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Jesse Jackson ist totEine wichtige schwarze Stimme ist verstummt

Er war rhetorisch brillant, streitbar und charismatisch: Jesse Jackson, der Barack Obama den Weg ins Weiße Haus ebnete, ist gestorben.

Schwarzer Bürgerrechtsbewegter: Jesse Jackson wird während eines Protests in New York 1971 von der Polizei festgenommen Foto: Marty Lederhandler/ap

Jesse Jackson konnte begeistern und er konnte anecken. 1988, nach einem höchst erfolgreichen Vorwahlkampf für die Demokratische Partei, hofften er und die hinter ihm stehende „Regenbogenkoalition“ auf die Vizepräsidentschaft. Doch der damalige Kandidat Michael Dukakis entschied sich gegen ihn – und verlor dann die Wahl ohnehin gegen George H. W. Bush. Aber Jackson hatte sich mit seiner Kampagne als wichtigste schwarze Stimme in der US-Politik etabliert.

Am Dienstag ist der Aktivist, Prediger, Organisator und Freestyle-Diplomat Jesse Louis Jackson Sr. mit 84 Jahren in Chicago an einer Nervenkrankheit gestorben.

Beim Parteitag der Demokraten 1988 in Atlanta verfügte er über die zweitgrößte Zahl an Delegierten. Es war eine bunte, kämpferische Schar von Menschen, die nach acht Jahren Reagan'scher Politik lautstark eine Kehrtwende verlangten. Vor seiner Rede führte er Rosa Parks auf die Bühne. Die zierliche Frau hatte 1955 mit dem Bus-Boykott von Montgomery Geschichte geschrieben und wurde genau so gefeiert wie Jackson selbst nach seiner fulminanten Rede.

Den sterbenden Martin Luther King im Schoß

Schlagzeilen machte er erstmals als Begleiter von Martin Luther King Jr. am Abend des 4. April 1968 im Lorraine Motel von Memphis, als ein Attentäter den Friedensnobelpreisträger auf dem Balkon erschoss. Jackson behauptete, er habe den Kopf des sterbenden Bürgerrechtlers im Schoß gehalten und erschien am nächsten Tag in einem blutverschmierten Pullover vor TV-Kameras. Andere Augenzeugen sagten später, dass er da ein wenig übertrieben hatte.

Jackson überwand die Ausgrenzung der Schwarzen US-Bevölkerung aus der Politik, was später die Wahl Barack Obamas nicht mehr unmöglich erscheinen ließ

An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht, auch Charisma hatte Jackson jede Menge. Seine politische Lebenserfahrung reichte von den Sit-ins und Märschen der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre bis zur Lobbyarbeit für mehr Schwarze Jobs im Silicon Valley ein halbes Jahrhundert später. Er nahm vieles voraus, wofür heute andere berühmt sind: Er zeigte das Potenzial einer linken Präsidentschaftskampagne, auf das zuletzt Bernie Sanders zugriff. Er überwand die Ausgrenzung der schwarzen US-Bevölkerung aus der Politik, was später die Wahl Barack Obamas nicht mehr unmöglich erscheinen ließ. Und er war ein Lehrmeister in politischer Rhetorik, die auf dem Stile schwarzer Predigten beruhte und die Redekunst Martin Luther Kings weiterführte.

Er vermochte Dinge auf den Punkt zu bringen: „Wir müssen in die Vorgärten des Lebens investieren, nicht in die Hinterhöfe“, sagte er immer wieder und meinte damit, dass Investitionen in Kindergärten, Bildung und Krankenversorgung viel menschliches Leid verhindern könnte. Und dass dem nicht so ist bei Geld für mehr Gefängnisse.

Seine Kritik am Rassismus der weißen Mehrheitsgesellschaft und an der US-Politik gegenüber dem Globalen Süden war hart und scharf. Für Jackson war aber die Hautfarbe weniger wichtig als Armut und Klassenzugehörigkeit. 1971 gründete er die Operation Push, eine Organisation, die ärmeren Bevölkerungsschichten aller Hautfarben bessere wirtschaftliche Chancen verschaffen sollte.

Boykott gegen Coca-Cola und KFC

Ein Mittel waren erfolgreiche Boykottkampagnen gegen große Unternehmen wie den Bierbrauer Anheuser-Busch, Coca-Cola oder Kentucky Fried Chicken. Später wurde aus der Operation Push und der Rainbow Coalition, die für mehr politische Teilhabe der Schwarzen Bevölkerung stritt, eine gemeinsame Organisation. Dieser Ansatz lebt heute im erstarkenden linken Flügel der Demokraten wieder auf.

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