Internet-Börse für Gülle: Schiete unterm Hammer

Wo Tiere in Masse gehalten werden, entsteht zu viel Gülle. Andernorts in Niedersachsen wird Dünger benötigt. Eine Internet-Börse soll es richten.

Ein Landwirt bringt während eines Sonnenuntergangs Gülle auf einem Feld aus.

Sieht romantisch aus, riecht aber stark: Ein Landwirt bringt Gülle auf dem Feld aus Foto: Armin Weigel/dpa

GÖTTINGEN taz | Kuh- und Schweinscheiße werden in Niedersachsen jetzt im Internet gehandelt. Das Landvolk Vechta hat am vergangenen Donnerstag seine Online-Plattform „Nährstoffzentrale“ freigeschaltet. Hier können Landwirte sogenannten Wirtschaftsdünger – also Gülle – beziehen und verkaufen.

Eben dieser Stoff ist in dem Bundesland bislang höchst ungleich verteilt. Vor allem im Westen und Südwesten Niedersachsens fällt durch die zahlreichen Mastbetriebe deutlich mehr Gülle an, als die in der Region wirtschaftenden Bauern auf ihre Felder ausbringen können und dürfen. In anderen Landkreisen, in denen es wie etwa in Südniedersachsen vergleichsweise wenige große Viehställe gibt, kaufen die Landleute hingegen Kunstdünger zu.

Mit der offiziell gestarteten „Nährstoffzentrale“ könnten abgebende und aufnehmende Landwirte direkt miteinander kommunizieren und sich über Mengen, Preise und Transportmöglichkeiten austauschen, erläuterte ein Sprecher des Kreislandvolkverbandes Vechta das neue Angebot. Anders als bei allen bisher bestehenden Güllebörsen, die lediglich Dünger an Abnehmer vermitteln, gebe es beim Projekt „Nährstoffzentrale“ einen direkten Kontakt zwischen Anbieter und Abnehmer. Das Ganze funktioniere, so drückt es das Landvolk aus, wie eine Art „Ebay für Gülle“. Teilnehmen können überdies nicht nur Landwirte aus Niedersachsen, vielmehr gilt die Offerte für Bauern in ganz Deutschland.

Konkret funktioniert das so: Nutzer registrieren sich mit einer E-Mail-Adresse und einem Passwort, loggen sich ein und gelangen gleich auf die Startseite der „Nährstoffzentrale“. Dort gibt es verschiedene Buttons für Angebote, Gesuche und Anfragen. Die Angebote informieren über die Art und Zusammensetzung der Gülle, die abgegeben werden soll, über die jeweilige Menge sowie die Postleitzahl des abgebenden Betriebes. Auch die Inhaltsstoffe des Düngers, entweder nach Standardwerten oder aus eigenen Analysen ermittelt, sind ersichtlich. Die Preisfindung funktioniert ebenfalls online. Entsprechend läuft es auch mit den Gesuchen.

Es wurden im vergangenen Jahr knapp 700 Tonnen mehr Gülle auf die Felder ausgebracht, als die Pflanzen gebraucht hätten

Gülle besteht hauptsächlich aus dem Kot und Urin landwirtschaftlicher Nutztiere. Je nach Beigabe von Einstreu und Wasser spricht man von Dick- oder Dünngülle, Schwemmmist oder Flüssigmist beziehungsweise Jauche. Ein hoher Gehalt an gebundenem Stickstoff, Phosphor, Kalium und anderen Nährstoffen macht Gülle einerseits zu einem wichtigen Dünger – in Maßen.

Allerdings ist der klassische Nährstoffkreislauf im landwirtschaftlichen Betrieb verloren gegangen. Ursprünglich fielen Mist oder Gülle im Stall an, wurden anschließend zwischengelagert und je nach Bedarf auf dem Feld ausgebracht. Pflanzen nahmen die Nährstoffe auf und die Ernte, die nicht in die Nahrungsmittel ging, wurde wiederum als Futter für die Tiere genutzt.

Durch die industrielle Massentierhaltung ist das Gülleaufkommen allerdings nun viel größer. Es gibt mehr Gülle, als von Böden und Pflanzen aufgenommen werden kann. Auf den Feldern werden aus dem Dünger lösliche, überflüssige Stoffe wie Nitrat ausgewaschen. Sie gelangen ins Grundwasser und in die Vorfluter. In vielen Regionen wird der Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter Grundwasser um ein Vielfaches überschritten. Zur Sicherstellung der Trinkwasserqualität müssen Wasserwerke teure Gegenmaßnahmen ergreifen. Die Kosten trägt der Verbraucher.

Insbesondere in Teilen Niedersachsens sind die Böden und das Grundwasser sehr stark belastet. Insgesamt waren die Äcker im Bundesland 2020 zwar weniger mit Stickstoff vollgepumpt als im Vorjahr, doch viele niedersächsische Landwirte in dem Bundesland düngen immer noch zu viel mit Gülle. Nach Angaben der Landwirtschaftskammer wurden knapp 700 Tonnen mehr auf die Felder gebracht, als die Pflanzen gebraucht hätten. 2019 waren es noch 31.000 Tonnen zu viel. Niedersachsen sei damit auf dem richtigen Weg, findet Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU).

Die Tendenz zeigt sich auch auf Kreisebene. Nur noch der Landkreis Cloppenburg überschreitet den Angaben zufolge den Grenzwert für Stickstoff auf den Äckern. Im vergangenen Jahr waren es noch fünf niedersächsische Landkreise, im Jahr davor sieben.

Die Landwirtschaftskammer sieht für diesen Trend mehrere Gründe. Zum einen werde immer mehr Gülle in Biogasanlagen verwertet und nicht auf Felder verspritzt. Zum anderen halten die Landwirte nicht mehr ganz so viele Tiere. Niedersachsenweit gab es 2020 im Vergleich zum Vorjahr 3,6 Prozent weniger Rinder und 1,5 Prozent weniger Schweine – dadurch fiel auch weniger Gülle an. Durch die Internetbörse „Nähstoffzentrale“ dürfte es zwar kaum gelingen, die Gesamtmenge der ausgebrachten Gülle auf den Feldern weiter zu vermindern. Mist und die Jauche werden künftig aber wohl gleichmäßiger verteilt.

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