Jazzsaxofonistin Lotte Anker: Traumhaftes Timing

Wie hat sich die dänische Saxofonistin Lotte Anker von Helden und Konventionen gelöst? Durch Improvisation. Porträt einer radikalen Virtuosin.

Lotte Anker hält ein Sopransaxofon in der Hand und denkt nach

Sehnen, Jaulen, Jauchzen: Lotte Anker ist ganz schön rumgekommen Foto: Peter Gannushkin

Es geht für mich darum, jede musikalische Situation, in der ich mich befinde, zu erforschen und zu überwinden“, erklärt die dänische Saxofonistin Lotte Anker. Genrebegrenzungen sind ihr eher suspekt, die 63-Jährige bezeichnet sich als improvisierende Musikerin. Sie vereint in ihrem Spiel Elemente mehrerer Richtungen: Neue Musik, Experimentalmusik, Rock, aber auch Zitate aus dem Free Jazz. Dadurch bricht die Künstlerin eingefahrene Klangvorstellungen auf. Angesichts dessen, was alles schon einmal dagewesen sei, schwebe Jazz grundsätzlich immer in Gefahr, in Konventionen zu erstarren, sagt Anker der taz.

Sehnen, Jaulen, Jauchzen: Lotte Ankers Klangpalette auf dem Saxofon verfügt über das gesamte Register an Emotionen und Stimmungen, mit allen unberechenbaren Zwischentönen und Grauzonen. Man kann das gerade wieder auf dem Doppelalbum „Road“ hören, dass Anker zusammen mit dem Trio des US-Gitarristen Fred Frith eingespielt hat.

An ihrem Sound wird sofort klar, Anker bewegt sich abseits aller Klischees skandinavischer Meditationsübungen. Auf dem ersten der beiden Alben überraschen Bassist Jason Hoopes, Jordan Glenn (Schlagzeug) und Frith mit dichten Funk- und Rockpassagen, die sich zwischen die ruhigeren, suchenden, neoavantgardistischen Klangpanoramen schieben, und für den zweiten Teil holen sie Lotte Anker dazu. Die das Tempo souverän variierende Dänin passt hervorragend zu den ausschweifenden Sounderkundungen des Trios, und sie landet inmitten eines der spannendsten Feldversuche, den es in der Improvisa­tions­musik derzeit gibt.

Begegnung mit John Tchicai

Anker studierte eigentlich Literatur, parallel dazu verbrachte sie viel Zeit damit, Saxofon zu spielen und Konzerte zu besuchen. Bereits als Kind hatte sie Klavier gelernt. Der Kick kam dann durch die frühen Alben der US-Band Weather Report und die elektrische Periode von ­Miles ­Davis. Lotte Anker besuchte verschiedene Musikschulen, entscheidend war dabei die Begegnung mit dem Altsaxofonisten John Tchicai.

Lotte Anker & Fred Frith Trio: „Roads“ (Intakt)

Taborn, Anker, Cleaver: “Live at the Loft“ (Ilk)

Tchicai, als Kind kongolesisch-dänischer Eltern in Dänemark aufgewachsen, war als einziger europäischer Musiker beim Free-Jazz-Aufbruch in New York Mitte der 1960er Jahre dabei gewesen: Tchicai ist an John Coltranes Jahrhundertaufnahme „Ascension“ beteiligt, spielt mit Archie Shepp etwa auf „Four for Trane“ und mit Albert Ayler auf „N. Y. Eye and Ear Control“ – mythische Musik aus jener Zeit.

In den 1980ern veranstaltete Tchicai in Kopenhagen Jamsessions mit jungen Musiker:innen. „An diesen Sonntagabenden konnte alles passieren“, sagt Lotte Anker, im Rückblick sei klar, dass sich dadurch ihr Leben verändert habe. Sie begann, in einem frei improvisierenden Trio mit dem Gitarristen Hasse Poulsen und dem Bassisten Peter Friis Nielsen zu spielen. Oft diskutierten und hörten sie vor allem solche Musik, die in der dänischen Hauptstadt damals nicht gefragt war.

Provozierende Experimente

„Historisch war Kopenhagen stets am US-Mainstream und Modern Jazz orientiert, experimentellere Musik blieb dagegen eine überschaubare Szene. Unsere Musik wurde von einigen Konservativen sogar als provokant wahrgenommen.“ Im Establishment rezipierte man improvisierte Musik vor allem als altmodische Reminiszenz an den Free Jazz.

Um 1990 wurde Anker klar, dass sie sich in erster Linie von offenen, grenzüberschreitenden Versuchen angezogen fühlte und sich für sie „allmählich die Tür zum modernen Jazz schloss“. Sie hatte das Gefühl, ihr „Interesse an Neuer Musik mit dem offenen Feld zwischen Free Jazz und Improvisation verbinden zu können“. Selbstverständlich war Lotte Anker zunächst im Banne von Coltranes Saxofonstil, aber sie erkannte schnell das Problem, das in ihrer Ehrfurcht lag.

Sie musste eine eigenständige musikalische Sprache finden – viele Sa­xo­fo­nis­t:in­nen seien im gewaltigen „Coltrane-Ozean“ untergegangen. Anker arbeitete mit Eigenkompositionen und setzte in ihnen konkrete strukturelle Vorstellungen um. Allmählich fasste sie international Fuß. Einige Jahre spielte sie im Quartett mit Johannes Bauer, Clayton Thomas und Paul Lovens, „mehr noisig“ war das Duo mit Fred Lonberg-Holm. Und im Trio mit den beiden US-Jazzern Craig Taborn (Piano) und Drummer Gerald Cleaver stand das Grooven zwar im Vordergrund, aber es ging auch „um abstrakte Klänge und Harmonien“ und um „oft sehr dichte Energie“.

Begegnung mit Marilyn Crispell

Wichtig ist ihr bei alldem das Gespür für „Timing, egal, ob es sich klar um pulsbasierte Musik oder Musik ohne hörbaren Puls handelt.“ Um 1997 begann Lotte Anker, gemeinsam mit der Pianistin Marilyn Crispell aufzutreten, die beiden absolvierten mehrere Tourneen durch die USA und Kanada. Zugleich wurde Anker in Kopenhagen Teil eines Musiker- und Komponist:innen-Kollektivs, das auch Improvisatoren und Free­jaz­ze­r:in­nen aus Europa einlud und mit ihnen kollaborierte.

So lud das Trio mit ihr, Nielsen und Poulsen Mitte der 1990er die Wuppertaler Free-Jazz-Ikone Peter Brötzmann zur Tournee ein: „Für mich war das eine schöne Erfahrung – vor allem, als ich nach dem ersten Gig herausgefunden habe, wie ich Brötzmanns Energy-Playing begegnen kann. Ich hatte ihn zwar mehrmals auf Konzerten erlebt, aber direkt neben seinem hochvolumigen Sound zu stehen, war noch mal umwerfender.“

Sie erinnert sich, dass solche Aktivitäten allmählich dabei halfen, „eine Gemeinschaft in Kopenhagen aufzubauen“. Inzwischen gehören freiere Spielweisen in Dänemark, wo es zudem vergleichsweise viele öffentliche Subventionen gibt, absolut zum Jazzalltag und werden auch auf großen Festivals akzeptiert, weit selbstverständlicher als etwa in Deutschland.

Seit vielen Jahren unterrichtet Lotte Anker am Rhythmic Music Conservatory in Kopenhagen und stellt fest, dass es sich mittlerweile „zu einer Kunstschule entwickelt“ habe, mit „großer Vielfalt an Genres und multidisziplinärer Arbeit“. Und sie betont, wie wichtig das sei: „gerade in den stark individualisierten, fragmentierten SoMe-orien­tierten westlichen Gesellschaften der Gegenwart.“

Unbekannte Landschaften

Fred Frith, mit dem sie am häufigsten zusammengespielt hat, traf sie erstmals 2009. Im Oktober jenes Jahres gingen sie auf „Soundtrips“-Tour in Nordrhein-Westfalen, und obwohl bei solchen Konzerten die Gefahr besteht, dass man in Gewohnheiten verfällt, waren die Auftritte mit Frith für sie nie vorhersehbar. „Jedes Konzert öffnet Türen zu unbekannten und überraschenden neuen Klanglandschaften.“ Auf dem aktuellen Album wird das deutlich. Die Stücke „The Trees Speak“ und „Sinking In“ wurden live im Alten Kino im oberbayerischen Ebersberg aufgenommen.

Lotte Ankers energetisch aufgeladene lange Linien sowie ihre wechselnden Tonmodulationen gehen unmittelbar auf die Nervenkunst des Trios um Fred Frith ein. „Sinking In“ ist ein sehr sprechendes Bild für das, was während der Musik geschieht: aus einer geheimnisvollen, suchenden Grundstimmung entsteht langsam eine Energieverdichtung, und das setzt offenkundig genau das um, was Lotte Anker als eine ihrer Lieblingsdefinitionen nennt: „Improvisation ist Komponieren im Jetzt!“ Man darf gespannt sein, zu welchen Volten diese interessante Musikerin auch weiterhin ansetzen wird.

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