlich“, sagt mein Vater. „Wir haben uns wirklich Sorgen gemacht.“

Nach dem Krankenhausaufenthalt, nach all dem Kortison, hatte ich „schöne, glatte Haut“, wie meine Mutter sagt. Aus dieser Zeit stammt ein Foto. Februar 1987, ich in blauer Latzhose, einen Löffel mit Erbsenbrei in der Hand. Es blickt aus dem Einband des Fotoalbums, das meine Eltern mir zum 18. Geburtstag geschenkt haben. Das Album verstaubte seitdem in meinem ehemaligen Kinderzimmer zwischen Stofftieren und einer Steinesammlung.

Ich habe früh gelernt zu vermeiden, was jucken, brennen, wehtun könnte. Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht, sagt man in Nordhessen, wo ich aufgewachsen bin. Und die Unmittelbarkeit der allergischen Reaktion macht es mir leicht zu verzichten. Erwische ich ein Müsli, das mit Nüssen verunreinigt ist, spüre ich bereits nach dem ersten Bissen dieses Kribbeln auf der Zunge – als würde ich Teppichboden ablecken. Es breitet sich aus. Über die Lippen, den Gaumen, den gesamten Rachenraum. Mein Gesicht wird rot, der Hals schwillt zu. Wenn ich Glück habe, muss ich mich nur übergeben. Wenn ich Pech habe, bekomme ich keine Luft mehr. Insofern wirkt ein Löffelchen Nussmus auf mich so verlockend wie ein Häufchen Hundekot.

Über viele Jahre wurde empfohlen, starke Allergene in der Beikost zu meiden, also in der ersten festen Nahrung, die Säuglinge zusätzlich zur Milch bekommen. So bin ich aufgewachsen: Nüsse, Sellerie, Eier – alles verboten. Laut Robert-Koch-Institut wurde bei knapp jedem dritten Erwachsenen in Deutschland schon einmal eine aller­gi­sche Erkrankung diagnostiziert. Rund zwei Millionen Kinder und Jugendliche haben hierzulande Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis. Gemeinsam ist diesen sogenannten atopischen Erkrankungen, dass das Immunsystem überschießend reagiert – und dass es eine erbliche Komponente gibt. Die Häufigkeit allergischer Erkrankungen ist seit den 1970er Jahren stark gestiegen. Und es gibt Hinweise darauf, dass die Vermeidung potenzieller Nahrungsmittelallergene zu diesem Anstieg beigetragen hat.

Doch seit einigen Jahren vollzieht sich ein Paradigmenwechsel. Eine britisch-amerikanische Studie fand 2015 heraus, dass Säuglinge mit erhöhtem Allergierisiko, die ab einem Alter von vier bis elf Monaten regelmäßig Erdnüsse aßen, deutlich seltener eine Erdnussallergie entwickelten. Folgestudien festigten diese Erkenntnis und weiteten sie auf Hühnerei aus. Als mögliche Erklärung gilt, dass das Immunsystem im ersten Lebensjahr besonders formbar ist: Kommt der Darm früh und wiederholt mit einem Stoff in Berührung, lernt er ihn als ungefährlich einzustufen – und entwickelt Toleranz statt Abwehr.

Mit Marlene folgen wir diesem Rat: Wir führen Fisch, Fleisch, Nüsse und Milchprodukte mit der Beikost ein und geben sie weiterhin regelmäßig. Zur selben Zeit gehe ich in Elternzeit. Nina und ich teilen uns die Tage auf, kreuzen die Allergene im Küchenkalender ab. Doch Marlene sitzt im Hochstuhl und schreit, weil sie an einem Tag nur Mozzarellakugeln essen will, an einem anderen nur zerdrückte Heidelbeeren. Oder diese kleinen Dinos aus Mais, die Opa mitgebracht hat.

In dieser Zeit beobachten wir erste Hautrötungen. Da sind die typischen Spuren des Sabberns und Zahnens an den Wangen und am Kinn. Aber auch am Körper: rote, trockene Flecke an den Seiten, wo die Windeln zugeklebt werden, in den Leisten, am Po.

Ich spreche mit Kirsten Beyer, Leiterin des Kinderallergologischen Stu­dien­zen­trums an der Charité in Berlin. Die gleichzeitige Einführung verschiedener Lebensmittelallergene falle vielen Familien schwer, sagt sie. „Es kann sich allerdings ungünstig auswirken, wenn ein Lebensmittel nur zwei- oder dreimal gegeben und dann wieder weggelassen wird.“ Für unseren Ausflug in die Kinderklinik zeigt sie im Videocall Verständnis. „Sie waren sehr besorgt und haben sich einen Ort gesucht, an dem Sie sich sicher fühlten. Damit haben Sie nichts falsch gemacht.“ Medizinisch empfohlen sei bei einem Kind „mit klar erhöhtem Risiko“ jedoch, einen Allergietest zu machen, bevor potenzielle Lebensmittelallergene eingeführt werden.

Wie aber lässt sich abschätzen, ob ein „klar erhöhtes Risiko“ besteht? Die Empfehlung richte sich an Kinder mit einer diagnostizierten mittelschweren oder schweren Neurodermitis, erklärt Kirsten Beyer. Bei leichten Hautveränderungen sei die Einordnung schwieriger. Für eine Neurodermitis sprechen unter anderem Juckreiz, ein über längere Zeit wiederkehrender Verlauf und bestimmte Hautstellen, bei Säuglingen das Gesicht sowie die Streckseiten von Armen und Beinen.

Unsere Kinderärztin erklärt uns, was Marlene habe, sehe nach einem „gewöhnlichen Säuglingsekzem“ aus. Wahrscheinlich das Schwitzen. Es ist Anfang Mai, die ersten warmen Tage. Das klingt nach nichts. Doch Marlenes Hautbild beschäftigt mich. Welche Spuren hat die Neurodermitis bei mir hinterlassen, als ich in Marlenes Alter war?

Neurodermitisschulungen

Die Krankheit: Neurodermitis ist bisher nicht heilbar. In speziellen Schulungen können Familien aber lernen, besser mit der Krankheit umzugehen. Themen sind unter anderem die richtige Behandlung, mögliche Auslöser, das Eincremen und Entspannungsübungen. Auch die Belastungen im Familienalltag werden besprochen.

Eltern von Kindern bis sieben Jahre werden allein geschult. Ältere Kinder und Jugendliche haben eigene Gruppen, und ihre Eltern werden parallel geschult.

Schulungsteams in der Nähe findet man auf einer Karte unter www.neurodermitisschulung.de Auf Antrag kann die Krankenkasse die Kosten übernehmen.

Ich fahre nach Nordhessen in den Kurort, in dem ich aufgewachsen bin. Meine Eltern sitzen etwas verloren auf ihrer Terrasse – wie Gäste in der Sommerfrische. Mein Vater mit Strohhut im Nacken, meine Mutter mit ihren grau melierten Locken. Eigentlich sitzen meine Eltern nicht im Garten herum. Sie gießen die Paprika, mähen den Rasen, lassen den Hund laufen. Heute hat meine Mutter das Fotoalbum auf den Gartentisch gelegt. „Das hat auf dich gewartet“, sagt sie. Wir blättern. Bei meiner Geburt wog ich nur fünf Pfund, ein kleines rotbraunes Etwas im Strampelanzug. Meine Eltern bauten damals ein Haus.

Die ersten unmissverständlichen Anzeichen, dass mit meiner Haut etwas nicht stimmt, zeigen sich einige Albumseiten später. Im Januar 1987, damals war ich knapp anderthalb Jahre alt. Meine Mutter vermutet, dass das Abstillen und die Haselnusspollen zusammenkamen. Dazu die Baustelle, Staub und Stress. Sobald sie den Raum verließ, kratzte ich mich blutig. Nachts klebten meine wunden Wangen an ihr. Sie zog mir Baumwollfäustlinge über, lag wach und hielt meine Hände fest. Auf einigen Bildern dieser Zeit sehen wir beide tieftraurig aus.

Im März 1987 lerne ich gerade laufen. Auf einem Foto tapere ich unsicher über die Terrakottafliesen in unserer Küche, die Hände in die Höhe gestreckt, meiner Mutter entgegen. In dieser Zeit sagte ich mein erstes Wort. „Ang.“ Und das ist bis heute das erste Wort, das mir durch den Kopf geht, wenn ich müde bin. Oder hungrig. Oder gestresst. Angst.

Erst vor einigen Jahren habe ich erfahren, dass Menschen mit Neurodermitis ein erhöhtes Risiko für Angst­erkrankungen haben. Dazu können Schlafentzug, Diskriminierung und Scham beitragen. In der Forschung rückt zudem die Verbindung zwischen Haut und Gehirn in den Fokus, die brain-skin axis: Entzündungs­botenstoffe machen Nervenfasern in der Haut überempfindlich; psychische Belastung wiederum kann die Haut­barriere und die Immunreaktionen der Haut verändern und Entzündungen verstärken. Kurz: Stress befeuert Hautentzündungen, und die juckende Haut stresst das Gehirn.

Auch meine ältere Schwester sagt heute, ich sei „ein kleiner Schisser“ gewesen. Wenn wir als Kinder Baumhäuser bauten – in den Haselsträuchern, die bis heute in einer schnurgeraden Reihe im Garten meines Elternhauses stehen –, knotete sie ihre Bretter weit oben in eine Astgabel. Meine steckten unten, auf Taillenhöhe, wo die Stämme auseinandertreiben.

Von den Haselsträuchern lernte ich, was Pollen bedeutete. Wenn sie im Fe­bru­ar blühten – flauschige, frischgrüne Kätzchen –, lag ich krank im Bett. Meine Haut „blühte“ ebenfalls, wie meine Mutter das nannte. Der Terminus technicus wäre „nässendes Ekzem“. Dazu das Asthma. Haselnüsse sind mein Kryptonit.

Sobald meine Mutter den Raum verließ, kratze ich mich blutig. Nachts klebten meine wunden Wangen an ihr. Sie lag wach und hielt meine Hände fest

Tatsächlich ist meine toxische Beziehung zur Haselnuss ein gutes Beispiel dafür, wie Neurodermitis und Allergien zusammenspielen.

„Neurodermitis ist keine Nahrungsmittelallergie“, erklärt mir Kirsten Beyer, „sondern eine eigenständige Erkrankung, die im Kern in einer gestörten Hautbarriere besteht.“ Viele Kinder mit Neurodermitis entwickeln zusätzlich Nahrungsmittelallergien. Wo ein Lebensmittel gegessen wird, finden sich Spuren davon in der Umgebung, im Hausstaub. Ein Kind mit gestörter Hautbarriere kommt darüber in Kontakt und bildet Allergieantikörper, bevor der Darm mit dem Lebensmittel konfrontiert wird.

Dass ich früh mit Spuren von Haselnuss in Berührung gekommen bin, liegt nahe. Die Sträucher hinterm Haus, Nussschalen im Gras, der Nussknacker auf dem Tisch. Als meine Mutter mir die zerkaute Nuss in den Mund schmierte, war mein Immunsystem vermutlich längst sensibilisiert. Die Abwehr ging auf die Barrikaden, mein Körper drehte sich auf links. Die erste anaphylaktische Reaktion – perfekt.

In den 1980er Jahren waren diese Zusammenhänge weitgehend unbekannt. Es gab Bäder und Salben, Kortison galt als letztes Mittel. Kortison, das die Haut dünn machte, wie meine Mutter das ausdrückte. Mein Kinderarzt versuchte es mit Homöopathie und Bioresonanztherapie. All das wirkte nicht. Mit knapp zweieinhalb Jahren überwies er mich in die städtische Kinderklinik Gelsenkirchen.

Die Augen meiner Eltern leuchten, wenn sie von der Zeit in Gelsenkirchen erzählen. Von Ernst August Stemmann, damals Leitender Arzt der Kinderklinik. Schon im Aufnahmegespräch machte er deutlich, dass meine Neurodermitis keine Haut­erkrankung im strengen Sinne sei. Die Ursache liege auch in der Persönlichkeit des Neuro­dermitikers. Während des Gesprächs hatte ich mich auf dem Schoß meiner Mutter verkrochen, das Gesicht im Stoff ihres Oberteils. Stemmann habe gefragt, warum sich das Kind dazwischendränge. So erzählt es mein Vater. „Ich spreche doch mit Ihnen!“ Dann habe der Arzt mich in eine Spielecke seines Büros verbannt. Meine Mutter widerspricht: „So hat Dr. Stemmann nicht gesprochen.“ – „Doch“, sagt mein Vater, „genau so.“

Ein zentrales Behandlungsprinzip war die Ausschlussdiät. Auf einem Bild sitze ich zufrieden vor einem Teller Erbsen. „Ich bin in den Speisesaal gekommen und habe dich essen gehört“, erzählt meine Mutter. Mjam, mjam, mjam. Zuerst habe es nur Weizengrieß gegeben, damit der Körper frei von allen anderen Allergenen würde. Dann, alle paar Tage, ein neues Lebensmittel – und die Frage, ob eine Reaktion folgte. Am Ende blieb eine Handvoll verträglicher Dinge, aus denen mein Alltag bestehen sollte, ein Jahr lang, bis ich symptom­frei wäre. Erbsen, Möhren, Hähnchenbrust, alles gedünstet.

Darüber hinaus konzentrierte sich die Klinik stark auf die Mutter-Kind-­Beziehung. Die zugrunde liegende These: Kinder mit Neurodermitis hätten eine zu enge Bindung zur Mutter. Um das Selbstwertgefühl zu stärken, sollten sie lernen, auch getrennt zu sein. Die Kinder wurden in eine Kindergruppe abgegeben, und die Mütter gingen. Meine Mutter lernte damals autogenes Training, was ihr sehr geholfen habe, sagt sie. Und ich habe noch diesen säuselnden Singsang im Ohr: Du bist ruhig. Du bist gaaanz ruhig.

Im Herbst 2020 wurde die Abteilung Pädiatrische Psychosomatik der Kinderklinik Gelsenkirchen geschlossen. Zwei Jahre zuvor hatte der Dokumentarfilm „Elternschule“ massive Kritik ausgelöst. Eltern berichteten, ihre Kinder seien in der Klinik vernachlässigt worden, zerkratzt und verzweifelt in einem Aufenthaltsraum zurückgelassen, während die Eltern Entspannungsübungen machen sollten. Meine Eltern erinnern sich an solche Szenen nicht. Aber meine Mutter sagt, sie zweifele daran, ob Neurodermitis tatsächlich heilbar sei, wie damals behauptet wurde.

Aus heutiger Sicht sei die Vorstellung einer „zu engen“ Bindung zur Mutter überholt, sagt Kirsten Beyer. Bei einem Kind mit einer schweren chronischen Erkrankung entstehe selbstverständlich eine enge Bindung. Ein Elternteil sei ständig mit dem Kind beschäftigt, weil das schlecht schläft und viel Pflege braucht. „Das ist zunächst ein normaler Prozess.“ Natürlich könne daraus eine belastende Familiendynamik entstehen. Eltern bräuchten dann Unterstützung, zum Teil auch Psychotherapie – keine Trennung von Mutter und Kind.

Zu Hause übten meine Eltern, dass ich mich auch von meinem Vater füttern ließ. Er saß mit dem Löffelchen an meinem Mund, meine Mutter ging im Flur auf und ab. Anfangs machte ich den Mund nicht auf. Aus Liebe zu dir sage ich jetzt Nein. Das ist einer dieser Stemmann-Sätze, die meinen Eltern im Gedächtnis geblieben sind. Und: Man bekommt immer die Kinder, die man verdient.

Schlafentzug, Diskriminierung, Scham und die brain-skin axis: Menschen mit Neurodermitis haben ein erhöhtes Risiko für Angsterkrankung

Heute kann ich nachfühlen, wie schwer das auch für meinen Vater gewesen sein muss. Als ich noch Vollzeit arbeitete, ging ich abends manchmal vor der Badtür auf und ab, während Marlene schrie. Meine Frau hatte das Kind den ganzen Tag herumgetragen. Sie brauchte diese wenigen Minuten im Bad, allein. Ich hatte mein Kind auf dem Arm, und es schrie mich an. Es fällt schwer, das nicht persönlich zu nehmen.

In der Elternzeit durfte ich dann erleben, wie sich Vertrauen entwickelt. Wie Marlenes Kopf langsam schwer wird, wenn ich sie in der Trage habe. Wie sie sich beruhigen lässt, wenn ich sie hochnehme. Mit etwas ablenke, da! Und wie wichtig es ist, selbst ruhig zu sein. Gaaanz ruhig.

Es wird Sommer. Marlene zieht sich an Möbelstücken hoch, lässt sich nur noch im Stehen wickeln, krabbelt davon. In ihren Kniekehlen bemerken wir Rötungen, die sich hartnäckig halten – obwohl wir ihre Haut regelmäßig eincremen. Manchmal sitzt Marlene auf dem Töpfchen und schubbert sich mit dem Body an den Seiten. Wir machen uns Sorgen. Als nächsten Schritt schlägt die Kinderärztin einen Allergietest im Blut vor. Wir vereinbaren einen Termin.

In der Zwischenzeit lesen wir uns ein. Wie sehen die Frühsymptome der Neurodermitis aus, und wie unterscheidet man sie von einem „harmlosen“ Säuglingsekzem? Gibt es das überhaupt? Kirsten Beyer vermutet, dass unsere Kinderärztin schlicht das Wort Neurodermitis vermeiden möchte. „Wenn man das sagt, gucken die Eltern bei Google und machen allen möglichen Unsinn.“ Nina und ich googeln natürlich trotzdem. Zoomen auf Vergleichsbilder. Halten das Handy neben Marlenes Haut. Sieht das so aus? Manchmal glauben wir, ja. Manchmal, nein.

Meine Neurodermitis war nicht heilbar, auch wenn es nach dem Aufenthalt in der Kinderklinik besser wurde. In Kindergarten und Grundschule war meine Haut weitgehend symptomfrei. Auch das zeigt mein Fotoalbum: wie ich an Geburtstagen die Kerzen auspuste, mit Nachbarskindern im Planschbecken sitze, beim Kindergartenfest als Zirkusdirektor auftrete. Geheilt hat mich die strikte Diät nicht. Aber meine Eltern sind überzeugt, dass sie geholfen hat.

Die Verschlechterung begann mit der Pubertät. Vielleicht lag das daran, dass ich als Jugendlicher die Diät aufgab. Vielleicht spielten hormonelle Veränderungen eine Rolle. Vielleicht lag es auch daran, dass alternative Medizin meinen Eltern solche Angst vor Kortison gemacht hatte, dass sie mich nicht rechtzeitig zum Dermatologen schleiften. Jedenfalls war mein Gesicht mit Anfang zwanzig wieder eine offene Wunde. Nachts schlief ich kaum. Menschen sprachen mich an der Supermarktkasse oder im Wartezimmer an, um mir Ratschläge zu geben. Meist ging es um Nachtkerzenöl oder Aloe vera. Andere hatten das dringliche Bedürfnis, mir ins Gesicht zu seufzen: Jaa, die Haut ist der Spiegel der Seele.

Auf Fotos dieser Zeit sieht man mich selten. Und wenn, dann habe ich die Hände übers Gesicht gespreizt. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum das Fotoalbum in meinem Kinderzimmer verstaubte. Doch seit Marlene auf der Welt ist, verstehe ich, was meine Eltern mit dem Album verbinden. Dass etwas fehlt, wenn es keine Spuren von mir gibt. Unsere Tochter hat inzwischen die Fotos meiner Frau am Kühlschrank entdeckt. Da! Ein Kinderfoto aus dem Urlaub in Südfrankreich. Da! Ein Probeabzug mit Grimassen aus dem Fotofix. Von mir – vor Nina – nichts.

Seit einigen Jahren spritze ich mir Dupilumab, einen Antikörper, der gezielt Entzündungssignale blockiert. Alle zwei Wochen stoße ich mir eine Nadel ins Unterhautfettgewebe am Bauch. Ein kleiner Stich, der die Entzündungen meiner Haut abklingen lässt. Wenn ich morgens mit Marlene spazieren gehe – ein Mann im mittleren Alter, der einen Kinderwagen schiebt –, falle ich in der Hannoveraner Südstadt nicht auf. Und das ist ein schönes Gefühl: in den Hintergrund treten zu können.

Mitte Juli will die Kinderärztin Marlene Blut abnehmen, um Allergieantikörper zu bestimmen, das sogenannte IgE. Getestet wird auf Nahrungsmittel, die wir Marlene bereits geben: Weizen, Nüsse, Eier, Milch. Marlene strahlt, als wir in den Behandlungsraum kommen. An der Wand klebt das lebensgroße Foto eines Zebras. Die Laune kippt, als die Kinderärztin sich mit der Nadel über sie beugt. Marlene windet sich, schreit. Ich halte ihre speckigen Arme, eine Arzthelferin die Füße. Doch die Ärztin findet keine Vene. „Wir müssen es beim nächsten Mal noch einmal versuchen“, sagt sie. Marlene verlässt die Praxis mit Schmollmund und Heftpflastern in beiden Armbeugen.

In Marlenes Kniekehlen bemerken wir Rötungen, die sich hartnäckig halten. Wir googeln, zoomen, vergleichen. Sieht das so aus?

„Ja“, sagt meine Mutter am Telefon, „das war mit dir auch schwierig.“

Ich versteckte mich unter dem Tisch, den Stühlen. Schließlich habe der Kinderarzt zwei Helferinnen holen müssen. Und tatsächlich kann ich mich bis heute an den Raum erinnern, in dem der Arzt mir kleine Tropfen mit Allergenen auf den Unterarm setzte, um mit einer Lanzette in die Haut zu stechen. Ich habe jetzt ein Gefühl davon, wie schwer das für meine Mutter gewesen sein muss: ihr Kind auf Anweisung von Ärzten festzuhalten oder loszulassen. Beim nächsten Mal weint Marlene schon, als wir das ­Zebrazimmer betreten. Diesmal unterstützen zwei Arzt­helferinnen, die Kinderärztin findet eine Vene auf Marlenes Stirn. Ich schließe die Augen, atme durch. ­Gaaanz ruhig.

Die Ärztin wirkt erleichtert, als es geschafft ist. „Das geht heute noch ins ­Labor“, sagt sie. „In zwei Tagen haben wir die Ergebnisse.“ Früher, bei den Pricktests meiner Kindheit, mussten wir nur eine Viertelstunde warten, während die weiche Innenseite meines Unterarms zuverlässig anschwoll. ­Kuhmilch, ­Hühnerei, Sellerie. Alles rot.

Die molekularen Bluttests von heute können genauer zeigen, gegen welche Proteine eines Lebensmittels ein Kind Antikörper gebildet hat. Ein positiver Wert allein ist allerdings noch keine Allergie – entscheidend ist, ob das Kind tatsächlich reagiert. Richtig eingeordnet, können die Tests Familien vor unnötig strengen Diäten bewahren. Und selbst wenn Kinder Aller­gien oder eine schwere Neurodermitis entwickeln, gibt es inzwischen sehr viel wirksamere Therapien: Dupilumab ist bei schwerer Neurodermitis bereits für Kinder ab sechs Monaten zugelassen. Und es gibt Neurodermitisschulungen, deren Kosten die Kassen meist übernehmen (siehe Infokasten). „Je besser Eltern die Erkrankung verstehen“, betont Kirsten Beyer, „desto besser können sie mit ihr umgehen.“

Susan Sontag schrieb in „Krankheit als Metapher“: Theorien darüber, dass eine Erkrankung psychische Ursachen habe und sich durch Willenskraft heilen ließe, seien stets ein Indiz dafür, „in welchem Maße man sich über das physische Terrain einer Krankheit“ im Unklaren sei. Meine Neurodermitis ist dafür ein gutes Beispiel. Es ist nicht „die Persönlichkeit des Neurodermitikers“, wie Ernst August Stemmann glaubte, die geheilt werden muss. Die chronische Hauterkrankung selbst lässt sich heute wirksam behandeln, wenn auch nicht heilen.

Als der Anruf der Kinderarztpraxis kommt, gehe ich gerade mit Marlene im Wald spazieren. „Es ist alles gut“, sagt die Ärztin vorweg. Die spezifischen IgE-Werte seien für alle getesteten Lebensmittel niedrig, kein Hinweis auf eine Sensibilisierung. Ein „­gewöhnliches Säuglingsekzem“. Marlene hat also vielleicht eine leichte Neurodermitis, aber keine auffälligen Allergieantikörper. Die Sonne blinzelt durchs Blätterdach. Ich bin erleichtert. Ich wünsche mir für unsere Tochter, dass sie möglichst selbstbestimmt und frei aufwächst. Und das wünsche ich mir auch für Kinder, wie ich eines war. Kinder, die chronisch krank sind. Marlene wäre mit Allergien oder Neurodermitis kein anderes Kind.

Ich liebe unsere Tochter – sogar wenn sie mit Spuren von Haselnuss beschmiert ist. Wie an diesem Morgen. Meine Frau hat Porridge mit Nussmus vorbereitet, das Allergen im Kalender abgekreuzt. Die Exposition geht also weiter, auch für mich. Doch Marlene möchte kein Porridge mehr. Deshalb wischt sie jetzt schwungvoll mit der Handfläche über den Tisch, schleudert den Blechteller auf den Boden. Sie beugt sich aus ihrem Hochstuhl, blickt erstaunt hinab. Dann zeigt sie auf diese kleine Schüssel – da! da! –, aber die Heidelbeeren sind aufgegessen.

„Schon gut“, sage ich und öffne die Kühlschranktür auf der Suche nach Heidelbeernachschub. Die Familienfotos rascheln. Eines zeigt inzwischen auch mich. Anderthalb Jahre alt, blaue Latzhose, einen schmierigen Löffel in der Hand. „Da!“, ruft Marlene. „Da!“ –„Genau“, sage ich, „das ist der Papa.“

Max Balzer ist Kulturwissenschaftler, Social-Justice-Trainer und schreibt über Krankheit, Kultur und Care – oft dort, wo Sprache fehlt. Er engagiert sich mit Sick People e. V. dafür, dass die Perspektiven chronisch kranker Menschen zwischen Pop und ­Empowerment sichtbar werden.