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Im Hauptquartier der Kulturstreitkräfte

Kyjiw wurde kurz vor der dortigen Buchmesse mit russischen Raketen und Drohnen überzogen. Auch die Kulturszene ist stark davon betroffen, präsentiert sich aber quicklebendig bei Lesungen und Konzerten

Von Jens Uthoff

Vor dem Einkaufszentrum Kwadrat am Lukyanivska-Platz fegen Feuerwehrleute Schutt und Splitter zusammen. Von der einstigen Mall ist nur ein rundliches, rußschwarzes Betonskelett geblieben. Auch der Buchladen „Bukva“ ist vom Feuer vernichtet worden, doch die Betreiber kündigen in einem ukrainischen Medium umgehend an, im Juni wiedereröffnen zu wollen: „Passen Sie auf sich und Ihre Lieben auf. Ruhm der Ukraine.“

Am Tschornobyl-Museum im Stadtteil Podil bietet sich Anfang vergangener Woche ein ähnliches Bild. Verbrannte Autowracks stehen davor, das Dach ist eingestürzt; das Gebäude ist, welch Ironie, eine hübsche alte Feuerwache mit einem kleinen Türmchen. Museumsdirektorin Vitalina Martynovska, eine kleine, blonde Frau mittleren Alters, steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite, berät sich mit den Hilfskräften. „Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll. Sie sehen ja, wie groß die Schäden sind“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Den Großteil der aktuellen Ausstellung konnten wir zum Glück retten. Unsere Büros haben wir in einem Ersatzgebäude untergebracht.“ Viele Exponate der Dauerausstellung wurden vernichtet.

Zwei Nächte lang war Kyjiw massiv von Drohnen und Raketen überzogen worden, die russischen Angriffe in der Nacht auf den 24. Mai trafen auch Kultureinrichtungen und Museen. Am Kyjiw Opera Theater, dem Ukrainian House, der Philharmonie gab es Schäden durch Detonationen. Am Institut für Geschichte nahe des Maidan decken nun überall Pressholzplatten die herausgesprungenen Fenster ab. Auch die Büros der Verlage Ranok und Veselka sind beschädigt worden, und das Autorenpaar Olena and Artem Zakharchenko hat sein Zuhause verloren. „Die Wohnung, die ich so sehr geliebt habe, habe ich nicht mehr. Das Leben ist niedergebrannt, in Stücke zerfallen“, schrieb Olena Zakharchenko auf Facebook.

„Wir sehen einmal mehr, dass Russland nicht nur die ukrainische Staatlichkeit, die Bevölkerung und die Institutionen vernichten will, sondern die gesamte ukrainische Identität und Kultur“, sagt Oksana Sabuschko wenige Tage später beim Kyjiwer „Book Arsenal“, der größten Buchmesse der ­Ukraine. Sabuschko ist Star und Dauergästin der Messe, ihr Roman „Feldstudien über ukrainischen Sex“ ist einer der großen Zeitromane über die Ukraine seit der neuerlichen Unabhängigkeit, ein Longtime-Bestseller. Warum wird die Kultur immer mehr zum Angriffsziel der Russen? „Kultur gibt uns ein Gemeinschaftsgefühl und vermittelt Sinn. Wir spüren das in der Ukraine gerade jetzt: Konzerte und Aufführungen sind häufig ausverkauft. Versuchen Sie mal, ein Ticket für ein Theaterstück in Kyjiw zu bekommen, Sie sollten ein halbes Jahr vorher buchen.“

Kyjiw ist und bleibt eine Kulturstadt, gerade in Kriegszeiten. Es gibt das große Bedürfnis, die Trauer und Traumata zu be- und zu verarbeiten, die Leerstellen und Lücken zu füllen. Der Witz und der Widerstandswille sind dabei ungebrochen. Das berühmte Punk-Cabaret-Kollektiv „Dakh Daughters“ zeigt das bei einem Auftritt im Oktober-Palast. Sie spielen gut gelaunten „Ukrainian Reggae“ mit empowernden Lyrics: „We have to live / We have to believe / We have to resist / We have to exist.“ Untätigkeit und Untertänigkeit sind für die Dakh Daughters keine Optionen. Zur Buchmesse sind viele wichtige Au­to­r:in­nen angereist. Serhij Zhadan, Artem Tschech, Artem Tschapaj, auch Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Die Verlagsstände sind unter den prächtigen Bogengängen des Mystetskyi Arsenal („Kunst-Arsenal“) aneinandergereiht, geschätzte 90 Prozent der ausgestellten Bücher sind auf Ukrainisch.

Bei den 240 Panels und Talks dominieren die großen Themen des Kriegs: Der Umgang mit Kriegsversehrten, die Frage der Mobilisierung, die Befreiung der Kriegsgefangenen, die Wehr(un)gerechtigkeit, auch geopolitische und philosophische Dimensionen. 27.000 Be­su­che­r:in­nen kommen laut der Veranstalter insgesamt an den vier Tagen.

Darunter sind auch viele Soldat:innen, viele Kriegsversehrte. Gleich am Eingang stehen Rollstühle und Gehhilfen für Menschen mit Behinderung bereit, man sieht einige Armeeangehörige in Uniformen, die Beinprothesen haben. „Ein solches kulturelles Ereignis ist einfach inspirierend – und es kann einen motivieren, weiterzukämpfen“, sagt Autor und Soldat Artem Tschech, der in seinem Buch „Nullpunkt“ (2022) über die Abstumpfung, den Gehorsam und die Dehumanisierung im Krieg geschrieben hat. Austausch und Diskurs als Rehumanisierung. Oder als ideelle Prothese.

„Bear your freedom“ („Lebe deine Freiheit“) ist das Motto in diesem Jahr, es stammt von Maksym Butkevych, der neben Andrij Ljubka Gastkurator der diesjährigen Ausgabe ist. Der Journalist und Menschenrechtler war zwischen 2022 und 2024 mehr als zwei Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Wieder lesen zu können, was er wolle, sei ein Segen gewesen nach seiner Entlassung, sagt Butkevych. In Haft habe er zunächst nur russischer Propaganda zu lesen bekommen: „Wie schlecht geschrieben sie war!“

Die Literatur sollte diejenigen, die mit Waffen angreifen, von denen unterscheiden, die sich mit Waffen verteidigen, meint Soldat und Autor Artur Dron

Über Freiheit und Verantwortung diskutiert Butkevych unter anderem mit Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matwijtschuk und dem von der Krim stammenden Journalisten und Soldaten Pawlo Kasarin. Zu den russischen Haftbedingungen sagt Butkevych: „Sie verwandeln dich in ein Objekt. Sie bestimmen, was du anziehst, wann du aufstehst, wann du isst. Und je mehr wir in ein Objekt verwandelt werden, um so mehr schwindet auch unsere innere Freiheit.“

Matwijtschuk, Gründerin des Center for Civil Liberties, betont, dass im Krieg nicht nur Freiheit, sondern auch bürgerliche Verantwortung verteidigt werde, die oft – siehe Russland – weit weniger ausgebildet und populär ist. Pawlo Kasarin bemerkt dazu: „Ich war überrascht, wie gut die freiheitliche Demokratie in Kriegszeiten funktioniert. Man sollte meinen, ein autoritäres System und strenge Top-down-Hie­rarchien hätten es leichter im Krieg. Als die ukrainischen Truppen aber während des Kriegs in Kursk einmarschiert sind, gab es keinen Widerstand der Bevölkerung, wie wir ihn in Cherson und anderen ukrainischen Städten gesehen haben.“

Militär und Gesellschaft lassen sich nicht wirklich trennen in der Ukraine im Jahr 2026. Serhij Zhadan, Literatur- und Popstar der Ukraine, hat den Sender „Radio Khartiia“ gegründet, eine Station von und für die Soldaten der Brigade Khartiia („Charta“). Die Brigade verkauft Shirts und Hoodies in Punk-Optik, Zhadan selbst liest auf dem Festival Gedichte und muss eine halbe Stunde lang Autogramme geben.

Gleich eingangs präsentieren sich die „Cultural Forces“. Etwa 200 Soldaten, die im zivilen Leben aus kreativen Bereichen kommen, organisieren Konzerte und Lesungen für die Frontsoldaten, sie sammeln aber auch ausgelesene Bücher, die sie den Soldaten senden. „Books to the Frontline“ heißt die Initiative. „Es geht für uns auch darum, die Moral der Frontbrigaden zu stärken“, sagt Andriy, ein Mitglied der Cultural Forces. „Nach so vielen langen und harten Kriegsjahren ist es wichtig, dass die Kämpfer vermittelt bekommen, was sie dort verteidigen.“

Kriegstagebücher und Lyrik sind in der Ukraine weiterhin sehr gefragt. Doch nun beginnt vielleicht schon eine neue Phase der Literatur in Kriegszeiten, die des Vergleichs, des Suchens nach einer neuen Sprache. Erich-Maria Remarque, Ernst Jünger und Ernest Hemingway sind die Author’s authors in der Ukraine dieser Tage. Der Bestseller und meistdiskutierte Essay-Roman der Saison heißt dann auch „Hemingway nic nie wie“ („Hemingway weiß gar nichts“) des jungen Soldaten und Schriftstellers Artur Dron (über 40.000 verkaufte Bücher). Dron arbeitet sich darin unter anderem am Abenteuergeist und der Heldenpose ab, mit der Hemingway in den Krieg ging. Er gleicht die Weltkriegsliteratur mit der heutigen ukrainischen Literatur ab und schreibt: „Wir brauchen eine neue Literatur, die kriegsfeindlich, aber nicht antimilitaristisch ist. Die Literatur ist es gewohnt, Waffen zu verurteilen. Stattdessen sollte sie diejenigen, die mit Waffen angreifen, von denen unterscheiden, die sich mit Waffen verteidigen“, schreibt er. Im Herbst soll das Buch im Weimarer Mauke-Verlag auf Deutsch erscheinen.

Der ukrainische Buchmarkt hat zuletzt einen deutlichen Aufschwung erlebt, 117 publizistische Neugründungen gab es 2025, die Zahl der Neu­erscheinungen blieb konstant hoch, die Umsätze wuchsen drei Jahre in Folge. Es gab ein dem „Kulturpass“ ähnliches Förderprogramm der Regierung für junge Lesende, das sehr gut angenommen wurde. Allerdings steigen – aufgrund der erhöhten Produktionskosten – die Buchpreise, allein innerhalb eines Jahres sollen Bücher 20 bis 30 Prozent teurer geworden sein. Die Prognosen für das laufende Jahr sind nicht optimistisch.

Für die ukrainische Gesellschaft ist der Krieg auch nach innen die Maximalbelastung, unter anderem aufgrund der Rehabilitierung von Veteranen. „Kein europäisches Land musste sich in den letzten Jahrzehnten einer solchen Herausforderung stellen. Wir müssen Zehntausende oder Hunderttausende von Menschen reintegrieren“, sagt Menschenrechtler Butkevych, „und wir laufen Gefahr, durch interne Spaltungen auseinandergerissen zu werden.“ Ein Gradmesser sei, wie gut es gelinge, Menschenrechte und demokratische Werte auch in Kriegszeiten zu leben und zu erhalten.

Veranstaltungen wie das Book Arsenal helfen, sich darüber zu verständigen. Sie sind wie eine Live-Verarbeitung des Krieges, im Hauptquartier der Cultural Forces. Als Maksym Butkevych damals in russischer Kriegsgefangenschaft in den besetzten Gebieten saß, durfte er irgendwann wieder Post empfangen. „Eine Freundin schrieb mir vom Besuch des Book Arsenal. Es sei gut besucht gewesen und habe sich lebendig angefühlt, schrieb sie.“ Er sei glücklich gewesen, diese Zeilen in Kriegszeiten zu lesen. „Es zeigt, dass da Leben ist, dass da Kreativität ist, dass da Kraft ist.“

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