Insolvenz der MV-Werften: Pötte, die niemand braucht

Die MV-Werften sollten riesige Schiffe für Asien bauen. Dann kam Corona. Was ein Milliardär aus Malaysia mit der insolventen Firma zu tun hat.

Blick auf unbeleuchtete Werkshallen der MV-Werften

Die MV-Werften am Standort in Warnemünde im September 2020 Foto: Norbert Fellechner/imago

PEKING taz | Nun setzt sich die Tragödie rund um die insolventen MV-Werften auch in Ostasien fort: Zunächst waren die Aktien des vorherigen Eigentümers Genting vom Handel an der Börse ausgesetzt, am Donnerstag folgte dann der tiefe Fall. Allein bis zur Mittagsstunde brachen die Kurse um gut 50 Prozent ein. Es ist der spektakuläre Widerhall eines spektakulären Bankrotts.

Ein Rückblick: 2016 kaufte Genting die Werften mit großen Plänen und Ambitionen. Der malaysische Casino-Magnat und Milliardär Lim Kok Thay sorgte für die nötige finanzielle Potenz. Riesige Kreuzfahrtschiffe sollten gebaut werden, Luxusliner für die rasant steigende Oberschicht des asiatischen Marktes.

Die Reise mit dem neuen Investor ging zunächst auch vielversprechend los: Der Vertrag für den Bau von zehn Schiffen hatte Lim Kok Thay bei seinem Antrittsbesuch in Wismar bereits dabei. Und die Wachstumsaussichten sahen zunächst blendend aus: Allein in China, einem der Hauptmärkte, kommen jedes Jahr mehrere Millionen Menschen zur Mittelschicht hinzu.

Und doch endete die Kooperation zwischen Wismar und Hongkong unlängst im Desaster. Am Montag folgte der Insolvenzantrag beim Amtsgericht Schwerin, und auch die Bremerhavener Lloyd-Werft – ebenfalls in Genting-Besitz – ereilte dasselbe Schicksal.

Lange um Arbeitsplätze gerungen

Die Bundesregierung hatte lange um die knapp 2.000 Arbeitsplätze gerungen, wollte mit einer vergleichsweise hohen Summe von 600 Millionen Euro aushelfen. Doch schlussendlich blockte der Eigentümer aus Hongkong, der kein klares Bekenntnis gab: Nur 60 Millionen Euro hätte Genting auf den Tisch legen müssen. Offenbar glaubte das Unternehmen jedoch selbst nicht mehr an die Zukunft der Schiffbauer aus Deutschland.

Für die Bundesregierung ist die Schuldfrage klar. Doch ob den Ostasiaten ein moralischer Vorwurf zu machen ist, lässt sich nur schwerlich beantworten. Denn zum einen hat Genting seit der Pandemie mit enormen Verlusten zu kämpfen, allein 2020 waren es über 1,7 Milliarden US-Dollar. Zudem galt der Eigentümer lange Zeit als geradezu vorbildlich. Die deutschen Gewerkschaften zeigten sich weitgehend über die Investitionen von Genting in die strukturschwache Region begeistert. Genting sicherte Arbeitsplätze, die sonst wohl verloren gegangen wären.

Genting ist in der Tat ein außergewöhnliches Unternehmen. Gegründet wurde es 1937 von einem chinesischen Flüchtling, der während der japanischen Invasion nach Malaysia auswanderte. Nur eine Generation später unterhält Genting das weltweit größte Resort-Hotel der Welt, betreibt riesige Palmölplantagen, eröffnet Casinos und baut vor allem etliche Kreuzfahrtschiffe.

Hongkong abgeschirmt

Doch diese werden in Zeiten der Pandemie natürlich nicht mehr benötigt. Gerade Hongkong, wo die Hauptzentrale Gentings steht, gilt derzeit mit seinen Quarantäneregeln als eines der abgeschirmtesten Gebiete überhaupt. Wer möchte schon reisen, wenn man bei der Ankunft zurück in der Heimat erst einmal drei Wochen in Isolation muss?

Dementsprechend folgte bei den Werften in Ostdeutschland ein krasser Fall. Als Wermutstropfen der Insolvenz gilt, dass zumindest die ausstehenden Löhne der Belegschaft von 1.900 Mitarbeitern am Montag ausgezahlt werden sollen.

Das letzte Kapitel der Geschichte ist noch nicht zu Ende: Laut Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) werde man am Ziel festhalten, die zu drei Vierteln fertiggestellte „Global Dream“ zu Ende zu bauen. Es wäre mit 9.500 Passagieren das weltweit größte Kreuzfahrtschiff. Doch ob dieses angesichts von Omikron und Klimawandel benötigt wird, steht in den Sternen.

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