Kämpfe in Syrien: Armee erobert kurdisch kontrollierte Gebiete
Syrische Regierungstruppen drängen die Kurden weiter zurück – und al-Scharaa bereitet sich auf heikle Gespräche in Berlin vor.
Foto: Moawia Atrash/dpa
Die Truppen des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa sind auf dem Vormarsch. Nachdem in der letzten Woche die kurdischen SDF–Kämpfer aus Aleppo vertrieben wurden, geht die offizielle syrische Armee jetzt gegen kurdisch kontrollierte Gebiete entlang des Euphrats vor.
Zunächst griff die Armee kurdische Kämpfer im Norden zwischen Aleppo und dem Euphrat an, jetzt stoßen die Truppen entlang des Euphrats nach Südosten vor. Am Samstag eroberten sie die Stadt Tabqa und damit gleichzeitig den größten Staudamm am Euphrat. Am Sonntag rückten die sunnitischen Milizen von al-Scharaa auf Rakka vor, die Großstadt am Euphrat, die der IS einstmals zu seiner Hauptstadt erklärt hatte.
Kurdische Truppen haben in Rakka bereits zwei Brücken über den Euphrat gesprengt und sich auf die Nordostseite der Stadt zurückgezogen. Derweil rücken die Truppen von al-Scharaa weiter vor. Im türkischen Fernsehen sind lange Armeekonvois auf dem Weg nach Rakka zu sehen, inklusive Panzertransportern und schweren Mörsern.
Das Ziel der Truppen geht aber angeblich weit über Rakka hinaus. Es sollen die Ölfelder bei Deir al-Sor sein, die die kurdischen Milizen seit ihrem erfolgreichen Kampf gegen den IS mit Unterstützung der US-Armee kontrollieren. Doch die hält sich jetzt zurück und greift nicht ein. Stattdessen fordert US-Botschafter Tom Barrak, die Kurden und die syrische Regierung sollten zum Dialog zurückkehren.
Kurden wollen drei rein kurdische Divisionen behalten
Tatsächlich hatten der militärische Führer der SDF, Mazloum Abdi, und Präsident Ahmed al-Scharaa bereits im März letzten Jahres eine Vereinbarung getroffen, nach der die Kurden militärisch und politisch bis Ende 2025 in den neuen syrischen Staat integriert werden sollten. Diese Vereinbarung wurde bislang nicht umgesetzt.
Die Kurden sind zwar bereit, sich dem Oberbefehl aus Damaskus zu unterstellen, wollen aber drei rein kurdische Divisionen behalten, die in ihrem bisherigen Autonomiegebiet stationiert bleiben. Außerdem fordern sie mehrere stellvertretende Ministerposten in der Regierung.
Seit islamistische sunnitische Verbände, die mit der Regierung verbündet sind, im letzten Frühjahr nicht nur alawitische Aufständische, sondern auch viele Zivilisten töteten, und wenig später die „neue Armee“ auch gegen die Drusen im Süden vorgingen, sind die Kurden noch weniger gewillt, ihre Milizen einfach aufzulösen. Die Gespräche gehen indes weiter.
Am Samstag versicherte al-Scharaa in einer öffentlichen Ansprache noch einmal, dass die Kurden im neuen Syrien alle Bürgerrechte zustehen würden. Noch am Sonntag sollte Kurdenführer Mazloum Abdi Präsidenten al-Sharaa in Damaskus treffen.
Al-Scharaa reist nach Berlin
Türkische Fernsehsender berichteten bereits am Samstag, Abdi habe grundsätzlich zugestimmt, dass die kurdischen Selbstverteidigungskräfte bereit seien, sich hinter den Euphrat nach Osten zurückzuziehen. Deshalb wird Mazloum Abdi wohl auf einen Waffenstillstand drängen.
Doch wie es aussieht, will die syrische Armee ihr Momentum nicht aufgeben und jetzt erst einmal den größten Teil der syrischen Ölfelder wieder unter ihre Kontrolle bringen. Mitten in diesem Konflikt kommt Ahmed al-Scharaa nun an diesem Montag nach Berlin und wird dort von Bundeskanzler Friedrich Merz empfangen.
Deutschland, die EU und Washington begrüßen, dass der ehemalige Dschihadist al-Jolani alias al-Scharaa jetzt auf den Westen setzt und auch zu einer Aussöhnung mit Israel bereit sein soll. Friedrich Merz wie auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die al-Scharaa just zu dem Zeitpunkt besuchte, als in Aleppo die Kämpfe gegen die Kurden tobten, interessiert aber vor allem, ob und wann syrische Flüchtlinge aus Deutschland und Europa wieder zurückkehren können. Verschiedene Menschenrechtsgruppen und kurdische Organisationen haben Demonstrationen gegen Merz und al-Scharaa in Berlin angekündigt.
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