: Irgendwannkommtwas
Eine große Müdigkeit prägte die letzten Jahre der DDR. Sie schrieb sich in die Körper ein, in die Blicke, Gesichter und Hände. Diese kollektive Erschöpfung ist bis heute zu spüren – und hat auch politische Folgen. Ein Essay
Von Lars Reyer
Es gibt ein Foto von mir, aufgenommen ungefähr Mitte der 80er-Jahre. Ich bin keine zehn Jahre alt und stehe vor einem grau verputzten Haus, links ein Schaufenster mit einem Schild „PGH Backwaren“, ein paar Broten und Semmeln in der Auslage. Meine Mutter und meine Tante kommen gerade aus der Tür heraus, die drei Steinstufen herunter, sie haben eingekauft, vermutlich ist es Nachmittag und wir werden gleich Kaffee trinken und Kuchen essen.
Ich weiß nicht mehr, wo dieses Foto aufgenommen wurde. Woran ich mich allerdings erinnere, ist das Gefühl der Erschöpfung, das mich jedes Mal beim Betrachten des Fotos befiel und das dafür sorgte, dass ich es ganz schnell wieder weglegen musste. Ich stehe mittig am unteren Rand des Bildes, mit hängenden Schultern und einem Blick, der bedeutet: Was soll ich bitte hier? Ich bin in der Bewegungslosigkeit festgefroren und bereit wegzusinken – hinaus aus dem Bild, in eine Zeit, die sich noch bewegen kann. Das Gefühl, das dieses Foto transportiert, hat sich mir bis heute eingebrannt.
Egal wo: In den sommerglühenden Dorfstraßen, auf den Äckern und an den Feldrändern, in den Höfen und Hinterhöfen, auf den Sportplätzen, Appellplätzen, Aufmarschierplätzen, im Konsum, in der HO (Handelsorganisation), in den Freibädern und unter den aufgebockten Pkw an einem Sonntagnachmittag, in der Schlange vorm Weißwarengeschäft, in der Schlange vorm Fleischer, vorm Bäcker, vorm Fischladen, in der ins Nichts führenden und aus dem Nichts kommenden Schlange oder einfach in den verpesteten Straßen der kleinen Industriestadt – die Männer im, wie es heißt, besten Alter zwischen vierzig und fünfzig sahen immer schon aus wie Greise.
Und das lag nicht ausschließlich daran, dass erwachsene Männer für ein Kind immer alt aussehen, alt und furchteinflößend. Sondern es lag auch daran, dass das Land, aus dem diese Männer kamen und in dem sie herumliefen und herumlebten, ein im völligen Abstieg begriffenes Land war. Ein Land, das nur noch siechend auf seine Erlösung, auf den finalen Rettungsschuss wartete. Ein Land mit einer „in Bezug auf die entwickelten westlichen Nationen relativ abnehmende(n) durchschnittliche(n) Lebenserwartung“, wie der Soziologe und Publizist Wolfgang Engler in seiner etwas pathetisch betitelten Ethnologie „Die Ostdeutschen, Kunde von einem verlorenen Land“ ganz beiläufig notiert. Die DDR in ihrem Endstadium war ein Land, dessen Müdigkeit und Verfall auf die in ihm lebenden Menschen abfärbte, die ihrerseits müde und verfallen durch den Tag schwappten, der ein Tag war, dessen Ende man herbeisehnte, aber niemals wirklich erwartete.
Diese Müdigkeit war keine individuelle, keine psychologische, sondern eine strukturelle Müdigkeit. Sie war nicht Ausdruck von Faulheit oder Trägheit, sondern das Ergebnis eines jahrzehntelangen Umgangs mit Forderungen, die ihrerseits entweder aus Unter- oder Überforderungen bestanden; eines Lebens unter Bedingungen, die jedes Versprechen auf Zukunft entwerteten, ehe es ausgesprochen war. Vielleicht, so könnte man sagen, war diese Gesellschaft eine, die das Prinzip Hoffnung durch das Prinzip Erschöpfung ersetzt hatte. Der Mensch, dieser geschundene, vom Produktionsplan genormte Organismus, war im Grunde nichts anderes als eine wandelnde Sollgröße. Seine Funktion bestand darin, zu funktionieren.
In den Gesichtern der Männer, von denen ich spreche, lag der Ausdruck stiller Ergebenheit, der bei manchen in Bitterkeit, bei anderen in einen eigentümlichen Gleichmut umschlug. Ihre Gesichter erzählten vom täglichen Trott, vom ewigen „Mach mal“ und „Geht schon“ und von einer Form des Schweigens, die keine Tugend, sondern eine Überlebensstrategie war. In einer Welt, in der Sprache ständig besetzt war – politisch, ideologisch, administrativ –, wurde das Schweigen zu einer Art Gegenrede. Wer schwieg, der stimmte nicht zu, aber widersprach auch nicht. Schweigen war ein dialektischer Zustand, eine Form von Flucht in einen autopoietischen Raum – in eine Selbstbezogenheit, die keine strukturelle Veränderung von außen zulässt. Ein Rückzug auf das Ich, das einen, wenn man genau hinhörte, nur allzu oft zurück anschwieg.
Als Kind dachte ich, dass alles so seine Ordnung habe. Dass Männer so aussehen, so reden, so gehen, dass sie so trinken, so atmen, so müde sind. Die DDR war, aus Kinderperspektive, kein politisches System, sondern ein Aggregatzustand. Sie war das Klima, in dem man aufwuchs, so wie andere im feuchten Dschungelklima oder im Trockensavannenklima aufwachsen. Und wie jedes Klima hatte sie ihre typischen Krankheiten, ihre Vegetationsformen, ihre langsamen Erschöpfungsprozesse. Das Land war müde, ja, aber die Müdigkeit war träge, fast gemütlich, nicht dramatisch. Es war eine Müdigkeit, die keine Katastrophe war, sondern vielleicht die Bedingung der Verhinderung noch größerer real existierender Katastrophen.
Heute, im Rückblick, erscheint mir diese Müdigkeit nicht mehr nur als eine historische, sondern als eine existenzielle Kategorie. Der Sozialismus, so wie er sich in den späten Achtzigerjahren in der DDR zeigte, war gewissermaßen das politische Äquivalent einer stur am Laufen gehaltenen Industriebrache. Alles pfiff auf dem letzten Loch, die Kessel dampften und zischten und standen kurz vorm Zerbersten, aber irgendwo fand sich immer unverhofft ein Werkstoff, den man zum Ersatzteil umfunktionieren konnte. Irgendjemand fand am Schluss doch immer ein Ventil, um den Druck wieder abzulassen. Die Kessel explodierten vorerst nicht.
Denn da (und obwohl) alles eingerichtet und alles geregelt war, ahnte man, dass es nicht mehr lange so weitergehen konnte, weil alles Eingerichtete und alles Geregelte wie ein unendlich andauerndes Provisorium erschien. Es war eine Zeit des Wartens – worauf, das wusste niemand so genau. Vielleicht wartete man gar nicht auf etwas, sondern einfach darauf, dass das Warten endlich vorbei war.
Mein Vater sagt, „Irgendwann kommt was“ sei ein Satz gewesen, der die Runde machte. Als Hoffnung und Drohung, als Prophezeiung und Witz. Ich weiß nicht, ob das stimmt oder ob sich mein Vater das ausgedacht hat, weil er vielleicht im hohen Alter seine Ader fürs Geschichtenerzählen entdeckt hat. Je länger ich aber über den Satz nachdenke, desto eindeutiger erscheint er mir als Mentalitätsanalyse – die kürzeste, die vielleicht jemals gegeben wurde.
Die Müdigkeit hatte sich, ohne dass man es sofort merkte, in die Körper eingeschrieben. Die Gesichter der Männer, aber auch die der Frauen, erzählten davon in einer Sprache, die nicht gesprochen, sondern nur gedacht wurde. Das Gesicht war das Archiv der Arbeit. Die Hände waren ihre Chronik. Wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, wie der Plan, die Norm, der Schichtwechsel, der graue Winter und der schlechte Schnaps in die Poren eingesickert waren.
Diese Körper waren keine Orte der Freiheit, sondern der Pflichterfüllung. Vielleicht waren sie auch das Letzte, worüber man überhaupt noch verfügen konnte. Die in Günter Krawutschkes „Gesichter der Arbeit. Fotografien aus Industriebetrieben der DDR“ zusammengestellten Bilder von Arbeitern und ihren Arbeitsorten – die meisten davon zu DDR-Zeiten unveröffentlicht – legen Zeugnis ab von diesen Körpern, diesen Gesichtern, die ansonsten im leisen Dahinströmen der Zeit leise versunken wären. Sie wirken nicht nur wie aus einer anderen Welt, sie sind es. Und man fragt sich beim Betrachten der Gestalten und Gesichter, wie es diesen Menschen ergangen ist, als nach 1990 ihre Arbeit, ihre Lebensstruktur, ihr Dasein als Individuum und Kollektiv zerschlagen wurde.
Denn der eigene Körper war das Einzige, was in diesem Land wirklich einem selbst gehörte – und selbst das nur bedingt. Man musste ihn arbeitsfähig halten, funktionsbereit. Krankheit war ein Problem, aber sie war auch eine Gelegenheit, sich zu entziehen. Wer „krankgeschrieben“ war, hatte für ein paar Tage die Möglichkeit, an der Oberfläche der Gesellschaft entlangzutreiben wie ein Stück Holz auf einem breiten, trägen Fluss. Man war nicht mehr Teil der Bewegung, aber auch nicht draußen. Man war befreit und gefangen zugleich. Denn in der fadenscheinigen Freiheit pochte das schlechte Gewissen an die Vernachlässigung der Pflicht – gegenüber den Kollegen, letztlich gegenüber der Gesellschaft.
Und so wurde Krankheit gewissermaßen zur Schuld, die einem im Nacken saß und den Gang beugte – worin die realsozialistische Gesellschaftsstruktur der DDR frappierend jenen hyperkapitalistischen Strukturen gleicht, die heute weltweit zu erleben und zu erleiden sind. Die Ausbeutung der eigenen Arbeitskraft ist nicht nur zur geforderten moralischen Maxime, sondern zum verinnerlichten Pflichtbewusstsein geronnen, das jedem, der sich der Funktionslogik der Selbstausbeutung, und sei es nur für kurz, entziehen will, die Schuld des schlechten Gewissens aufbürdet.
Mein Vater soll hier ein weiteres Mal als Beispiel herhalten. Als er sich, schon im wiedervereinigten Deutschland, die letzten schlechten Zähne alle auf einmal ziehen ließ – 14 an der Zahl –, um sich endlich seine dritten, unempfindlichen einsetzen zu können, da ließ er sich nicht etwa krankschreiben. Er ging um 7 Uhr zum Zahnarzt, absolvierte die Behandlung und ging dann ohne Zähne und mit 14 frischen Wunden zur Spätschicht. Der Zahnarzt konnte ihn nicht davon abbringen.
Ich erinnere mich an die Nachmittage, an denen die Männer, die sich von der Frühschicht erholt hatten, in den Gärten saßen. Sie redeten wenig, tranken Bier aus halb warmen Flaschen, rauchten Zigaretten, deren Qualm selbst im Freien erbärmlich stank. Ihre Gesichter glänzten vom Schweiß, und manchmal lachten sie, aber das Lachen hatte etwas Mechanisches, Klirrendes.
Man kann heute behaupten, dass die Menschen dieser Generation Opfer der Geschichte waren, aber das wäre zu einfach. Sie waren auch ihre Komplizen. Sie wussten, dass etwas nicht stimmte, aber sie wussten ebenso, dass alles, was danach kommen konnte, vielleicht schlimmer sein würde. In dieser Mischung aus Resignation und Stolz lag etwas, das man vielleicht ostdeutsche Würde nennen könnte – eine Würde, die nicht auf Erfolg, sondern auf Ertragen beruhte. Eine Würde des Untertanen vielleicht, aber immerhin mehr als nichts.
Wenn ich heute versuche, diesen Zustand zu beschreiben, fehlt mir ein Wort dafür. Es war keine Angst, keine Hoffnungslosigkeit, auch kein Fatalismus. Es war eine schmale Öffnung im Zwischenraum dieser drei Begriffe, aus der immer so etwas wie ein stures Verlangen nach Leben hervorleuchtete. Vielleicht das Bewusstsein, dass das eigene Leben keine Geschichte war, sondern ein Zustand. Im Spätsozialismus ostdeutschen Zuschnitts war der Bezug zur Welt manchmal seltsam ausgehöhlt, das Handeln im Großen wurde zum bloßen Vollzug. Im Kleinen blühte es daher manchmal umso farbenfroher auf.
Wie sollte aus einem Zustand eine Historie werden? Das ist vielleicht die größte Zumutung, die die Wiedervereinigung mit sich brachte: die plötzliche Forderung, das eigene Leben als erzählbar, als nacherzählbar und also nacherlebbar zu begreifen – und die, die potenziell an so einer Geschichte hätten interessiert sein sollen, interessierten sich, wenn überhaupt, hauptsächlich für Industriebetriebe, die sie für den symbolischen Wert einer D-Mark erwerben konnten. Das Leben musste auf einmal Bedeutung haben, eine Richtung, ein Ziel. Eine friedliche Revolution vom Zaun gebrochen und zu Ende gebracht zu haben, war da längst nicht mehr ausreichend, weil viel zu nah an der Gegenwart. Wer keine Geschichte hatte, war plötzlich verdächtig. Und so begann, im Rückblick, ein fieberhaftes Nachholen von Geschichten, ein Erzählen, das manchmal an Selbstrechtfertigung grenzte. Die Müdigkeit wich der Erzählung – aber in der Erzählung blieb sie als Schatten.
Vielleicht liegt darin das eigentliche Drama der ostdeutschen Erfahrung: Dass sie sich nicht erzählen lässt, ohne dass etwas verloren geht. Dass jedes Wort, das man über sie verliert, zugleich ein Stück ihrer Wirklichkeit zerstört. Vielleicht erklärt das auch, warum so viele ostdeutsche Erinnerungen in der Literatur nicht in der ersten, sondern in der zweiten Person erzählt werden: „Du warst“, „Du wusstest“, „Du hast geschwiegen“. Das Ich ist erschöpft, das Du tritt an seine Stelle.
Nach der Wende, als das Land, das es nicht mehr gab, plötzlich zum Gegenstand einer nie enden wollenden Debatte wurde, verwandelte sich die alte Müdigkeit in etwas Neues. Sie war nicht verschwunden, sie hatte nur die Form gewechselt. Aus der Müdigkeit wurde Ironie. Ironie als Überlebensform, als Abwehr, als späte Selbstermächtigung. Man lachte jetzt über das, worunter man jahrzehntelang gelitten hatte. Man nannte es „Ostalgie“, und dieses Wort hatte etwas von einer milden Krankheit, die man sich leisten konnte, solange sie nicht ernsthaft wurde.
Diejenigen, die früher geschwiegen hatten, begannen zu sprechen. Aber ihre Sätze blieben kurz. Sie erzählten von Brigaden, von Planerfüllung, von der Lehrzeit, vom Betriebsausflug an die Mecklenburgische Seenplatte. Sie erzählten es mit einem Unterton, der gleichzeitig Rechtfertigung und Selbstparodie war. Es war, als hätte die Geschichte ihnen ein Mikrofon in die Hand gedrückt, das sie aber nicht halten wollten. Und so redeten sie, wie sie früher geschwiegen hatten: kontrolliert, abgewogen, mit einem Ohr auf der eigenen Stimme. Hörte der Feind immer noch mit? Und welcher Feind war gemeint?
In den neuen Zeiten war Reden ein Zwang geworden. Jeder musste seine Geschichte erzählen, um sie in den Markt der Deutungen einzuspeisen. Diejenigen, die keine Geschichte hatten, fielen durch. Der Osten wurde, frei nach Wolfgang Engler, zur größten biografischen Baustelle Europas, auf der nun Stück für Stück weiter an der eigenen doppelten Biografie gebaut werden musste. Die Soziologen nannten es „Transformation“, aber für die meisten war es einfach ein zweites Leben, das sich in das erste hineinschob, ohne es zu ersetzen.
Ich erinnere mich an die frühen Neunzigerjahre, an die Gesichter der Männer, die jetzt nicht mehr grau von Arbeit, sondern grau von Arbeitslosigkeit waren. Der Unterschied war kaum sichtbar, aber er war spürbar. Früher war man müde, weil man zu viel tun musste; jetzt war man müde, weil man nichts mehr tun konnte, nichts mehr tun durfte und gerade deshalb umso heftiger in eine mentale Verschleißmaschinerie hineinglitt, die unaufhörlich mahlte und mahlte. Die Körper, die früher die Normen erfüllten, wurden jetzt von der Marktwirtschaft für überflüssig erklärt. Man sprach von „Anpassung“, aber das bedeutete oft: die eigene Lebensgeschichte als Betriebsunfall begreifen zu lernen.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass in dieser Zeit so viele autobiografische Romane entstanden – Texte, die das Alte festhalten wollten, während es unter den Händen verschwand. Die Literatur wurde zu dem, was sie schon immer (auch) war: zu einem Ersatzgedächtnis, zu einem Raum, in dem man das erzählen konnte, was draußen keinen Ort mehr hatte. Aber auch sie war müde, wie die Menschen, von denen sie sprach. Sie schrieb gegen das Vergessen, aber das Vergessen war schneller.
Es gibt ein Foto meines Vaters aus dieser Zeit. Er steht auf einem Hof, hinter ihm ein halb zerfallener Schuppen, in der Hand eine Bierflasche. Er trägt ein kariertes Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, die Haut braun vom Sommer. Er schaut in die Kamera, aber nicht wirklich. Es ist dieser Blick, den viele Menschen auf den Fotos jener Jahre haben: ein Blick, der nicht weiß, wohin er gehört. Der Osten war nicht mehr da, der Westen noch nicht angekommen. Es war ein Blick aus der Zwischenzeit. Es scheint in jeder ostdeutschen Familie ganze Fotoalben voller solcher Blicke zu geben. Sie bilden das visuelle Archiv des Übergangs – eine Ikonografie der Orientierungslosigkeit.
Diese Zwischenzeit ist nie ganz vergangen. Sie hat sich nur verlagert – von der politischen in die seelische Geografie. Die Müdigkeit, die früher kollektiv war, ist heute individuell. Damals war man müde vom Staat; heute ist man müde von sich selbst. Aber die Struktur bleibt dieselbe: das Gefühl, dass etwas in einem erschöpft ist. Und man weiß nicht genau, was es ist oder woher es kommt – und schon gar nicht weiß man, wie man diese Müdigkeit wieder los wird. Vor lauter Müdigkeit will man am liebsten gar nicht mehr schlafen, weil man fürchtet, man wache nicht wieder auf. Die Freiheit hat die Erschöpfung nicht aufgehoben, sie hat sie privatisiert.
Der Osten hatte diese Form der Selbstverausgabung schon, bevor sie global wurde. Was wiederum ziemlich paradox klingt, wenn man sich klar macht, dass der Osten dem Westen als ein Hort der Faulheit galt und in Teilen immer noch gilt, was in der Siegerrhetorik des Wirtschaftswunders in etwa so klingen musste: Ist nicht das Reich der Planwirtschaft auch an der Unproduktivität seiner Individuen gescheitert, die im eigentlichen Sinne (und das ist vielerorts ausschließlich der ökonomische Sinn) gar keine Individuen waren, sondern reine Auftragsempfänger?
Vielleicht bleibt am Ende nicht die Geschichte bestehen als betrachtbarer Raum in der Zeit, sondern die Atmosphäre, die in diesem Raum geherrscht hat. Der Geruch von feuchtem Beton nach einem Sommerregen. Das Summen der Transformatoren hinter der Schule. Der Geschmack von abgestandenem Bier in der Dorfkneipe, wo die Tapete sich an manchen Stellen schon von der Wand löst.
Wenn ich heute an das Haus denke, in dem ich aufgewachsen bin bzw. an die 55 qm große Wohnung, in der wir zu sechst lebten, dann denke ich vor allem an die Wohnzimmerwand, die zur Wetterseite hin lag. So oft diese Wand auch frisch überstrichen oder tapeziert wurde – nach kurzer Zeit zeigte sich immer wieder der Schimmel in großen, schwarzen Flecken, die Tapete wellte sich, es roch nach Moder. Solche Dinge prägen sich ein, nicht weil sie besonders waren, sondern weil sie die Form des Lebens trugen, das man damals führte – ein Leben ohne Glanz, aber mit Gravitation.
Manchmal mit zu viel Gravitation, weswegen das unablässige „Training des aufrechten Gangs“ zur Notwendigkeit wurde, wollte man nicht an irreparabler Rückgratverkrümmung verenden. In Volker Brauns berühmtem, gleichnamigen Gedicht heißt es: „...Nicht die Einheit und Reinheit findet ihr bei mir/ Sondern die Gemeinsamkeit/ Von Wasser und Schmutz …“ Der aufrechte Gang ist nichts, was einem einfach geschenkt wird, und er geht, im gesellschaftlichen Sinn, weit über evolutionär-biologische Anpassungsfortschritte hinaus – ja, er kann sogar als die Negation der Anpassung an die Verhältnisse erscheinen, die man zuweilen nur geduckt aushält und überlebt.
Manchmal denke ich, dass die ganze Erinnerung an die DDR aus solchen atmosphärischen Sedimenten besteht. Kein System, keine Ideologie, kein Plan – sondern der Staub, der sich auf den Dingen absetzte. Und vielleicht ist das die eigentliche Wahrheit jeder untergegangenen Ordnung: dass sie in ihren kleinsten Partikeln überlebt. In den Floskeln, die man noch benutzt, ohne zu wissen, woher sie stammen. In der Art, wie Menschen auf eine Frage nicht antworten, sondern sie mit einer Gegenfrage entwaffnen. In der Beharrlichkeit, mit der man das Wort eigentlich benutzt – ein Wort, das immer schon einen Rest von Misstrauen in sich trägt.
Die Generation, die damals in ihren Vierzigern und Fünfzigern war, ist heute fast verschwunden. Ihre Kinder sind in einem anderen Land älter geworden, aber das Land in ihnen ist geblieben. Man erkennt es an den Sätzen, an der Art zu zweifeln, an der Weigerung, Begeisterung vorbehaltlos zuzulassen. Vielleicht ist das, was man „ostdeutsche Mentalität“ nennt, nichts anderes als der Nachhall einer kollektiven Übermüdung – ein stilles Misstrauen gegenüber allem, was zu laut, zu hell, zu sicher klingt – und sich deshalb auf absurde Weise oftmals in der Befürwortung besonders lauter und greller politischer Programmatik niederschlägt.
In der grundlegenden historischen Müdigkeit der Menschen scheint eine besonders tiefe Wut zu schlafen, die sich, wenn sie erwacht, gegen alles richtet, was den Schlaf stören könnte. Die Müdigkeit hindert einen schließlich nicht nur daran, sein Leben voll zu entfalten, sie legt sich auch schützend um einen, wenn das Leben allzu unwirtlich und beängstigend zu werden droht.
Alles, was diese doppelte Funktion der Müdigkeit zu bedrohen scheint, wird als Feind markiert. Die hohe prozentuale Zustimmung zu rechtskonservativer bis rechtsextremer Politik lässt sich nicht aus einer Sozialisierung und mit einem Leben im real existierenden Sozialismus erklären – aber vielleicht aus einer Apologie der Müdigkeit und der immer noch schwärenden Angst vor dem Wachsein. Sie kommt mir wie eine besonders verachtenswerte und zugleich verständliche Angst vor, weil sie vergessen will, dass Wachsein und Müdigkeit niemals getrennt voneinander auftreten können und das eine im anderen immer schon als Keim vorhanden ist.
Es gibt, so scheint mir, zwei Arten, mit dieser Vergangenheit umzugehen. Die eine besteht darin, sie zu verklären, sie in warme, nostalgische Farben zu tauchen, um sie so nicht nur erträglich, sondern vor sich selbst leichter verantwortbar zu machen. Die andere besteht darin, sie analytisch zu zergliedern, bis nichts als ein sozialhistorisches Fossil bleibt. Ich neige zu keiner von beiden. Ich glaube, dass Erinnerung immer beides ist: Rettung und Verrat. In dem Moment, in dem man sich erinnert, beginnt man zu ordnen – und was man ordnet, verliert seine Unschuld.
Die Müdigkeit ist gewandert, hat ihre Kleidung gewechselt, aber ihr Kern ist gleich geblieben: die Ahnung, dass das Leben selbst ein System sein könnte, das sich irgendwann überlebt. Und so stelle ich mir manchmal vor, die Männer von damals, die grauen, stillen Figuren aus meiner Kindheit, würden heute noch einmal durch ihre alten Straßen gehen. Sie würden die Häuser nicht wiedererkennen, die Supermärkte, die Werbeflächen, die neuen Fassaden, die ganze saubere, digitalisierte Normalität. Aber vielleicht würden sie trotzdem nicken. Sie würden sagen: „So ist das eben jetzt.“ Kein Urteil, keine Nostalgie, nur ein Satz, der das Leben auf seine nüchterne Formel bringt.
Dieser Satz, als Quintessenz einer überlieferten und fortdauernden Müdigkeit, kann allzu schnell auch das Hinnehmen der Zustände, wie sie sind, bedeuten. Und man müsste ihn ergänzen um den zuvor schon zitierten Satz meines Vaters: „Irgendwann kommt was.“ Bloß dass „irgendwann“ schon sehr bald sein könnte und das, was da kommt, nichts Gutes sein wird, wenn man sich gemütlich in seiner Müdigkeit einrichtet, ohne auch mal die Decken auszuschütteln.
Wenn in Kürze – wonach es leider aussieht – Europa flächendeckend in autoritäre Strukturen und Regime umkippt; wenn der ethnopluralistische Albtraum eines „Europas der Völker“ mehr und mehr Gestalt annehmen sollte, dann ließe sich nicht von einer Tragödie sprechen, schon gar nicht von einer nationalen, denn schicksalhaft (ein furchtbar klapperndes Wort) wäre an diesem Fortgang der Geschichte rein gar nichts. Jede Bevölkerung wählt die Art und Weise ihres Untergangs, oder, um es freundlicher auszudrücken: ihrer Regierung schließlich selbst.
Am Ende liegt der Trost der Müdigkeit vielleicht nur in der letzten Lektion aus jenem untergegangenen Land: dass jede Ordnung, sei sie politisch, gesellschaftlich oder persönlich, irgendwann müde wird. Dass man nur leben kann, wenn man weiß, dass alles, was wir Leben nennen, zur Ruhe kommen und zu Ende gehen wird. Ein Wissen um die Endlichkeit, das sanft ist, nicht bitter.
Lars Reyer, geboren 1977 in Werdau bei Zwickau. Studium der Philosophie, Anglistik und Ethnologie in Münster. Danach Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sein Debüt „Der lange Fußmarsch durch die Stadt bei Nacht“ erschien 2006. 2013 veröffentlichte er den Gedichtband „Magische Maschinen“, 2023 den Gedichtband „Falsche Kathedralen“.
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