Imagewerbung im ÖPNV : Alles nur Spaß!
Und wieder macht die BVG auf lustig: Ihr aktueller Werbefilm soll beweisen, dass Berlin und nicht Paris die wahre Stadt der Liebe ist. Ach wirklich?
I n der englischsprachigen Medienkritik gibt es den Ausdruck to jump the shark. Er beschreibt den Punkt, an dem das Publikum das Interesse an einer Serie verliert, weil deren DrehbuchschreiberInnen versuchen, den Plot mit immer unrealistischeren Variationen am Leben zu halten. Was ihre aufwändigen Imagefilme angeht, sind die Berliner Verkehrsbetriebe zwar schon vor einiger Zeit über den Hai gesprungen, aber dank eines überraschend üppigen Marketingbudgets legen sie immer wieder einen drauf.
Jetzt also läuft „Excusez-nous, Paris!“ auf Social Media und wohl auch bald im Kinowerbeblock: eine von der Agentur Jung von Matt produzierte „Liebeserklärung an Berlin“. Da nimmt uns der archetypische Berliner Busfahrer (bisschen spießig, aber cool) mit an die Seine, um zu zeigen, dass die PariserInnen mit ihren Baguettes unterm Arm, ihrer Haute Couture und ihren Zungenküssen einfach nicht anstinken können gegen „das echte Leben und die Menschen“ (O-Ton BVG) an der Spree.
Während also unterm Eiffelturm ein junger Schnösel im gestärkten Hemd vor seiner Erwählten kniet, um ihr den glitzernden Verlobungsring anzureichen, knutschen unterm Fernsehturm zwei schwer gepiercte Punks: „Autsch, 47 Ringe. Das ist echte Liebe!“ Und während der Pariser sein Langbrot unter die Achsel klemmt, um auf dem Motorroller zum Tête-à-Tête zu knattern, haut’s den Berliner im schlingernden Bus auf dem Weg zur Liebsten unter die müffelnde „Achsel von Axel“. Oh là là!
Seit dem legendären „Is mir egal“-Clip mit Kazim Akboga und den gelben „Weil wir dich lieben“-Herzchen hat die BVG das Konzept „Wir sind nicht perfekt, aber wahnsinnig liebenswert“ nun wirklich langsam zu Tode geritten. Denn mit der Realität auf der Straße und im Tunnel hat das alles herzlich wenig zu tun: Da machen Tausende einen harten Job, um Hunderttausende zu transportieren, aber so richtig witzig ist das in Wirklichkeit gar nicht.
Augenzwinkern ist nicht
Müssen wir an dieser Stelle an überfüllte Bahnen und ausgedünnte Buslinien erinnern? An Streckensanierungen, die länger dauern als seinerzeit der Bau derselben Strecke (Grüße nach Tegel)? An kaputte oder immer noch fehlende Fahrstühle? An Mikro- und Makro-Aggressionen im täglichen Verkehr oder an die Tatsache, dass eine Ticketkontrolle bei fehlendem oder abgelaufenem Fahrschein immer mit einer Zahlungsaufforderung endet und nie mit einem Augenzwinkern, wie es die Imagekampagnen nahelegen?
Es geht ja gar nicht darum, die BVG schlechtzureden – nur könnte sie langsam mal damit aufhören, ihr mühsames tägliches Geschäft als Spaßbetrieb zu inszenieren. Oder kommt die graue Realität schon hinterher geschlurft, wenn man sie lange genug als bunt und aufregend bewirbt? Der Morgenpost hat Verkehrsbetriebechef Henrik Falk gerade gesagt, das Gelingen der Mobilitätswende sei auch eine Frage von Lifestyle und Emotionen, und deshalb müsse sein Unternehmen „ein bisschen cool“ sein.
Da fällt einem gleich eine weitere Szene aus dem aktuellen Liebesfilmchen ein: „Den bekanntesten Kuss hat immer noch Berlin“, schwärmt unser Busfahrer vor dem Mauergemälde von Honecker und Breschnew. Und eine Frage drängt sich auf: Wäre die DDR vielleicht nicht untergegangen, wenn es damals schon Social Media gegeben hätte und das Politbüro mit Jung von Matt …? Nein, nein: alles nur Spaß!
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert