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Jetzt seid doch mal leise

Kinderlärm! Überlaute Smartphones! Der Verkehr! In Deutschland fühlt sich die Bevölkerung so sehr vom Lärm gestört wie in kaum einem anderen Land – und das seit über 100 Jahren. Annäherung an ein Reizthema

Von Jochen Overbeck

Deutsche haben ein Problem mit Lärm; das scheint international bekannt zu sein. Die britische BBC schrieb schon 2016 über das Phänomen, verknüpfte es mit Johann Wolfgang von Goethes Protesten gegen den Bau einer Kegelbahn sowie den Ohropax – einer Erfindung aus Berlin. Sogar über den Krach, den Kinder machen, so stellte man bei dem Sender erstaunt fest, würde man sich in Deutschland beschweren.

Blickt man in die Internet-Community Reddit, so stoßen zahlreiche Expats in ein ähnliches Horn. Was hat es mit diesen Ruhezeiten auf sich? Darf man abends nicht staubsaugen? Kommt wirklich die Polizei, wenn man nach 22 Uhr einen Nagel einschlägt? Gut möglich. Laut einer EU-Statistik für das Jahr 2023 fühlten sich 25,2 Prozent der Deutschen erheblich von dem gestört, was außerhalb der eigenen Wände vor sich ging.

André Fiebig leitet die Arbeitsgruppe „Psychoakustik und Lärmwirkungen“ am Fachgebiet Technische Akustik der TU Berlin. Lärm, so sagt er, sei prinzipiell zweierlei: sowohl subjektives Empfinden als auch ein objektiv wirksames Phänomen mit potenziell ernsthaften gesundheitlichen Folgen. „Das Geräusch an sich ist noch kein Lärm“, erklärt er, „Erst wenn es auf einen Betroffenen trifft, der es als negativ, beeinträchtigend oder störend interpretiert, wird es zu Lärm.“ Leise Geräusche können also genauso als Lärm wahrgenommen werden wie laute – abhängig davon, wie wir sie bewerten. Ein Rockkonzertbesucher würde zum Beispiel ein dröhnendes Schlagzeug nicht als Lärm empfinden. Bei einem klassischen Konzert kann hingegen ein leises Räuspern aus dem Publikum schon als Krach gelten.

Gleichzeitig warnt Fiebig, dass gesundheitliche Gefahren auch auftreten können, ohne dass die Betroffenen den Lärm bewusst wahrnehmen: Nächtlicher Verkehrslärm könne den Schlaf stören, selbst wenn man glaubt, sich daran gewöhnt zu haben.

Die Wissenschaft unterscheidet dabei zwischen auralen Wirkungen, die das Gehör direkt betreffen, und extraauralen Wirkungen, die stressbedingt sind und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ein erhöhtes Depressions- oder Diabetesrisiko umfassen.

Bemerkenswert detailliert ist in München der Einsatz von Graskanten-schneidern mit Verbrennungs­motor geregelt

Ein berühmtes Plakat zum Thema stammt aus dem Jahr 1960 von dem Schweizer Grafiker Josef Müller-Brockmann. „Weniger Lärm“ steht in orangefarbenen Lettern über dem Gesicht einer Frau, die sich die Ohren zuhält. Das Plakat wurde im Auftrag der Eidgenössischen Kommission für Lärmbekämpfung entwickelt. Von seinen ästhetischen Qualitäten abgesehen, ist es ein immer noch valides Beispiel für die von Fiebig eingeführten Wirkungen. Es transportiert plastisch Unbehagen. Und man sieht dem gequälten Blick der Abgebildeten durchaus an, dass dieses Unbehagen aus dem Gehör in den Rest des Körpers sickert – also extraaural wird.

Für eine weitere ikonische Abbildung dieser Art zeichnet der Münchner Karikaturist Ernst Hürlimann verantwortlich. Zu sehen sind zwei Fahrgäste in der S-Bahn. Der eine liegt im Sitz wie ein Sack nasse Wäsche, die Augen geschlossen, auf der Brust einen tragbaren Kassettenrekorder; er trägt enge Jeans und Spitzschuhe, Kopfhörer bedecken die Ohren. Daneben ein Herr mit Hut, der Zeitung liest und sich die Ohren zuhält; sogar sein Dackel jault, denn: „Aus dem Walkman tönt es grell, dem Nachbarn juckt’s im Trommelfell“, wie über der Abbildung zu lesen ist. Von 1986 bis in die 1990er-Jahre hing dieses Plakat in jeder Münchner S-Bahn.

Der Lärmschutz ist in Deutschland heute in einem vielschichtigen Normensystem geregelt. Paragraf 117 des Ordnungswidrigkeitengesetzes stellt das unnötige Verursachen von Lärm unter Strafe. Hinzu treten spezielle Vorschriften des Bundesimmissionsschutzrechts sowie verschiedenste kommunale Lärmschutzverordnungen. So greift etwa in München eine „Haus­ar­beits- und Musiklärmverordnung“, die bemerkenswert detailliert den Einsatz von Graskantenschneidern mit Verbrennungsmotor regelt (nur von Montag bis einschließlich Samstag zwischen 9 Uhr und 12 Uhr sowie von Montag bis einschließlich Freitag von 15 Uhr bis 17 Uhr). In Berlin ist besonders das „Merkblatt zur Hausmusik“ hervorzuheben, das seine Verweise auf das „LImSchG Bln“ (Landesimmissionsschutzgesetz Berlin) immerhin mit Clip-Art-Abbildungen verschiedener Musikinstrumente auflockert.

Bundesweit anerkannt ist eine Nachtruhe zwischen 22 und 6 Uhr sowie die Sonn- und Feiertagsruhe, wobei auch hier Ausnahmen möglich sind. So hat das Bundesumweltministerium zum Beispiel zur derzeit laufenden Fußballweltmeisterschaft der Männer eine „Public-Viewing-Verordnung“ beschlossen. Darin ist genauestens geregelt, für welche Spiele zu welchen Anstoßzeiten das gemeinsame Schauen im Biergarten okay ist und für welche nicht. In der Summe ist das ein differenziertes Regime, das den Umgang mit Geräuschen im Alltag bemerkenswert detailliert ordnet.

Dass Lärm in Deutschland so häufig zum Gegenstand von Vorschriften und Ermahnungen wird, ist historisch gewachsen. Bereits im 19. Jahrhundert reagierten zahlreiche Städte mit Polizeiverordnungen auf die zunehmende Geräuschkulisse der Industrialisierung; Lärmquellen wie der zunehmende Eisenbahnverkehr, das Pfeifen der Dampfmaschinen und, ach, das Peitschenknallen von Kutschern oder das laute Anpreisen von Waren gehörten zu den Problemen.

Philosoph Theodor Lessing veröffentlichte bereits 1908 Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens

Theodor Lessing, ein Hannoveraner Philosoph und Publizist, veröffentlichte 1908 „Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“. In dem Essay analysierte er die wachsende Geräuschkulisse der Großstadt und deutete sie als Symptom einer gesellschaftlicher Verrohung, unter der vor allem die Geistesarbeiter:innen zu leiden hätten. Er betrachtete den Lärm nicht nur als physische Belastung, sondern auch als kulturelles Phänomen, das Rücksichtnahme und Feinsinnigkeit auf die Probe stellte.

Auf dieser Basis gründete er einen „Anti-Lärm-Verein“ und gab das Periodikum Der Anti-Rüpel heraus, in der er konkrete Maßnahmen gegen Lärm diskutierte. Lessings Einlassungen wirken heute teilweise klassistisch, aber durchaus aktuell. Zwar mag der Peitschenknall, den auch er anprangert, ein seltenes Ereignis im öffentlichen Straßenverkehr geworden sein. Der ebenfalls von ihm genannte Lärm (und die tödliche Gefahr) eines Automobilrennens scheinen hingegen ebenso kontemporär wie „das Bellen und Heulen der Hunde zur Nachtzeit“ oder „Gesang und Instrumentalspiel eines Dilettanten“.

Den kennen etwa Berliner:innen aus der S-Bahn, die vermeintlichen Dilettanten verfügen mittlerweile über Verstärker und beherrschen genau drei Lieder: „Hit The Road, Jack“, „Besame Mucho“ und „When The Saints Go Marchin’ In“. Dazu kommen neue Lärmquellen, etwa von den verschiedenen Mieträdern und -rollern, die in fast allen Metropolen den öffentlichen Raum bevölkern. Die spielen eine kleine Melodie, wenn man sich an- und abmeldet, geben Laut, wenn der Akku ausgetauscht werden muss, und schlagen Alarm, wenn man sie unautorisiert bewegen müsste. Kul­tur­pes­simis­t:innen klagen: Die Masse dieser Mikrogeräusche sorgt für eine zusätzliche Belastung.

Lärmforscher Fiebig sagt allerdings, dass sich diese Entwicklung weder eindeutig bestätigen noch widerlegen lasse, da derlei kumulative Effekte bisher wenig untersucht würden. In der Forschung richte sich die Bewertung der akustischen Umwelt vor allem an Verkehrs-, Industrie- und Gewerbelärm. Und: Es gebe kaum Daten, um objektiv zu vergleichen, wie laut öffentliche Plätze vor 20, 50 oder 60 Jahren waren.

Unfreiwillig mitgehörte Telefonate lösten aber einen interessanten Mechanismus aus. „Wenn Menschen etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln laut telefonieren, hat das einen hohen Informationsgehalt. Unser Gehirn versucht automatisch, Sprache zu entschlüsseln. Diese Dekodierung können wir kaum unterdrücken. Dadurch entsteht eine starke Ablenkung, was als besonders störend empfunden wird – selbst wenn die Lautstärke objektiv nicht extrem hoch ist.“

Nun telefonieren nicht nur die Deutschen manchmal eine Spur zu laut. Und auch in anderen Ländern gehören Mietroller zum Straßenbild. Die Empfindsamkeit der Deutschen besitzt aber mittlerweile sogar eine offizielle Beglaubigung: Auf deutschland.de, immerhin ein offizielles Angebot des deutschen Außenministeriums, wird Einwander:innen und allen, die es werden wollen, ein Rat mitgegeben: „Life creates noise. Every­where and even in Germany. Here, however, noise has fixed office hours“, auf Deutsch: „Das Leben macht Lärm. Auch in Deutschland. Aber hier hat der Lärm feste Geschäftszeiten.“ Es klingt fast, als wäre man ein bisschen stolz darauf.

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