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In der S-Bahn nach StrausbergNiemand sagt Danke

Wer mit schierer Willenskraft die Mitreisenden in die richtige Bahn lenkt, darf sich schon mal ein bisschen Anerkennung wünschen.

I ch bin ein Superheld. Neuerdings. Mit meiner Geisteskraft scheine ich potenzielle Unholde von ihrem potenziellen unholdigen Tun abzuhalten. Wie kürzlich in der S-Bahn nach Strausberg. Die RB26 fällt seit Wochen aus. Angeblich ist eine Weiche defekt. In Lichtenberg steigen zwei junge Männer ein und platzieren sich mir gegenüber. Ein Blonder und ein Lockiger. Starke Kerle. Überall Tattoos. Sie haben sich offenbar nicht viel zu sagen, sie reden laut und lachen noch lauter. Zwischendrin essen sie und trinken. Brötchen und Limonade. Ganz harmlos. Trotzdem stören sie mich beim Lesen.

Neben ihnen sitzt ein Mensch, der in einer ungewöhnlichen Sprache spricht. Er telefoniert. Ganz leise. Der Blonde schielt zu ihm rüber. „Was redet der denn da“, fragt er seinen vermeintlichen Kumpel und schaut genervt. Der Lockige wechselt das Thema. Es dauert nicht lang, da schielt der Blonde wieder rüber. Der Lockige fragt ihn etwas. Aber der Blonde reagiert nicht, kann sich nicht sattsehen an dem telefonierenden Menschen. „Soll ich den mal …?“, fragt der Blonde. Er hat ein amüsiertes Lächeln im Gesicht. „Nee, kannste nicht machen!“, antwortet der Lockige ernst. Sie unterhalten sich weiter, albern herum. Ganz harmlos. Kurz darauf steigt der Blonde aus. Lässt seinen Müll auf dem Sitz liegen. Der Lockige macht sich breit. Legt ein Bein über den Sitz vom Blonden und schaut ins Handy.

Ich fokussiere mich auf den Müll. Wenn der Lockige ihn liegen lässt, werde ich nicht schweigen. Ich kann kaum weiterlesen, so angespannt bin ich. Kurz vor Strausberg steht der Lockige auf. Der Müll verschwindet hinter dem Sitz. Er nimmt seinen Rucksack und geht in Richtung Tür. Jetzt ist es so weit, ich hole tief Luft, da kehrt der Lockige um und holt die zerknüllten Brötchentüten hinter dem Sitz hervor. Ich atme erleichtert aus und nicke ihm zu. Er beachtet mich nicht. Alle steigen aus. Niemand sagt Danke. Wofür auch. Ist ja nichts passiert. Daran werde ich mich als Superheld erst noch gewöhnen müssen.

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