Kampnagel-Festival trotz Corona: In Hamburg kommt Stimmung auf

Die Eröffnung des Kampnagel-Festivals ist wichtig – auch um den Künstler:innen ein Signal zu geben, dass es trotz Corona weitergeht.

Der Performer Kim Noble und sein Vater in extremer Nahaufnahme

Fiktive Gespräche mit dem dementen Vater: Szene aus der Performance von Kim Noble auf Kampnagel Foto: Peter Hönnemann/Kampnagel

Gewöhnungsbedürftig ist dieses Jahr zum Beginn des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel in Hamburg vieles. Als eines der ersten seiner Art seit Corona hat es vergangenen Mittwoch Eröffnung gefeiert, mit abgespecktem, immer wieder umgeworfenem und neu geplantem Programm, angepasst an Abstands- und Quarantäneregeln.

Bis auf eine Position stand im März eigentlich das ganze Programm. Viel lang Geplantes musste dann aber abgesagt werden, Künstler:innen konnten nicht reisen, Stücke nicht mehr entwickelt werden. Aber aufgeben wollte Festivalleiter András Siebold nicht, auch, um Künstler:innen ein Signal zu geben, dass es irgendwie weitergeht. Ein Viertel des geplanten Programms konnte in veränderter Form nun noch im „Special“ landen.

Tatsächlich kommt bei strahlendem Sonnenschein zur Eröffnung Festivalstimmung auf. Trubelig ist es, aber das Kulturzentrum am Kanal bietet im Außengelände genug Platz, sich zu verlaufen. Der schon traditionelle „Avant-Garden“ hinter dem Gebäude ist nun umzäunt, Ein- und Austritt werden an einer Kasse geregelt.

Rund um das „Migrantpolis“-Holzhaus sind dort Gartenbereiche abgetrennt, wer sich auf die Stühle vor den Bühnen setzt, checkt mit einer App ein. Auf dem Platz vor dem Foyer auf der anderen Seite des Gebäudes stehen unter einer großen Plane Tische und Bänke rund um eine Bar und ein DJ-Pult.

Eine eigenwillig erträumte Tier-Mensch-Collage. Vielleicht geht es ja doch gemeinsam

Auf den Bühnen drinnen gibt es ein reduziertes Programm und genug Abstand zwischen bis zu zehn Menschen großen Besuchergruppen. Wer allein kommt, sitzt allein. Gerade mal ein Drittel der Plätze waren am Mittwoch zum Auftakt mit Florentina Holzingers „Tanz“ in der großen Halle besetzt. Aber vor allem gibt es ein erweitertes Programm draußen auf drei Bühnen auf und rund um das Gelände, dazu Videowalks oder künstlerische Stadtführungen in Innenstadt oder Hafencity.

Mit quietschenden Reifen

So hat die irische Choreografin Oona Doherty ihre Choreografie „Hope Hunt and The Ascension into Lazarus“ kurzerhand für zwei Bühnen in der Nachbarschaft adaptiert. Auf einem großen Sandplatz zwischen Wohnhäusern, direkt an einer Brücke über den Kanal, stellt sich am Donnerstag das Publikum sauber gereiht an Punkten auf dem Boden vor einer Bühne auf.

Von hinten braust mit lauter Musik aus einer Riesenbox auf dem Rücksitz ein Golf auf die Kehre vor dem Platz, ein junger Mann in Trainingsanzug und Käppi steigt aus und spielt mit typischen Gesten auf der Straße den Harten. Dann wirft er die Tänzerin Mufasa aus dem Kofferraum auf den Boden und rast mit quietschenden Reifen davon.

Typisches Mackerverhalten

Mufasa rennt ihm hinterher, dann bahnt sie sich mit ähnlichen Gesten einen Weg zur Bühne. Den „maskulinen Kern der Arbeiterklasse Europas“ will Doherty mit der Performance sezieren, immer wieder wiederholt Mufasa dieselben Bewegungen, Sprechmuster und/oder Fangesänge, variiert sie leicht. Es sind Gesten von der Straße, aus der Kneipe, aus dem Stadion, Anmachsprüche, typisches Mackerverhalten, Konfrontationssituationen.

Dazwischen mischen sich aber auch leisere Töne und klassischer Tanz. Immer wieder stolpert Mufasa, fällt in sich zusammen, bricht mit neuen Gesten wieder auf. Traurig wirkt das Wesen, das bei dieser fragilen Zusammensetzung all dieser ausgestellten Härte schließlich herauskommt: zerrissen zwischen Brachialität und Zärtlichkeit, Überschwang und Niedergeschlagenheit.

Nur sich darauf zu konzentrieren fällt im Trubel ringsum nicht leicht. Es herrscht reger Standpaddlerverkehr, Familien setzen sich auf die Wiesen um den Platz, junge Männer tanzen mit ganz ähnlichen Bewegungen auf der Brücke – und wenn sie weitergehen, sieht es aus, als gingen sie vor der Bühne noch mal betont männlicher am Publikum vorbei.

Klassisch auf der Bühne in der Halle wiederum zeigt der britische Comedian und Performer Kim Noble seine surreale Dokumentation seiner, nun ja, Beziehungen mit einer Made und einem Eichhörnchen, und zwar einem grauen. Denn die, das lässt Noble seinen – aus einem echten überfahrenen toten Grauhörnchen gebastelten – Partner Nigel sagen, sind in Großbritannien bedroht: Menschen jagen und töten sie, weil die Einwanderer aus Amerika die einheimischen roten Eichhörnchen verdrängen.

Eine Made in Großaufnahme

Nicht nur das erstaunlich lebendig wirkende sprechende tote Eichhörnchen ist an diesem Abend gewöhnungsbedürftig. Denn auch Johnny, die Made, deren Erziehung Kim Noble übernommen hat, ist live auf der Bühne, quicklebendig, in Videogroßaufnahme im Glas und zwischen Kim Nobles Fingern.

Und überhaupt spielt Noble, wenn er seine versponnene, aber auch ganz aufrichtig zärtliche Geschichte von der Liebe zwischen den Menschen und den Tieren, vom Leben und Sterben erzählt, immer wieder mit Grenzüberschreitungen.

Ganz nah rückt er mit der Kamera seinem sterbenden dementen Vater, spricht fiktive Gespräche mit ihm. Später wird eine Fuchswarnanlage, die Noble bastelt, um Kontakt mit den Tieren aufnehmen zu können, am Hodensack befestigt. Er zeigt, wie er für einen Putzjob in einer Versicherung nackt auf den Tischen tanzt, persönliche Dinge fotografiert und von ihm versteckte Kameras von den Mitarbeitern entdeckt werden.

Und obwohl nicht weniges in dieser sehr eigenwillig erträumten Mensch-Tier-Liebe-Colla­ge aus kleinen Filmchen und Liveperformance auf den ersten Blick verstörend sein mag, steckt darin eben doch eine traumhaft zärtliche und ganz und gar ernst gemeinte Utopie: Was, wenn es eben doch geht, gemeinsam? Und damit ein schöner Auftakt für ein Festival, das andere Wege sucht.

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