Interview am Schlagbaum im Saarland: „Leidingen leidet“

Der Ortsvorsteher eines Grenzorts im Saarland ist sich mit seinem Ministerpräsidenten einig: Die Grenzen nach Frankreich sollten offen sein.

Eigentlich gesperrt: eine Fußgängerbrücke zwischen dem Saarland und Frankreich Foto: Oliver Dietze/dpa

taz: Herr Schmitt, Ihr Dorf ist geteilt, als ob es die EU und Schengen nie gegeben hätte. Wie sieht Ihr Alltag aus?

Wolfgang Schmitt: Ich denke daran, dass es gerade mal 75 Jahre her ist, dass der Krieg endlich zu Ende war. Ich bin enttäuscht von den Politikern, auch den Saarländern Kramp-Karrenbauer, Altmaier und Heiko Maas, den ich als Europäer sehr geschätzt habe, dass die dem Seehofer nicht in die Parade gefahren sind. Seit Schengen, seit 1985 hatten wir hier keine Grenzkontrollen, keine Uniformierte, sondern offene Grenzen und jetzt das. Das ist für mich der größte Unsinn.

Was hat denn das für die Familien im Alltag bedeutet, wenn Angehörige auf der einen und auf der anderen Seite wohnen? Bis zum 24. April durften die sich ja nicht besuchen.

Die Andi, die ist Französin, die wohnt auf der anderen Seite, wenn die rüber zu ihrem Bruder geht, da guckt die links und rechts, dass die Polizei das nicht sieht. Die Franzosen sind ja nicht so präsent. Das sind nur die Deutschen. So machen wir das halt. Wir sind ein Dorf. Doch das Schließen der Grenzen, das hat uns schon getroffen. Das hat auch Folgen. Ein alter Leidinger hat mal gesagt: „Europa ist ein dünnes Eis, wer zuerst mal fest drauftritt, bricht ein.“

Es soll auch hässliche Szenen gegeben haben. Deutsche, die Franzosen beschimpft haben.

Ich hab's selbst erlebt in Saarlouis auf einem Parkplatz. Da hat eine Frau gerufen, „was haben Sie da zu suchen!“ Zuerst habe ich das auf mich bezogen. Dabei hat aber neben mir ein Franzose geparkt. Der ist eingestiegen und ist einfach weggefahren. Nur der, der schlägt uns beim nächsten Mal in der Boulangerie vielleicht ne Flute um die Ohren. Revanche! Die Leute haben Angst und dann glauben sie das. „Die Franzosen bringen uns die Krankheit rüber!“ Die Leute, glauben das, immerhin nicht alle.

Die saarländische Landesregierung hat jetzt 70.000 Schutzmasken an die französische Partnerregion übergeben. Sie haben in einer spontanen Aktion schon viel früher Masken über die Grenze geschafft.

Wolfgang Schmitt, 65 Jahre alt und Sozialdemokrat, ist Ortsvorsteher von Leidingen. Der pensionierte Kommunikationsdesigner leidet an der Grenzschließung, die in seinem Ort sogar Familien trennt. Er fordert die Öffnung der Grenzen.

Schmitt: Da bin ich von meinem Bürgermeister kritisiert worden. „Könnt ihr nicht machen!“ Er meinte, die könnten das missverstehen, dass wir uns mit diesen Masken vor ihnen schützen wollten. Da bin ich dann mit meinem Stellvertreter am nächsten Tag rübergegangen und habe fünf Pakete mit Masken verteilt. Die Leute haben sich gefreut.

Müssen Pendler weite Umwege fahren, weil nicht einmal die Hälfte der offiziellen Grenzübergange offen sind?

So ist das. Im französischen Ihn wohnt eine junge Frau, 20 Meter von der Grenze entfernt. Die dürfte eigentlich nicht mit dem Auto rüberkommen. Sie stellt ihr Auto immer in Deutschland ab und geht die paar Meter zu ihrem Haus. Oder ein anderer, der arbeitet auf der Dillinger Hütte. Der müsste über Kreuzwald fahren, ein Umweg von 30 Kilometern. Stellen Sie sich das einmal vor.

Was erwarten sie von der Zeit nach der Grenzschließung?

Wir müssen Wiederaufbau betreiben. Wir haben da ne alte Schule aus dem Jahr 1900. Da richten wir ein Grenzblickhaus, gefördert vom saarländischen Innen- und vom Umweltministerium. Das wird eine Begegnungsstätte. Die liegt 10 Meter von der Grenze. Das wird dann unser „Haus der Versöhnung“.

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