Jahrestag der russischen Invasion: Sehen wir uns nächstes Jahr?
Tausende Menschen ziehen zum Jahrestag der russischen Invasion zum Brandenburger Tor. Es ist ein Ruf nach Freiheit, ohne die es keinen Frieden gibt.
D er Höhepunkt ist ein Moment der Stille. 5.000 Menschen knien am Dienstag vor dem Brandenburger Tor nieder und gedenken der Opfer des russischen Krieges in der Ukraine. Dann stehen sie auf und klatschen. Viele schwenken ukrainische Flaggen in den Farben Blau-Gelb, andere tragen iranische und belarussische Symbole. Berlin zeigt sich an diesem Abend solidarisch mit denen, die für ihre Freiheit kämpfen.
Und dann dieser andere Moment. Ein Bekannter verabschiedet eine Frau mit den Worten: Wir sehen uns nächstes Jahr wieder hier. Die Frau schaut ihn entgeistert an und antwortet: Ich hoffe nicht. Ein kleiner Wortwechsel, der an etwas Großem rührt. Was wünschen wir der Ukraine und wann wird das sein? Wird es überhaupt sein?
Von dem melancholischen und oft auch pessimistischen Ton, der zuletzt in vielen Berichten in den Medien oder sozialen Netzwerken mitschwang, ist auf dem Demozug vom Lustgarten bis zum Brandenburger Tor wenig zu hören. Es ist, als schauen die Menschen auf sich selbst, versichern sich ihrer Anwesenheit, der Kraft, die daraus entsteht. Selbst vor der russischen Botschaft keine Böller. Der Aggressor ist nicht wichtig in diesem Moment. Wichtig ist das Zeichen: Wir sind da. Und wir sind viele.
Sind Ukrainer unter uns, bitte macht euch bemerkbar, ruft später der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev der Menge zu. Fragt dann: Sind Deutsche unter uns? Sind Europäer unter uns? Jubel jedes Mal, vielleicht auch dafür, weil die Menschen ein Gespür dafür haben, wann und warum ein Diplomat für einen Moment aufhört, Diplomat zu sein. Makeiev spricht nicht in Floskeln in diesem Augenblick. Er gehört einfach dazu.
Kai Wegner, Regierender Bürgermeister
So wie auch die 22 Botschafter, die auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor stehen, Europaabgeordnete, Abgeordnete des Bundestags, Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey, der Regierende Bürgermeister Kai Wegner.
Was heißt Freiheit?
Was heißt Freiheit? Kai Wegner richtet sich in seiner Rede auch an die Menschen in Kyjiw, seit 2023 Partnerstadt von Berlin. „Wir glauben fest daran, dass Kyjiw auch in Zukunft eine Stadt der Freiheit sein wird – und die Ukraine ein freies Land“, betont Wegner.
Ein bisschen Geschichte umweht diesen Moment, ein Hauch von Willy Brandt. Berlin, die Stadt, die nicht aufgehört hat, an ihre Freiheit zu glauben, spricht der Partnerstadt, in der noch immer Menschen ohne Strom und Heizung leben, Mut zu.
Doch für die freie Ukraine braucht es einen langen Atem. Schon am Vortag war beim Café Kyiv der Konrad-Adenauer-Stiftung auffallend häufig zu hören, die Ukraine verschaffe Europa an der Front die Zeit, die es braucht, um sich verteidigungsfähig zu machen. Ein Waffenstillstand ohne Sicherheitsgarantien oder ein Diktatfrieden berge das Risiko, dass Putin weitermacht: in Estland, in Moldau, in Polen.
Wäre es vor diesem Hintergrund nicht eine gute Nachricht, sich nächstes Jahr wieder am Brandenburger Tor treffen zu dürfen? Die Bekannte schüttelt den Kopf, zuckt mit den Schultern. Auch sie weiß nicht, was es bedeuten würde, sich nicht zu treffen. Wie viele Flüchtlinge nach Berlin kommen werden, sollte die Ukraine kollabieren. Welcher Booster das wäre für die AfD. Wie heiß der Krieg Russlands gegen Europa sein wird, der schon jetzt nicht mehr kalt ist.
„Wir Europäer müssen verstehen, dass Frieden nicht vom Himmel fällt, dass Frieden erkämpft werden muss“, sagt Oleksii Makeiev. Kämpferisch ist sein Ton nun. Lieber keinen Frieden als einen falschen, heißt das – und auch kaum Hoffnung auf ein schnelles Ende des Krieges. Und heißt, Zeit zu bekommen nicht auch, dass die Zeit gegen Russland spielt? Die steigenden Kosten? Womöglich eine zweite Zwangsmobilisierung? Putin in Bedrängnis?
Im Moment der Stille knien auch einige Iranerinnen und Iraner nieder, die ihre Solidarität mit der Ukraine zeigen. Auch sie vergewissern sich ihrer selbst und wissen in diesem Moment: Sie sind nicht alleine. Frieden und Freiheit, das sind am Dienstag am Brandenburger Tor Zwillingswörter. Ohne Freiheit kein Frieden.
Kai Wegner beendet seine Rede mit den Worten „Putin ist ein Kriegsverbrecher, der zur Verantwortung gezogen werden muss, wenn der Krieg vorbei ist.“ Dann ruft Wegner, auch er ist in diesem Moment nicht Politiker, sondern Teil der Menge, das an diesem Abend tausendfach gerufene Wort: „Slava Ukraini“ – Ruhm der Ukraine.
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