Eine Ausgrabungsstätte mit Licht und Geländer

Im Vorraum der alten Mikwe: Das jüdische Tauchbad soll später zu besichtigen sein Foto: Stadt Köln, Michael van den Boogard

Jüdisches Leben in Köln:Acht Meter tief Geschichte

In Köln schaufeln derzeit Archäologen das alte Judenviertel aus. Ein Besuch in der wohl spannendsten Grube der Republik.

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16.2.2021, 10:34  Uhr

Ein ockerfarbenes Stück Stein befindet sich in einem Klarsichtbeutel, es ist vielleicht zwei Zentimeter groß. „Wandputz“ steht auf dem Etikett der Tüte, darunter Angaben zum Fundort im Nordwesten des Grabungsgeländes. Hunderte solcher Plastikbeutel lagern in einer Kunststoffwanne, Hunderte solcher Kunststoffwannen stehen in hohen Regalen. Größere Fundstücke wie ein Säulenkapitell sind einzeln verpackt. Wie viele Objekte hier lagern? „Vielleicht 300.000“, schätzt Grabungsleiter Michael Wiehen.

Der junge Archäologe hebt eine der Wannen aus einem Regal und packt eines seiner „Lieblingsobjekte“ aus, wie er sagt. Zum Vorschein kommt ein etwa 30 Zentimeter langer zylinderförmiger Stein, der einer Säule ähnelt. Er ist das Ergebnis eines natürlichen Prozesses, erklärt Wiehen. Es handelt sich um Kalkablagerungen aus einer römischen Wasserleitung, die einst die Stadt mit Frischwasser aus der Eifel versorgte. Aquäduktenmarmor wird das ausgesprochen harte Material genannt, das auch selbst verbaut wurde.

Wir befinden uns im Kellergeschoss des Kölner Rathauses; über uns eine Betondecke, darüber ein profaner Neubau aus der Nachkriegszeit. Wiehen sperrt die Tür des Magazins auf. Dahinter verbirgt sich ein Gewölbe aus dem 12. Jahrhundert, in der Mitte abgestützt durch eine romanische Säule. Über diesem Keller stand einst ein von Juden bewohntes Haus, das im späten Mittelalter der Erweiterung des Rathauses zum Opfer fiel. Teile des Rathauses wiederum wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Der Keller ist geblieben.

Es dürfte derzeit in Deutschland keine spannendere Baustelle geben: Mitten in der Kölner Altstadt an der Judengasse gräbt ein Team von Archäologinnen und Archäologen seit bald 14 Jahren ein ganzes Stadtviertel aus – an dem Ort, an dem im Mittelalter die Juden von Köln lebten. In einigen Jahren werden Besucher durch die historischen Keller und Gebäude laufen können. Sie werden die Synagoge aus dem frühen 11. Jahrhundert entdecken können, in die Mikwe, das rituelle jüdische Tauchbad, hinuntersteigen, aber auch auf die Überbleibsel des römischen Statthalterpalastes stoßen.

Alles begann in Köln

Über ihnen werden sich die Räume des Jüdischen Museums von Köln erheben, das dem jüdischen Leben in der Stadtgeschichte gewidmet sein soll. „MiQua“, so soll das Museum über dem Ausgrabungsfeld heißen. Die Bezeichnung leitet sich aus der Abkürzung von „Museum im archäologischen Quartier“ ab. Sie erinnert aber auch an die Mikwe – kein Zufall, zählt das Tauchbad doch zu den herausragenden Ausstellungsobjekten.

Die Eröffnung des Museums ist für 2025 geplant. Doch schon in diesem Jahr wird ein Jubiläum groß gefeiert: Seit mindestens 1.700 Jahren gibt es jüdisches Leben in Deutschland. Es begann hier in Köln.

Das belegt ein Dekret des römischen Kaisers Konstantin. In dem Schreiben vom 11. Dezember 321 antwortet er auf eine Nachricht aus Köln: „Durch reichsweit gültiges Gesetz erlauben wir allen Stadträten, dass Juden in den Stadtrat berufen werden. Damit ihnen [den Juden] selbst aber etwas an Trost verbleibe für die bisherige Regelung, so gestatten wir, dass je zwei oder drei […] aufgrund dauernder Privilegierung mit keinen [solchen] Berufungen belastet werden.“ Es ist der Beweis, dass Juden damals in Köln lebten.

Um das Dekret zu verstehen, muss man wissen, dass das Amt des Stadtrats damals eine kostspielige und unbeliebte Angelegenheit war – für die Räte selbst. Denn sie mussten für die Steuereinnahmen der ihnen unterstellten Einwohner bürgen und Fehlbeträge aus ihrer Privatschatulle begleichen, so auch in der „Colonia Claudia Ara Agrip­pinensium“, wie Köln damals hieß. Das, was auf den ersten Blick wie eine Gleichstellung der Juden wirkt – deren Berufungsmöglichkeit in den Stadtrat –, markiert in Wahrheit also das Ende eines Privilegs.

Von einer jüdischen Gemeinde ist in dem Dekret nicht die Rede. Allerdings argumentieren Historiker, aus dem Schreiben gehe hervor, dass es damals in Köln wohlhabende Juden gegeben haben muss, denn nur für sie kam eine Berufung in den Stadtrat überhaupt infrage. Dann dürfte es auch ärmere Angehörige der Minderheit gegeben haben. Vermutlich hat eine größere Gruppe, eine Gemeinde, dort gewohnt. Und diese Gemeinde lebte wohl schon länger in der römischen Stadt, wahrscheinlich schon seit dem ersten Jahrhundert nach Christus, als die aus Palästina vertriebenen Juden in das ganze römische Weltreich emigrieren mussten.

Allerdings sagt der Archäologe Thomas Otten: „Eine Siedlungskontinuität von der Antike bis zum Mittelalter lässt sich nicht nachweisen.“ Zwar seien vereinzelt jüdische Objekte aus der Römerzeit in Deutschland gefunden worden, etwa in Augsburg eine Öllampe mit dem Bild einer Menora, des siebenarmigen Leuchters. Der Kölner Boden hat aber nichts dergleichen ausgespuckt. Es lasse sich auch nicht nachweisen, dass in der Merowingerzeit – in den sogenannten dunklen Jahrhunderten nach dem Zusammenbruch der römischen Herrschaft – Juden in Köln ansässig waren, sagt Otten, auch wenn das wahrscheinlich ist. Nur das Dekret von 321 belegt ihre Anwesenheit schon vor dem zweiten Jahrtausend.

Der Platz vor dem Rathaus ist mit einem Bauzaun abgesperrt. Die Bodenplatte für das künftige Museum wurde schon in großen Teilen gegossen. Darunter sind immer noch Archäologen mit der Sicherung von Artefakten beschäftigt, ausgestattet mit gelben Warnwesten und roten Bauhelmen. Einer von ihnen ist Gary White, der stellvertretende Stabsleiter der archäologischen Zone. Der gebürtige Brite hat in Deutschland Archäologie studiert und ist geblieben.

Er erklärt, dass an einigen Stellen noch gegraben wird, während anderswo die Vorbereitungen für den Neubau des Museums weitergehen. White weist auf einen der beiden Fahrstuhlschächte, die in den Himmel wachsen. Unmittelbar daneben sind die Überreste einer römischen Therme zu erkennen. „Das war Millimeterarbeit“, sagt er, „der Fahrstuhl durfte die Therme nicht beschädigen.“

Es ist ziemlich einmalig, dass mitten in einer Stadt derart großflächige archäologische Grabungen stattfinden können. Nach den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs, dem die Kölner Altstadt fast vollständig zum Opfer fiel, entschied die Stadt, das Gelände am Rathaus nicht mehr neu zu bebauen. Stattdessen entstand ein Parkplatz. Schon damals fanden Grabungen statt, die einen Teil des römischen Statthal­terpalastes und die Mikwe, das Tauchbad, zum Vorschein brachten.

Auf einem Stein ist jüdische Schrift zu lesen

Schiefertafel mit dem Namen „Mordekai Josef“ Foto: Christina Kohnen

Als die neuen Grabungen 2007 begannen, stießen die Archäologen in den aufgefüllten Kellergewölben der im Krieg zerstörten Häuser auf die erste Schicht Geschichte: die Trümmer aus der Kriegszeit. Einen ganzen Topf Soleier haben sie geborgen, erinnern sich Gary White und Michael Wiehen. Glühbirnen, zwei Zahnprothesen nebst Wassergläsern. Es fanden sich verkohlte Zeitungsreste, zertrümmerte Möbelstücke, Porzellan und ein wertloser „Münzschatz“, bestehend aus 2-Mark-Geldstücken aus der Nazizeit.

Die Archäologen bargen aber auch einen Sederteller mit einem Davidstern. Einen solchen Ritualgegenstand benutzen Juden beim Pessachfest in Erinnerung an den Exodus. Wie er 1943 zwischen die Kriegstrümmer geraten ist, vermag niemand zu sagen. War er das Beutestück eines christlichen Kölners, erstanden auf einer der Versteigerungen von geraubtem Eigentum? Juden gab es damals in der Altstadt nicht mehr.

Sie waren schon ab 1941 zusammengetrieben worden, zunächst in „Judenhäuser“, dann in das Sammellager im Vorort Müngersdorf, schließlich in die Messehallen, wo sie auf ihre Deportation in den Tod warten mussten, ab dem Bahnhof Deutz-Tief in Richtung Osten. In die Gettos und Vernichtungslager. Fast 6.000 jüdische Kölner sind damals verschleppt worden, nur wenige von ihnen haben überlebt.

Auch die ab 1890 errichtete Synagoge der Jüdischen Gemeinde Köln in der Roonstraße außerhalb des Zentrums ist in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 von den Nationalsozialisten gebrandschatzt und verwüstet worden. Im April 1945 fanden in den Trümmern wieder erste Gottesdienste statt. Nur wenige Juden waren da zurückgekehrt, manche hatten die Verfolgungen im Versteck überlebt.

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Das Gotteshaus wurde wiederaufgebaut; gewaltig und in der Formensprache fast einer Kirche gleich. Der Innenraum ist schlicht gehalten, mit geweißten Wänden und Mosaiken in den Fenstern. Große Tafeln erinnern im Eingang zum Betsaal an die Opfer während der NS-Zeit.

Über 20.000 Jüdinnen und Juden lebten um 1930 in der Rheinmetropole. Knapp ein Viertel davon sind es heute wieder, berichtet Abraham Lehrer, der im Vorstand der Gemeinde sitzt und auch als Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland fungiert. „Ein bisschen stolz“ auf 1.700 Jahre jüdischer Geschichte in Köln sei er schon, sagt Lehrer am Telefon, aber das mache die Kölner Juden nicht zu einer besseren Gemeinde.

Dem 66-Jährigen ist vor allem wichtig, dass die „mittelgroße Gemeinde“ wieder über eine fast komplette Infrastruktur verfügt, mit Begegnungszentrum, Seniorenheim und Kindertagesstätte. Nur ein jüdisches Gymnasium fehle noch, aber „daran arbeiten wir“.

Mit den Archäologen, die das einstige jüdische Viertel in der Altstadt ausgraben, ist die Gemeinde in engem Kontakt. Die Pläne für das Museum begrüße er, sagt Lehrer, „weil dort nicht ein Shoah-Museum entstehen soll, sondern ein Museum für jüdisches ­Leben, um Vorurteile abzubauen.“ Lehrer möchte im Jubiläumsjahr weniger an die Verfolgung erinnern, sondern eher das Positive betonen, er will auch das jüdische Leben von heute zeigen.

Ein Mann mit Helm gräbt zwischen alten Gemäuern

Die Archäologen graben zwischen mittelalterlichen Kellermauern Foto: Michael Wiehen

Von guten Zeiten, als Juden und Christen miteinander kooperierten, haben die Archäologen bisher nicht viel gefunden, auch wenn es sie wohl gegeben hat. Im Gegenteil, in der Erde eingegraben entdecken sie immer wieder die Zeugnisse von Katastrophen.

Es ist nicht so, dass sich die Geschichte im früheren jüdischen Viertel einer Torte gleich in Schichten abtragen ließe. Die Hinterlassenschaften der Epochen überlappen sich, manche sind breit und dick, andere nur wenige Millimeter dünn, sagt Gary White. Immer wieder seien die alten Grundmauern als Basis für neue Gebäude genutzt worden. Auch die nach dem Zweiten Weltkrieg erbauten schmalen Giebelhäuser stehen auf Kellergewölben aus dem Mittelalter.

Acht Meter tief reichen die Grabungen. Zwischen mit Trümmern aufgefüllten Mauern und in ehemaligen Kloaken stießen die Experten schließlich auf Schichten aus dem Mittelalter und der Römerzeit. Sie fanden dort die Überreste eines Pogroms: der Bartholomäusnacht vom 23. auf den 24. August des Jahres 1349.

In einer alten Chronik der Stadt ist von einem „Auflauf, darin die Juden mit Ungeschichte erschlagen worden“ die Rede. Offenbar kam eine große Gruppe aufgehetzter Christen in das jüdische Viertel, tötete die Einwohner, steckte die Häuser in Brand und nahm alles an Verwertbarem an sich. Nach jüdischer Überlieferung waren es die Juden selbst, die, vom wütendem Mob bedroht, ihre Häuser anzündeten. Die Judengemeinde habe sich, so heißt es, „selbst mit Weibern und Kindern zum Brandopfer gebracht, um der gezwungenen Taufe zu entgehen“.

Das Pogrom von Köln war kein Einzelfall. In Europa wütete in diesen Jahren die Pest, die etwa ein Drittel der Bevölkerung auslöschte. Den Juden wurde angedichtet, sie hätten die Brunnen vergiftet, um die Christen zu ermorden. Überall, in Bern, Basel, Freiburg, Speyer, Oppenheim, Mainz und Frankfurt am Main, schlugen die Judenhasser zu. Sie raubten Geld und Wertgegenstände und entledigten sich so auch der Schulden, die sie bei den ermordeten jüdischen Geldverleihern hatten.

2021 steht im Zeichen von 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland: Ein eigens gegründeter Verein koordiniert bundesweit rund 1.000 Veranstaltungen: Konzerte, Ausstellungen, Vorträge, Videoprojekte, Theater und Filme. Viele Veranstaltungen mussten wegen Corona ins Internet verlegt werden.

Zum Auftakt gibt es am 21. Februar einen Festakt in der Kölner Synagoge unter anderem mit Josef Schuster vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Die Veranstaltung wird in der ARD übertragen. Weitere Highlights: das weltgrößte Laubhüttenfest „Sukkot XXL“ unter Teilnahme von 105 jüdischen Gemeinden vom 20. bis zum 27. September und das Festival „Mentsh“ mit Konzerten, Tanz und einer Bustour – soweit Corona das erlaubt.

Weitere Infos unter www.https://2021jlid.de

Bei ihren Grabungen stießen die Archäologen auf eine große Schicht Brandschutt. Sie fanden über 2.000 Fragmente, darunter kunstvoll bearbeitete Teile der Bima, der Lesekanzel aus der Synagoge. Dazu gehörten der steinerne Kopf eines Fantasietieres, die Skulptur eines Hundes und ein Vogelkopf mit Weinbeere. „Die Bearbeitung legt nahe, dass am Bau dieser Stücke die Bauhütte des Doms beteiligt war“, sagt Thomas Otten, der Leiter des künftigen Museums. Das lässt auf enge Beziehungen zwischen Christen und Juden schließen, immerhin.

Umgekehrt kann freilich ein jüdischer Anteil am Bau des Kölner Doms ausgeschlossen werden, denn Steinmetzarbeiten waren Juden damals verboten. Etwa zur gleichen Zeit, als die Lesekanzel in der Synagoge entstand, schufen christliche Holzschnitzer eine antisemitische „Judensau“, die noch heute im Dom besichtigt werden kann. Im Chorgestühl sind drei Juden abgebildet, zu erkennen an den Hüten, die sie tragen mussten. Einer hält ein Schwein an den Vorderbeinen, einer füttert das Tier, und der Dritte saugt an einer Zitze. Dieses Motiv, gestaltet, um Juden verächtlich zu machen, ist nicht die einzige antisemitische Abbildung im Dom.

Im mittelalterlichen Schutt des Kölner Judenviertels stießen die Archäologen auch auf den alten Fußboden der Synagoge. Sie gruben Reste des jüdischen Hospitals aus, des Gemeindehauses, des Badehauses. Sie entdeckten die Überbleibsel verbrannter Bücher – eiserne Beschläge – und, in einem Nachbarhaus der Synagoge, eine monumentale Inschrift über einem zugemauerten Ausgang: „Das ist das Fenster, durch das die Fäkalien hinausgeworfen werden“, steht dort in hebräischer Schrift, ein Zeugnis der dürftigen hygienischen Zustände im Mittelalter, als der Unrat in Kloaken nahe der Häuser abgeladen wurde.

Vor allem aber bargen die Archäologen einen einmaligen und doch zunächst unscheinbaren Schatz: Hunderttausende Bruchstücke von Schiefertafeln. Erst bei näherem Hinsehen stellte sich heraus, dass etwa fünfhundert von ihnen mit Schrift versehen sind – Nachrichten aus dem Alltagsleben der Kölner Juden im Mittelalter.

Kellergewölbe

Kreuzgratgewölbter Keller eines ursprünglich jüdischen Hauses Foto: Stadt Köln, Michael van den Boogard

Die Judaistin Elisabeth Hollender ist mit der Erforschung dieser eingeritzten Schriften beauftragt. „Es sind die alltäglichen kleinen Dinge, die wir entzifferten, darunter fast 300 verschiedene Namen von Bewohnern“, sagt sie am Telefon. Hollender und ihre MitarbeiterInnen entdeckten zwei Abrechnungen, die offenbar von einer Bäckerei und einer Metzgerei stammen, versehen mit den Alltagsnamen von Personen, kleinen Geldsummen und der Angabe der Währung.

Sie fanden Hinweise auf einen Synagogendiener und den Vorbeter und auf zwei Frauen, die für die Mikwe, das Tauchbad, zuständig waren. Und dann gibt es noch die vielen Schreibübungen, bei denen Schüler das Alphabet oder einzelne Buchstaben bisweilen in Schönschrift einzeichneten. Sie stammen offenbar aus einer jüdischen Schule.

Die Schiefertafeln lassen Rückschlüsse auf das Leben der Kölner Juden im Mittelalter zu: Offenbar besaßen viele nicht nur Kenntnisse im Lesen, sondern auch im Schreiben, was damals höchst ungewöhnlich war. Ihre hebräischen Namen hatten viele Bewohner eingedeutscht. Ein Teil der Texte ist zwar in hebräischen Buchstaben geschrieben, die Sprache ist aber Mittelhochdeutsch mit einem rheinischen Einschlag. Nein, Kölsch im heutigen Sinne sei das nicht gewesen, bremst Hollender die Erwartungen von Lokalpatrioten.

Andere Tafeln, etwa der Teil eines Talmudkommentars, sind in hebräischer Sprache verfasst. Die Bewohner sprachen also offenbar Deutsch miteinander, nutzten aber in der Regel he­bräi­sche Schriftzeichen.

Elisabeth Hollender fand gar ein mittelhochdeutsches Ritterepos in hebräischen Buchstaben, bestehend aus drei Tafeln, die zueinanderpassen. Es gehe da um einen Ritter, der in der Burg eine Frau treffen will, erzählt sie. „Unglücklicherweise kennen wir nur die Hälfte der Zeilen, weil ein Stück fehlt. Ob der Ritter ins Schlafzimmer der Frau vordringt, werden wir deshalb niemals erfahren.“

Manche der Bruchstücke sind nur wenige Zentimeter groß. Weil die Schiefertafeln so schwer entzifferbar sind, arbeitet Hollender nicht mit den Originalen. Eine Fotografin hat Bilder im Schräglicht angefertigt, die eine bessere Lesbarkeit ermöglichen. Je nach Zustand, so berichtet die Judaistin, kann die Entzifferung ganz rasch vor sich gehen oder zur stundenlangen Puzzlearbeit werden.

Um herauszufinden, was die Menschen damals zu sich nahmen, schauten die Archäologen in die Kloaken. Dort fanden sie nicht nur Scherben, Kochgeschirr und Bauschutt, sondern auch Tierknochen. Hubert Berke hat die Knochen aus der Kloake unter der Synagoge akribisch untersucht – insgesamt fast 3.300. Das Ergebnis: Die Kölner Juden ernährten sich streng koscher.

Lage und Größe des Kölner Judenviertels sind lange bekannt, denn das Kölner Judenschreinsbuch, das über die Besitzverhältnisse Auskunft gibt, hat sich über die Jahrhunderte erhalten. Der Bezirk, in dem nach der Berechnung von Thomas Otten wohl etwa 600 bis 1.000 Menschen lebten, war nicht abgeschlossen, an den Rändern wechselte christlicher mit jüdischem Hausbesitz. Es handelte sich also nicht um ein Getto.

Blick auf das Kölner Rathaus

Das Kölner Rathaus steht auf historisch wertvollem Grund Foto: Michael Wiehen

Etwa vom Jahr 1000 an lässt sich die Synagoge nachweisen. Die Archäologen entdeckten mehrere, teilweise kunstvoll aus Bodenfliesen erbaute Fußböden. Es gab wohl ruhige Zeiten, in denen die Juden, bei der Obrigkeit durch die Zahlung hoher Geldsummen abgesichert, unbehelligt ihrem Alltagsleben nachgehen konnten, etwa als Händler oder Handwerker.

Aber viele Berufe blieben ihnen versperrt, weshalb man sich auf das Geldverleihen konzentrierte, das wiederum den Christen verboten war. So mancher Landesherr war bei den Kölner Juden hoch verschuldet. Antisemitische Legenden von jüdischen Ritualmorden an Christenkindern machten schon damals die Runde. Und so wurden Juden, allen Schutzprivilegien von weltlichen sowie geistigen Herrschern und der Stadt Köln zum Trotz, immer wieder gejagt und ermordet.

„Es ist sinnlos, die Feinde des Christenglaubens in der Fremde zu bekämpfen, wenn doch die Christenmörder, nämlich die Juden, ungestraft in unseren Städten leben.“ So stachelte Abt Pierre de Cluny die wilden Haufen auf, die sich im Jahr 1096 zum ersten Kreuzzug aufmachten. Eine Serie von Pogromen war die Folge, ganz besonders im Rheinischen.

Der Dichter Elieser ben Nathan schrieb: „Da erschrak den Kölner Juden das Herz zu Tode, und sie flüchteten sich ein jeder in das Haus eines christlichen Bekannten und blieben dort.“ Das spricht für eine gewisse Solidarität der Kölner. Der Kölner Erzbischof Hermann III. verweigerte den Verfolgten Obdach in seinen Räumen, stattdessen ließ er die Juden auf die umliegenden Landgemeinden verteilen. Doch auch dort fanden sie die Kreuzfahrer und ermordeten sie unter Mithilfe der Dörfler. Nur wenige Juden konnten nach Köln zurückkehren.

Immer wieder von vorne

„Die Barbaren! Sie schonten nicht die Schwangeren und ihrer Frucht, gruben die Unglücklichen lebens in Felshöhlen, warfen sie in siedende Kessel und flochten sie lebendig auf's Rad. – Alles dies ist über uns gekommen, doch fielen wir nicht ab von dir und murrten nicht gegen deinen Willen. Gerecht bist du, aber wir, wir fehlten gegen deine Gesetze, darum trafen uns diese Leiden. Und nun, o Gott, wie lange noch?“

So betrauerte der Rabbiner Joel ben Isaac ha-Levi die Opfer eines Pogroms im Kölner Raum. Am 1. Februar 1197, so die Überlieferung, hatte ein geisteskranker Jude ein christliches Mädchen in Neuss getötet. Daraufhin ermordeten aufgehetzte Christen sechs Gemeindemitglieder und banden ihre Leichname aufs Rad. Sie plünderten die Häuser der Juden, begruben die Mutter des Geisteskranken bei lebendigem Leib, räderten die Brüder und stellten die Leichen zur Schau.

Als Reaktion auf die Geschehnisse erhob der Kölner Erzbischof eine Geldstrafe von 150 Mark, damals eine enorme Summe. Nur musste die nicht von den Mördern bezahlt werden, sondern von der jüdischen Gemeinde – ein Verfahren, das verzweifelt an die Pogromnacht vom November 1938 unter den Nazis erinnert, als den Juden anschließend eine „Buße“ von einer Milliarde Reichsmark auferlegt wurde.

Immer wieder aber entstand das Kölner Judenviertel im Mittelalter aufs Neue. Die Überlebenden begruben die Toten, räumten den Brandschutt weg, erneuerten ihre Synagoge und begannen von vorne. Schließlich war Köln mit seinen rund 50.000 Einwohnern eine der größten und prosperierendsten Städte der bekannten Welt, mit Handelsverbindungen bis in den Nahen Osten. Auch nach der Bartholomäusnacht von 1349 entstand wieder eine jüdische Gemeinde, deren Überreste die Archäologen identifizieren konnten.

Doch im Jahre 1424 war Schluss. Der Kölner Rat verbannte die Juden „auf ewige Zeiten“ aus den Mauern der Stadt, denn die Stadtväter missgönnten dem Erzbischof, dass dieser durch seinen Schutzbrief hohe Geldsummen aus den Juden herauspressen konnte. Mit der Ausweisung der Minderheit hatten sie die Gelegenheit gefunden, es der Kirche heimzuzahlen – auf Kosten der Juden.

Praktisch veranlagte Katholiken

Selbst für einen Tagesbesuch benötigten sie fortan eine besondere Genehmigung. Die Menschen verließen die Stadt. Ihr Viertel ging in den Besitz von Christen über. Die Mikwe wurde zur Kloake. Auf den Grundmauern der Synagoge entstand 1426 die Ratskapelle St. Maria in Jerusalem. Den alten Grundriss übernahmen die praktisch veranlagten Kölner Katholiken. Die Kapelle versank erst in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs.

Fast 400 Jahre lang durften in der katholischen Stadt keine Juden leben. So ganz stimmt die Geschichte von den 1.700 Jahre jüdischem Leben also nicht, jedenfalls was Köln angeht. Erst im Jahr 1794 änderten sich die Verhältnisse. Am 6. Oktober marschierten französische Truppen unter den Klängen der Marseillaise in Köln ein, die Revolution hatte den Rhein erreicht. „Alles, was nach Sklaverei schmecke“, so der französische Regierungskommissar, wurde abgeschafft. Und so fiel endlich auch der Judenbann.

Die Aufklärung begann, das Bürgertum entstand, an beidem hatten gerade die Juden einen hohen Anteil. Doch auch in diesen besseren Zeiten des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts blieb die Gleichstellung ein Traum. Noch vor 110 Jahren waren Juden manche Stellungen im Staatsdienst verwehrt. Stattdessen schlug die Geburtsstunde des Rasse-Antisemitismus, der Grundlage der NS-Ideologie. In der Weimarer Republik erfolgte endlich die Gleichstellung von Christen und Juden. Aber es waren nur 14 kurze Jahre bis zum Naziterror.

So gesehen steht der Brandschutt der Kölner Bartholomäusnacht von 1349 repräsentativer für die 1.700 Jahre jüdischer Geschichte in Deutschland als etwa die Beschwörung einer deutsch-jüdischen Symbiose in der Weimarer Republik. Dieser Brandschutt macht deutlich: Es geht hier nicht nur um Juden, sondern genauso um die Nichtjuden, nämlich diejenigen, die das Viertel damals zerstörten und die Menschen ermordeten, die, die zuschauten, und die, die daraus Profit schlugen. Und um ihre Nachkommen, denen im Bombenkrieg 1943 ein mutmaßlich geraubter Sederteller abhandenkam. Das Graben nach jahrhundertealten Artefakten in der Kölner Altstadt wird so zu einer sehr politischen Angelegenheit.

Vor wenigen Jahren noch unkten Kölner Schwarzseher, es gebe für das neue jüdische Museum zu wenige Fundstücke, um eine Ausstellung füllen zu können. Heute sorgt sich der künftige Leiter Thomas Otten, wie all die Artefakte auf die 8.000 Quadratmeter passen ­sollen, die zur Verfügung stehen werden.

1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – für Abraham Lehrer von der Synagogen-Gemeinde Köln bedeutet das trotz allem etwas Schönes. Er sagt: „Wir wollen nicht nur an die schlechten Zeiten erinnern, sondern auch an die guten.“ Auch wenn die verflucht selten vorgekommen sind.

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