Jüdischer Friedhof Altona soll Weltkulturerbe werden

Comics auf den Gräbern

Der jüdische Friedhof Altona birgt portugiesische und osteuropäisch-deutsche Grabsteine. Die erzählen viel über Flucht, Streit und Freizügigkeit.

Aschkenasische „Rabbinerreihe“: Einstige Streithähne liegen auf dem Friedhof nebeneinander. Foto: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | Er wusste alles über die Pest. Schrieb über Musiktherapie und Medizinethik, war versiert im Kaiserschnitt: Extrem gefragt war der 1592 aus Portugal nach Hamburg geflohene jüdische Arzt Rodrigo de Castro, der später sogar Leibarzt des dänischen Königs wurde. Er starb 1627 und „bewohnt“ eins von etlichen de Castro-Gräbern auf dem jüdischen Friedhof Altona, den Hamburg am 1. Februar 2017 auf die internationale Vorschlagsliste fürs Unesco-Welterbe setzt.

Auch Rodrigo de Castros Sohn Benedictus wurde renommierter Mediziner und Leibarzt der Königin Christina von Schweden. Rund 400 Jahre lang brachte die Familie Ärzte hervor, profitierend von jenem Mix aus ibero-arabischer und jüdischer Medizin, die die portugiesischen Juden auf der einst maurischen, religiös toleranten iberischen Halbinsel kennengelernt hatten.

Ihre Methoden waren für Hamburg revolutionär. In den Genuss dieses Innovationsschubs kamen die Hanseaten durch einen zynischen Zufall der Weltgeschichte: Als Opfer rassistischer Verfolgung kamen die de Castros, Teixeiras, Curiels, Fidanques und weitere portugiesische, sephardische Juden im 16. und 17. Jahrhundert nach Hamburg.

Sie flohen vor der Inquisition, die erst Spanien, dann das spanisch besetzte Portugal erreichte. Dort waren zwar viele Familien schon vor Generationen, seit man sie im 14. Jahrhundert für den Ausbruch der Pest verantwortlich gemacht hatte, zu Christen konvertiert oder wurden zwangsgetauft. Dennoch blieben sie der Mehrheitsgesellschaft, den Kardinälen und Königen suspekt, und seit 1478 brannten Scheiterhaufen in Spanien, später auch in Portugal. Brutal tobte die Inquisition – auch gegen getaufte Juden, die Conversos bzw. Maranos. „Diese Inquisition war eine rassistische“, sagt Michael Studemund-Halévy vom Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden. Er erforscht den jüdischen Friedhof Altona seit 30 Jahren und hat dessen Aufnahme in die Liste zum Welterbe systematisch mit vorbereitet.

Die portugiesischen Flüchtlinge, mit denen alles anfing, hatten Glück im Unglück, denn sie waren für die Kaufmannsstadt Hamburg und ihren Handel mit der Neuen Welt attraktiv: Neben Ärzten kamen Großkaufleute und Gelehrte. Und was intellektuell-finanzieller Aderlass für Spanien und Portugal war, geriet Hamburg zum Vorteil. Nur zu willig nahm der Senat – die Kirche anfangs weniger, man arrangierte sich aber dann – die Neuankömmlinge auf, bot ihnen Aufenthaltsrecht, weitgehende Handelsfreiheit, profitierte von ihren internationalen Kontakten.

Allerdings – eins erlaubte Hamburg ihnen nicht: den Erwerb eines Grundstücks auf Ewigkeit für einen Friedhof. Darauf bestanden die portugiesischen Juden. Denn diese Zwangsgetauften waren zwar erst auf der Flucht nach Amsterdam und Hamburg wieder jüdisch geworden. Aber daran, dass die Gebeine bis zur Auferstehung unberührt im Grab bleiben mussten, glaubten sie rückhaltlos. So wichen sie zwecks Friedhofskaufs also ins tolerantere, damals von Kopenhagen aus verwaltete Altona aus.

Drei Kaufleute erwarben dort 1611 ein Stück Land „auf Ewigkeit“ auf dem Heuberg, der heutigen Königstraße. Die Begräbnisse der Portugiesen mussten aber gesang- und geräuschlos stattfinden, damit sich die anti­jüdische lutheranische Orthodoxie nicht gestört fühlte. Bald danach wurde der Friedhof zu klein, die Gemeinde kaufte mehrfach neuen Grund dazu. Wenig später zogen Aschkenasen – vor Pogromen geflohene deutsche und osteuropäische Juden – nach, richteten das Nachbargrundstück als Friedhof her.

Obwohl anfangs durch Mauer und Bäume getrennt, war und ist diese Konstellation selten. Denn Aschkenasen und Sepharden waren sich nicht grün: wohlhabend, gebildet, assimiliert, weltoffen und sich über die Aschkenasen erhebend die Sepharden; orthodox und meist prekär lebend die Aschkenasen.

Als Signal einer „Ökumene“ war der Grundstückskauf auch gar nicht gedacht; es war eher eine zufällige, pragmatische Lösung, diese Versöhnung über Gräbern, die den Friedhof zu etwas Besonderem macht. Denn beide Fraktion vereint, das gibt es fast nirgends auf der Welt, das ist – neben dem guten Zustand der Gräber – ein weiterer Grund, das Areal als Welterbe zu ehren.

Außerdem ist dieser älteste Portugiesen-Friedhof Nordeuropas bei näherem Hinsehen gar nicht tot. Eloquent erzählt er von jüdischer Mentalitäts-, Religions- und Kulturgeschichte. Besonders auffällig: die Sarkophag-artigen Zelt- bzw. Pyramidalgräber auf dem 1.600 Gräber großen Portugiesen-Areal. Solche Steine gibt es sonst nur in Amsterdam, Venedig, der Karibik und im einstigen osmanisch-nordafrikanischen Raum – vielleicht ein Relikt der maurischen Zeit in Spanien.

Und was die Steine alles abbilden: Nicht nur Blumenranken, Viten und Bibelzitate auf Hebräisch, Spanisch und Portugiesisch. Auch zu Vornamen schuf man gemeißelte Comics biblischer Anekdoten. Da sitzt Daniel unbehelligt in der Löwengrube, träumt Jakob von der Himmelsleiter, und Schäferin Rahel wartet am Brunnen. Denn gerade die frisch zurück konvertierten „Neujuden“ wollten einen biblischen Stammbaum, versuchten sich über den Namen mit den Stammesvätern und -müttern zu verbinden.

Einige ließen sogar – und das gibt es weltweit nur in Altona – Stammbäume mit den Namen ihrer Kinder auf die Steine meißeln. Andererseits verleugneten sie weder ihren modischen Geschmack noch ihre Freizügigkeit. Dabei erlaubt das orthodoxe Judentum eigentlich gar keine Bilder. Und schon gar nicht so freizügige Dekolletees wie das der Rahel auf dem Stein einer Rahel da Fonseca. „So leicht bekleidet wird die biblische Rahel nicht in der Wüste herumgelaufen sein“, sagt Studemund-Halévy. Aber das verspielte Rokoko war Mode. Und so stellten sich die Wohlhabenden, in antiker Literatur gut bewandert, eine Schäferszene eben vor.

Man findet auch weniger „anrüchige“ Sephardengräber: das des 1691 verstorbenen Rabbis Semuel Abbas zum Beispiel. Seinen Grabstein ziert ein aufgeschlagenes Buch, Zeichen seiner Gelehrsamkeit und Hinweis auf seine über 1.200 Stücke fassende Büchersammlung, die damals größte sephardische Rabbinerbibliothek Europas. „80 Prozent davon waren nicht-religiöse Literatur“, sagt Studemund-Halévy. „Für einen Rabbiner ist das überraschend und zeugt vom breit gefächerten Interesse vieler Sepharden.“

Das Buch ist so ziemlich das einzige naturalistische Motiv, das die Aschkenasen übernahmen, die sich streng ans jüdische Bilderverbot hielten. Menschendarstellungen gibt es gar nicht auf ihren 6.000 erhaltenen Gräbern, von einer skandalös freizügigen Rahel ganz zu schweigen.

Überhaupt kreisen die Aschkenasengräber viel enger um Ämter in der Gemeinde: zwei Hände für den Cohen – den Priester. Eine Weihwasserkanne für den Leviten – des Priesters Gehilfen. Dazu sehr konkrete Namenssymbole: eine Traube für Herrn Traube, der Hirsch für Familie Hirsch. Ansonsten ist da nur Schrift. Hebräische Buchstaben, die erst im 19. Jahrhundert – nach zähen Debatten darüber, ob das zu profan sei – durch deutsche Texte ergänzt wurden.

Außerdem: Die Aschkenasen-Grabsteine liegen nicht, wie die sephardischen, sondern stehen. Und sie bestehen nicht aus teurem Marmor, sondern aus Sandstein – ein weiteres Indiz für das Wohlstandsgefälle.

Abgesehen davon lesen sich auch die aschkenasischen Gräber wie ein Who’s who: Fromet, 1812 gestorbene Ehefrau des Philosophen und Aufklärers Moses Mendelssohn, liegt in einem eigenwilligen Wannengrab, dessen Bedeutung niemand kennt; die romantische Autorin und Übersetzerin Dorothea Schlegel war ihre Tochter; die Komponistengeschwister Felix und Fanny Mendelssohn Bartholdy ihre Enkel.

Heinrich Heines Vater Samson wurde hier 1828 bestattet, nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs fand man sein Grab erst vor wenigen Jahren wieder. Oder Wolff Zalman Warburg, der 1805 das Altonaer Bankhaus W.S. Warburg gründete. Zur Hamburger Linie zählten der Banker Max Warburg sowie der Büchersammler und Kunsttheoretiker Aby Warburg.

Von heißen Debatten zeugt indes die aschkenasische „Rabbinerreihe“ voller einstiger Streithähne. Da liegt der 1764 gestorbene Jonathan Eibeschütz, ein gefeierter Tora-Gelehrter. Ob er, wie vom Konkurrenz-Rabbi Jakob Emden unterstellt, wirklich dem Pseudo-Messias Shab­tai Zvi anhing, der Mitte der 1660er-Jahre eine messianische Bewegung, den Sabbatanismus, auslöste, ist unklar. Rabbi Emden agitierte damals vehement gegen Eibeschütz. Heute liegt er friedlich neben ihm. Rabbi Jecheskel Katzenellenbogen, links neben Eibeschütz begraben, erließ gar einen Bann gegen die Fans des falschen Messias. Dass der Pseudo-Messias 1666 zum Islam konvertiert war, ging da völlig unter.

Von diesen Fehden ahnt der Besucher nichts, wenn er zwischen die Grabsteine tritt. Die stehen meist klaustrophobisch dicht. Andere Steine liegen verstreut herum, weil man nach Vandalismus und den Bomben des Zweiten Weltkriegs oft nicht mehr wusste, wo die zugehörigen Gräber waren.

Ein klein wenig Orientierung brachten da Fotos, die ab 1943 im Auftrag der Nazis gemacht wurden. Die wollten anhand der Grabsteininschriften nachweisen können, ob jemand jüdisch war. Außerdem planten sie rassistisch-genetische Forschungen an den Gebeinen –eine grausige Motivation, aber Forscher Studemund-Halévy sieht das gelassen. Er ist froh, dass es diese Fotos des 1869 geschlossenen, seit 1960 denkmalgeschützten Friedhofs gibt. „Das hilft uns bei der Rekonstruktion des einstigen Zustands“, sagt er. Halévy, der jeden portugiesischen Grabstein dokumentierte und die Aufnahme ins Welterbe seit Jahren vorantreibt, geht sogar noch weiter: „Und wenn sich die internationale Kommission 2018 gegen uns entscheidet – so what? Wo ist das Drama?“

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