JUB wird „Constructor University“: Champagnerlaune in der Kaffee-Uni

Die Jacobs-Uni in Bremen soll „Constructor University“ heißen, eine der Ge­schäfts­füh­re­r*in­nen ist die Frau des Investors. Das Konzept? Unklar.

Ein Mann mit Glatze in blauem Anzug

Nennt sich jetzt Serg Bell: IT-Unternehmer und Uni-Unternehmer Serguei Beloussov Foto: Acronis

BREMEN taz | Ende November voraussichtlich ist es so weit – die private „Jacobs University“ im Bremer Stadtteil Grohn soll in „Constructor University“ umbenannt werden. Den Namen hatte Sergej Beloussov auf einem „Townhall-Meeting“ angekündigt. Seit Anfang des Jahres ist er der neue Geldgeber. Die Jacobs Foundation hatte beim Verkauf klargestellt, dass ihr Name verschwinden soll. Über zehn Jahre hatte die Stiftung rund 200 Millionen Euro spendiert, um den Namen des Kaffee-Gründers mit einer erfolgreichen internationalen Privatuniversität zu verbinden.

Der neue Besitzer Beloussov hat sein Geld mit der Sicherheitstechnologie-Firma Acronis verdient und ist über „Runa Capital“ mit einem vorwiegend russischen Venture-Kapital-Netzwerk verbunden. Was er mit der Bremer Privatuni vorhat, ist nach wie vor ein Geheimnis. In visionären Reden sieht er die Jacobs Uni unter den führenden wissenschaftlichen Instituten der Welt, gleichzeitig betonte er immer, er sei „pragmatisch“, private Universitäten müssten finanziell tragfähig sein und er mache nie etwas ohne geschäftliches Interesse.

Zunächst wird es also einen Tapetenwechsel geben in Bremen-Grohn. Wobei „Constructor“ ein gewöhnungsbedürftiger Name ist. So hieß ein Computerspiel, das 1997 auf den Markt kam und bei dem die Spieler sich als Betreiber einer Baufirma verwirklichen können. Und in objektorientierten Programmiersprachen ist ein Constructor eine spezielle Subroutine zum Erzeugen von Objekten. Welche Assoziationen das Wort als Name einer Privatuni attraktiv machen sollen, konnte die Sprecherin der taz nicht erklären.

Tapetenwechsel gibt es auch bei Beloussov persönlich: Er hat seinen russischen Namen abgelegt und nennt sich amerikanisch „Serg Bell“. Dem Videodienst der Schaffhauser Nachrichten – dort residiert sein „Schaffhausen Institute of Technology“ (SIT) – hat er ausführlich erklärt, warum. Anlass war, dass der dritte Jahrgang seinen Master gemacht hat, 21 Studierende, sieben weitere müssten noch einige Monate büffeln. Das SIT hat Studierende „aus aller Welt“, wie Bell sagt. Akkreditiert und damit staatlich anerkannt ist der Studiengang noch nicht.

Was Beloussov mit der Bremer Privatuni vorhat, ist nach wie vor ein Geheimnis

Unter den Absolventen dieses Jahres war ein Schweizer. Die Studierenden – wie die Lehrenden – könnten völlig frei entscheiden, ob sie in Präsenz lehren und lernen wollen oder am Bildschirm. Daher braucht die SIT bisher in Schaffhausen kein großes Gebäude. Die Forschungsprojekte der Studierenden seien in Kooperation mit der Forschungsabteilung seiner Firma Acronis durchgeführt worden, erklärte Bell. Über eigene Labors verfügt das SIT nicht, aber Bell hat über seine Firma SIT die Mehrheitsanteile an der Bremer Jacobs-Universität gekauft. Das sei eine große Privat­universität, die Nummer eins in Deutschland, lobte Bell gegenüber dem Schweizer Videosender.

Und warum hat er seinen Namen Beloussov in Bell geändert? Dass seit dem Ukraine-Krieg so mancher aus Russland stammende Geschäftsmann auf Distanz geht, nennt er nicht als Motiv. Immerhin hat die Jacobs Uni sich in einer langen Erklärung zur „Solidarität mit der Ukrai­ne“, zu Frieden und Menschenrechten bekannt und gesagt, dass man „Gewalt und militärische Angriffe als legitimes Mittel der Konfliktlösung ablehnt“. 57 Zimmer ihrer Studentenwohnheime hat die Jacobs Uni kostenlos zur Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung gestellt.

Sein Namenswechsel, so Bell im Schaffhauser Videosender, habe vielmehr rein pragmatische Gründe. Er liebe Effektivität. So wie er sich eine Glatze rasiere – jeden Tag drei Minuten statt 30 Stunden Friseur im Jahr – habe er es „ärgerlich“ gefunden, wie oft er seinen Namen buchstabieren müsse.

Auch privat hat sich Serg Bell verändert. Anfang Oktober postete er auf Instagram Fotos seiner Heirat mit Öznur Zer, die er im Sommer in die jetzt vierköpfige Geschäftsführung geholt hatte. Zer fungiert laut Homepage der Jacobs Uni als „Chief Operating Officer“. Zu dessen oder deren Aufgaben gehört normalerweise die Leitung, Steuerung und Organisation der gesamten Betriebsprozesse.

Am 16. Juli hatte Bell auf Instagram erstmals Turtel-Fotos von sich und Öznur Zer gepostet und dazu geschrieben: „Happiness comes in small portions, in strange places and not when your expected“. Im Geschäftskontakt-Netzwerk LinkedIn wird in Zers Vita angegeben, sie sei seit Juni 2022 „Executive Board Member Jacobs University“. Diese Funktion hat sie seit August auch für das SIT-Institut in Schaffhausen inne.

Laut LinkedIn hat sie von 2020 bis 2022 nach mehrjähriger Berufstätigkeit in verschiedenen Bereichen an einer Privat­hochschule in Istanbul einen Master in Marketing gemacht und dort von März bis Juni 2022 als Beraterin des Hochschulpräsidenten gearbeitet.(Mitarbeit: Eiken Bruhn)

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