Impfstoffzulassung in Großbritannien: Britain first

In Großbritannien wird ab nächster Woche geimpft, das erste Vakzin gegen Covid-19 ist dort genehmigt. Alles sei sicher.

Matt Hancock mit Gesichtsmaske winkt

Der britische Gesundheitsminister Hancock ist überzeugt, dass die Zeiten ab Ostern besser werden Foto: Kirsty Wigglesworth/ap

BERLIN taz | Die britische Zulassungsbehörde MHRA hat dem neuartigen mRNA-Impfstoff BNT162b2 des deutschen Unternehmens Biontech und des US-amerikanischen Logistik- und Produktionspartners Pfizer eine Notfallzulassung erteilt. Damit ist Großbritannien das erste Land, das einen Impfstoff gegen Corona nach einer unabhängigen wissenschaftlichen Prüfung zulässt.

800.000 Dosen sollen bereits kommende Woche in Flugzeugen und Lkws von der Endproduktion im belgischen Puurs auf die Insel geschafft werden, „mehrere Millionen Dosen“ bis zum Ende des Jahres, sagte Premier Boris Johnson. Als weltweit erstes Land wendet Großbritannien einen Impfstoff auf Basis der neuen mRNA-Technologie massenhaft an. Die britische Insel ist weltweit mit am stärksten von der Coronapandemie betroffen. Bisher starben hier auf die Bevölkerung umgerechnet mehr als viermal so viele Menschen an oder mit dem Virus als in Deutschland.

In der EU wird über eine Zulassung des in Deutschland entwickelten Impfstoffs wahrscheinlich erst nach Silvester entschieden: Spätestens am 29. Dezember will die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA ihre Empfehlung dazu aussprechen, die EU-Kommission genehmigt dann formal. Der Zeitplan könne sich aber auch noch ändern, sagte EMA-Chefin Emer Cooke, die damit eine schnellere Zulassung andeutet.

Man sei sich „der riesigen Verantwortung nur allzu bewusst, unsere Beurteilung und Empfehlungen korrekt zu erstellen“, so Cooke. Aus dem deutschen Gesundheitsministerium heißt es, es gebe keine Sorge, dass durch die schnelle Zulassung in Großbritannien nicht mehr genug Impfstoff für Deutschland vorhanden ist. Denn bis Ende des Jahres sollen bereits 50 Millionen Dosen produziert sein, bis Ende 2021 mehr als 1,3 Milliarden.

EU-Austritt ermöglicht britischen Coup

Den Briten ist mit der Notfallzulassung ein echter Coup gelungen, der zwei Gründe hat und zum Teil dem britischen Eigenwillen zuzuschreiben ist: Schon während seiner EU-Mitgliedschaft, die noch bis Ende Dezember im Übergangsstadium läuft, genoss Großbritannien wie andere EU-Mitgliedstaaten das Recht, unter dringlichen Umständen wie einer Pandemie per Notfallverfahren zeitweise Medikamente zuzulassen. Ungarn will diesen Weg ebenfalls gehen und den bisher nicht nach internationalen Standards erprobten russischen Impfstoff Sputnik V verwenden.

Die Zulassung in Großbritannien erfolgte ohne Absprache mit der EMA, schreibt diese auf Anfrage. Seit Februar hat sich Großbritannien vollständig aus ihren Gremien zurückgezogen. Das ermöglichte der zuständigen britischen Behörde MHRA einen regulatorischen Kniff: Sie wertete bereits seit 23. November die Daten aus der dritten, entscheidenden klinischen Stufe des Biontech-Vakzins aus. Das zeigt der Zeitplan, den die britische Behörde veröffentlichte.

Zwar wertet auch die EMA seit 6. Oktober klinische Daten aus, doch offenbar ist sie bei der Begutachtung der Pakete aus der entscheidenden klinischen Studie mit rund 44.000 Pro­band*in­­nen schlicht deutlich langsamer als die Briten. Dort habe man „Tag und Nacht“ gearbeitet, um die Ergebnisse zu begutachten, hieß es auf einer Pressekonferenz.

June Raine, Chefin der MHRA, beteuerte mehrfach, dass es keine Abstriche bei der Sicherheit des Impfstoffes gegeben habe. „Wir haben alle Daten ausgewertet, inklusive der Rohdaten der klinischen Studien“, sagte sie. Wie bei der Arzneimittelzulassung üblich, habe die MHRA auch den Produktionsprozess überwacht. Sie bestätigte als erste Zulassungsbehörde, dass das Vakzin 95 Prozent der Geimpften schützt, inklusive der Älteren. Nebenwirkungen seien nur minimal zu beobachten – insgesamt gebe es „überwältigende Vorteile“ durch die Impfungen.

Ab Ostern sollen bessere Zeiten kommen

Weil zunächst nicht genug Impfstoff vorhanden ist, um die all­gemeinen Ausbreitung des Coronavirus zu unterbinden, will Großbritannien nun zuerst diejenigen schützen, die am stärksten von einer Covid-19-Erkrankung mit Todesfolge bedroht sind. Laut der Impfbehörde des Landes werden zunächst Bewohner*innen von Pflegeheimen und ihre Pfleger*innen geimpft, anschließend alle Menschen über 80, medizinisches und Pflegepersonal, Menschen über 70, dann Menschen mit Herz-Kreislauf-­Störungen, Diabetes, Herzkrankheiten, Krebs, aber auch Menschen mit Downsyndrom und schweren Lernstörungen. Sukzessive folgen immer Jüngere.

Ein Netzwerk von 50 britischen Krankenhäusern steht bereit, um die ersten Impfungen ab nächster Woche durchzuführen. Auch Personal anderer Bereiche, wie etwa Phy­sio­therapeut*innen, will man für die Impfungen rekrutieren. Auch Haus­ärzte*in­nen und Apo­the­ker*innen sollen mithelfen. Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock will zudem Impfzentren aufstellen lassen, die Armee soll Ausstellungshallen und Sportstadien umwandeln. Ab Ostern werde es in Großbritannien bessere Zeiten geben, sagte Hancock.

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