Intendantin über Kultur-Lockdown: „Wir müssen Solidarität zeigen“

Auch wenn sie Theater für infektionssicher hält: Amelie Deuflhard, Intendantin von Kampnagel in Hamburg, ist bereit, den Lockdown mitzutragen.

Ein Schild, auf dem steht: Alle Vorstellungen sind vorerst abgesagt

Zweite Schließungsrunde für die Theater – das Echo darauf ist geteilt Foto: Jens Kalaene/dpa

taz: Sie hatten für diesen Donnerstag vermutlich anderes vor als Interviews zum Theater-Lockdown, Frau Deuflhard.

Amelie Deuflhard: Immerhin haben wir schon am Mittwoch den Hebel umgelegt und sind bereits in den Planungen der Schließung. Wir müssen ganz viele Künstlerinnen und Künstler anrufen, Vorstellungen absagen, mit dem Betriebsrat reden, eine Mitarbeiter*innenversammlung machen. Und gleichzeitig haben wir am Abend noch eine Premiere und am Wochenende den Burning Issues Kongress, wo es um Gendergerechtigkeit am Theater geht.

Haben Sie schon bei der Wiederöffnung der Theater im Juli gedacht: Wer weiß, wie lange es währt?

Dass eine zweite Welle kommen wird, war ja relativ wahrscheinlich. Was ich nicht erwartet habe, ist, dass es zu so pauschalen Eingriffen kommt. Anders als beim ersten Lockdown, bei dem wirklich alles runtergefahren und auch Läden und Schulen geschlossen wurden, wurde diesmal alles, was mit Freizeit zu tun hat, außer Shopping, abgewickelt. Der Konsum soll weiterhin stattfinden.

Leuchtet Ihnen die Schließung denn ein?

Ich denke, dass es darum geht, das Nachtleben zurückzufahren und die weniger geregelten sozialen Begegnungen zu verhindern, bei denen viele Menschen zusammenkommen, Alkohol konsumieren und irgendwann Abstandsregeln vergessen. Wir alle wissen, dass die Theater keine besonders infektiösen Orte sind und waren, weil Hygieneregeln sorgfältig eingehalten wurden. Aber natürlich sind die Infektionszahlen dramatisch gestiegen: Es ist klar, dass man etwas tun muss. Hoffen wir nur, dass diese Maßnahmen greifen – wenn ja, bin ich gerne bereit, Kampnagel als solidarische Geste einen Monat lang zu schließen.

Da sind Sie bereitwilliger als Kultursenator Carsten Brosda (SPD), der findet, dass die Theater im Vergleich zu den Kirchen ungerecht behandelt werden.

Ich habe den Gedanken aufgegeben, dass alle Maßnahmen gegen die Pandemie logikgetrieben sind. Andererseits halte ich nichts davon, in dieser Situation einzelne gesellschaftliche Bereiche oder Institutionen und ihre jeweilige Bedeutung gegeneinander auszuspielen. Ich bin absolut der Meinung, dass wir die Theater sehr sicher bespielt haben und das jetzt auch weiter tun könnten.

61, ist künstlerische Leiterin des Theaters Kampnagel in Hamburg.

Man lässt Sie aber nicht.

Ich verstehe die Politik – sie muss etwas tun, wenn die Gefahr zu groß wird, dass das Gesundheitssystem kollabieren könnte. Eine volle U-Bahn oder ein volles Einkaufszentrum kommen mir gefährlicher vor als ein Theater mit Abstand, deshalb hätte ich mir einen differenzierten Lockdown gewünscht. Aber anstatt vermeintliche Ungerechtigkeiten zu diskutieren, müssen wir jetzt alle unsere persönliche Verantwortung und Solidarität zeigen, um die Pandemie so schnell wie möglich einzudämmen.

Das heißt, Sie teilen nicht den Zorn einiger Kulturschaffender?

Was mich sehr stört, ist dass wir pauschal als Freizeitveranstalter definiert werden, gemeinsam mit Freizeitparks, Schwimmbädern, Saunen, Spielhallen und Bordellen. Das stört mich nicht, weil ich etwas gegen Freizeitparks oder gegen Schwimmbäder habe, das sind ebenso wichtige soziale Orte wie die Theater. Aber ich finde, es sollte so viel Zeit sein zu sagen: Es sind Kunst- und Kultureinrichtungen. Das ist wichtig für uns alle in der Kunstszene, weil wir eine gesellschaftliche Verantwortung in unserer Arbeit haben und weil wir zentrale Orte für die Identität einer Demokratie sind.

Schwingt da noch die Kränkung mit, die für einige Kulturschaffende darin lag, für nicht systemrelevant erklärt zu werden?

Diese Frage der Systemrelevanz ist interessant: wer systemrelevant ist, dient dem System. Man könnte auch sagen: Künstlerinnen und Künstler mit der Freiheit der Kunst wollen nicht alle dem System dienen. Ihre ureigenste Aufgabe ist es auch das System kritisch zu hinterfragen. Wichtig sind Fragen wie: Was passiert mit den Menschen, die jetzt wieder ihre Arbeit verlieren, was passiert mit den Soloselbstständigen, die an den Theatern arbeiten?

Und?

Da übernehmen sowohl Hamburg als auch die Bundesregierung auf jeden Fall Verantwortung und haben unsere Branche im Blick.

Wie nehmen Sie die Situation in der Branche bislang wahr?

Es gibt eine Vielzahl von Förderprogrammen. Manche fallen da allerdings raus: die Künstlerinnen und Künstler, die als Geflüchtete in unser Land gekommen sind und noch nicht in Systemen wie der Künstlersozialkasse sind. Die Fördergelder zielen auf professionelle Künstlerinnen und Künstler, die von ihren Einkünften leben können – aber es gibt viele, die das nicht können und sich überwiegend mit anderen Jobs finanzieren. Aber grundsätzlich wird an die Kunst- und Kulturschaffenden gedacht, da muss ich die Landes- und die Bundesregierung loben.

Sie haben sich mitten in der ersten Corona-Welle mit dem Zusammenschluss „Die Vielen“ für einen 8. Mai als antifaschistischen Feiertag engagiert. Damals sagten Sie: „Wir haben nicht nur Corona“. Wie ist das jetzt?

Schon beim ersten Shutdown haben wir uns mit dem künstlerischen Team Gedanken gemacht, was das für unsere Gesellschaft hier in Deutschland bedeutet, wie Menschen, die ohnehin benachteiligt sind, noch mehr ins Abseits geraten. Und wenn wir auf die Welt schauen, sind die Unterschiede noch größer. Ein Großteil der Menschen haben nicht einmal eine Krankenversicherung. Da geht es uns in Deutschland im Vergleich sehr gut.

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