Wander-Influencerin Kamryn Renae: Barbie in der Wildnis
Wandern, aber in süß. Kamryn Renae ist eine erfolgreiche Influencerin, die Hochleistungssport mit Fashion verbindet und ihr Geld mit OnlyFans verdient.
Foto: Screenshot: Instagram Kamryn Renae
Kamryn Renea steht in einem pinken Rock auf ihrer grellgrünen Isomatte und packt ihre Sachen für die nächste Wanderung zusammen. Pinker Schlafsack, pinkes Zelt, ein bisschen Rouge auf die Wangen, nur noch eine große Sonnenbrille mit Strasssteinen aufsetzen und ab geht es in den Wald in Oregon. Die 22-jährige Travel-Influencerin wandert gerade eine der berühmtesten Fernwanderstrecken der USA, den Pacific Crest Trail (PCT) von Mexiko bis Kanada. Und wie sie das macht, regt viele auf.
Sie finanziert ihre Reise mit OnlyFans, hat pastellfarbenes Equipment, und beginnt fast jedes Video mit einem Make-up-Tutorial. Dabei erbringt sie Höchstleistungen und läuft laut eigener Aussage 30 bis 40 Kilometer am Tag. Seitdem Renae im April ihre Reise begonnen hat, hat sie über 300.000 neue Instagram Follower*innen bekommen, ihre Videos schauen mehrere Millionen Menschen. Aber warum ist es so faszinierend, eine Frau dabei zu beobachten, wie sie durch die Wildnis läuft und gleichzeitig darauf achtet, süß auszusehen?
Einerseits, weil Renae sichtbar macht, wie sich die Wander- und Outdoorwelt gerade durch Social Media verändert. Mit ihrer Ästhetik bricht sie die immer noch ziemlich festgeschriebene Vorstellung von einem Menschen, der draußen in der Natur unterwegs ist. Outdoor war lange eine männlich geprägte Welt. Funktionalität stand im Vordergrund, und die hatte eine bestimmte Ästhetik: gedeckte Farben, robuste, klobige Schuhe, Regenjacken, alles natürlich ultraleicht. Wer wandert, soll eins mit der Natur werden. Bei Renae werden hingegen die cuten Wanderoutfits und ihr Verspieltheit zum Teil des Wandererlebnisses.
Wanderequipment: süß und funktional
Andererseits erkennt man an ihr die Weiterentwicklung eines Trends. Schon seit etlichen Jahren ist die Outdoorkleidung von den Bergen in die Städte gewandert. Das kann man zurückdatieren auf die 80er und 90er Jahre, in denen etwa Windbreaker-Jacken durch Hip-Hop-Artists geprägt wurden. 1993 hatte beispielsweise die North-Face-Steep-Jacket einen Auftritt im Musikvideo von der Hip-Hop-Gruppe Wu-Tang und etablierte sich in den kommenden Jahren in der Jugend- und Hip-Hop-Kultur.
In den letzten Jahren konnte man es an dem rasanten Aufstieg der Salomon-Sneaker erkennen oder an der Verbreitung von Patagonia-Jacken. Neben den Tarnfarben entwickelten die Marken auch knalligere Designs – Rihanna trug beim Super Bowl 2023 etwa knallrote Salomon-Sneaker. Für die Kombination aus funktional und fashionable ist auch ein neues Wort entstanden: Gorpcore.
Zahlreiche Marken haben diese Fusion für sich entdeckt und monetarisiert. Gleichzeitig geht der Trend nicht unbedingt damit einher, dass die Kleidung gut geeignet ist, um sie draußen anzuziehen. „Es ist so schwer, süßes Wanderequipment zu finden, das gleichzeitig funktional ist“, sagt Renae in einem Video vom 2. Juli, während sie über steinige Wege und schneebedeckte Gipfel läuft.
Berge und Seen als Instagram-Kulisse
Das Interessante an Kamryn Renae ist aber, dass sie zeigt, wie der Gorpcore-Trend aktuell weitergedreht wird. Nicht die Outdoorkleidung kommt in die Stadt, sondern die GenZ-Influencer*innen mit ihren trendigen Styles in neue Kulissen: Berge, Seen und Tümpel. Die Natur liefert eine perfekte Bühne für Selbstdarstellung. Renae versteht diese Logik besonders gut, weil sie zwei eigentlich gegensätzliche Ästhetiken miteinander verbindet: Eine junge Frau in Pink vor einem riesigen Berg funktioniert als Bild gerade deshalb so gut, weil es immer noch ein Widerspruch ist.
Online bekommt sie deshalb auch ziemlich viel Hass ab. In den Kommentarspalten scheinen manche darauf zu warten, dass sie scheitert. Manche Skeptiker*innen fragen sich zum Beispiel woher sie denn bitte ihre ständig wechselnde Ausrüstung hat oder wie sie genügend Akku haben kann, um ihre Vlogs zu machen. „Das ist eine Fake-Wanderin, fallt nicht darauf rein“, schreibt ein Nutzer unter das Video am 2. Juli.
Renae selbst erklärt diese Reaktionen in einem Interview für den Playboy unter anderem mit Misogynie und Eifersucht. „Ich glaube, es ärgert unsichere Männer, wenn sie mich in meinen süßen Outfits wandern sehen, weil sie wissen, dass sie niemals den PCT wandern könnten, geschweige denn gleichzeitig ihre Hände gepflegt halten.“
Dabei ist Renae bei Weitem nicht die Einzige, die diesem Trend gerade nachgeht. Wenn man Stichworte wie „whimsical hiking“ oder „girly hiking“ auf den Social-Media-Kanälen sucht, dann findet man eine Reihe an Creator*innen. Viel Pink, viele süße, kurze, gestreifte Shorts, mit Perlen und Glitzer beklebte Wanderstöcke aber auch viel All-in-Black – Wandern im Berghain-Style.
Wandersport als Laufsteg
Die fortlaufende Kapitalisierung des Wandersports, der immer mehr zum Laufsteg wird, obwohl es eigentlich etwas sein sollte, wofür man wenig braucht, man sich mit der Umwelt auseinandersetzt und theoretisch jede*r Zugang haben sollte, ist zu kritisieren. „Viele nutzen Natur als Hintergrund für ihren Content, während sie gleichzeitig Fast Fashion, sieben verschiedene Wasserflaschen und acht verschiedene Hiking-Fits promoten, die am Ende auf einer Mülldeponie landen“, sagt die Nutzerin „eva_exploring“ in einem Instagram-Video.
Und ja, einige schöne Orte werden durch Influencer*innen regelrecht verstopft. Das sieht man etwa an den Drei Zinnen in den Dolomiten. Spektakuläre Bilder haben die markanten Gipfel zu einem der berühmtesten Fotomotive Europas gemacht. Nicht nur Anwohner*innen, sondern auch Tourismusorganisationen beschweren sich mittlerweile über Kurzzeittouris, die nur zu einzelnen Punkten fahren, um ein kurzes Video zu drehen – und so noch mehr Menschen anlocken.
Dass Renae ihre Reise mit der Porno-Plattform OnlyFans finanziert, macht die Fusion der modernen Influencer*innen-Welt und der Weiterentwicklung des Wandersports besonders deutlich. Jährlich werden nur etwa 8.000 Personen für den PCT zugelassen. Und die Kosten für die Wanderung können mit Nahrungsmitteln, Unterkunft, Versicherungen und anderen Dingen an die 10.000 Dollar kosten. Ein privilegierter Spaß also, den sich Renae über OnlyFans verdient.
Romantische Natur
Es ist nicht nur zu verteufeln, dass sich die Wanderexperience durch Content-Creator*innen verändert. Renaes Videos sehen teilweise mehrere Millionen Menschen, die niemals den PCT-Trail laufen werden (können). Sie lässt sie teilhaben an der Natur vor Ort. Und für ihre Follower*innen macht sie auch deren Veränderungen durch die Klimakrise erfahrbar. Als sie in Kalifornien unterwegs ist, filmt sie etwa auch viele tote, abgebrannte Bäume, 18 Monate nach dem Jahrhundertwaldbrand in dem Gebiet.
Außerdem – so neu ist die Idee, in die Natur zu gehen und sie für die eigene Wahrnehmung auszuwringen und zu dokumentieren, gar nicht. Etliche Dichter*innen der Romantik fanden bereits an ihr Faszination. Heute ist uns die Natur im Alltag verloren gegangen, und gerade deshalb entsteht die Sehnsucht nach ihr.
Kein Wunder eigentlich, dass die GenZ, die Jahrelang mit einer globalen Pandemie und Social Media aufgewachsen ist, reihenweise in die Berge strömt. Einzig das Medium hat sich verändert. Der romantische Mensch schrieb einst Gedichte oder malte ein Bild. Kamryn Renae macht eben einen Vlog.
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