Ich und Ruanda

Zwischen Genozid und Apfelschorle

Schwiegereltern treffen ist immer verkrampft. Aber Schwiegereltern treffen als schwarze Frau in Deutschland ist Hochleistungssport.

An einem Essenstisch wird mit Weingläsern angestoßen

Und Prost! So locker geht es nicht immer mit den Schwiegereltern zu Foto: imago / Katharina Mikhrin

Schwiegereltern treffen ist immer merkwürdig oder verkrampft. Schwiegereltern treffen, while black, ist Hochleistungssport. Keinen, den man so leicht gewinnen kann. Zumindest nicht würdevoll. Meinen ersten Freund hatte ich, exakt fünf Jahre nachdem ich mit meiner Familie nach Deutschland zog. Nennen wir ihn Florian. Er war ein höflicher Typ mit großen, kräftigen Händen, der gern Hockey spielte. Meine Eltern mochten ihn gern, aber bei uns übernachten durfte er trotzdem nicht. Aber er war oft bei uns zum Essen,lachte über die Witze meiner Schwestern und half beim Tischdecken.

Beim Essen stellte meine Mutter manchmal Fragen über Hockey und wollte von ihm wissen, warum er denn Niederländisch statt Französisch als Wahlfach genommen hatte. Mein Stiefvater sprach mit ihm meistens über Theologie oder Politik. Aber das hatte mehr mit meinem Stiefvater als mit Florian zu tun.

Als ich seine Mutter und seinen Vater kennenlernte, war es etwas anders. Ich war aufgeregt und wollte von Florian wissen, ob er ihnen denn gesagt hätte, dass ich schwarz bin? Er schaute mich an, als hätte ich eine Sprache gesprochen, die er nicht verstand. „Klar wissen die, dass du schwarz bist, aber das ist doch egal.“ Na ja es geht. Es ist nicht so egal, dachte ich, aber irgendwie passten keine meiner Worte in diesem Moment. Seine Mutter bot mir sofort das Du an und war sehr herzlich.

Zwischen Tür und Angel

Damals aß ich leidenschaftlich gern drei Gerichte: Fufu und die typisch ruandische Soße meiner Mutter, die Tiefkühllasagne von Aldi und die türkische Pizza von Istanbul Grill II. Was auch immer Frau K. damals servierte, kam zwar nicht an die drei Gerichte ran, aber war lecker genug, dass ich mich nicht daran erinnere. Ihr Mann lächelte ab und zu, war aufmerksam, aber sagte nicht viel. Sie fragte mich viel über Ruanda und sprach über den Genozid: „Schrecklich, was da passiert ist. Also, dass sich die Leute da niedermetzeln.“ „Florian, reichst du mir den Apfelsaft bitte?“ „Bist du denn eigentlich Hutu oder, wie heißen denn die anderen? Hutsi?“ „Ihr habt ja wirklich einen draufgekriegt.“

Es war nicht besonders angenehm, aber ich war es gewohnt. Über den Genozid sprechen zwischen Tür und Angel. Zwischen Apfelsaft und Kartoffelpüree. Es war schwer, das Thema zu wechseln. Zwischendurch machte sie mir Komplimente, dass ich so wortgewandt und höflich und sogar auf dem Gymnasium sei. Sie lachte kurz auf, als ich ihr sagte, dass ich später Rechtsanwältin werden wollte.

Irgendwann gelang es mir, das Thema zu wechseln. Ich erzählte von einem Freund, der Pizzataxi fuhr, und irgendwie kamen wir auf das Thema chinesische Küche. Sie schaute mich ungläubig an: „Du hast schon mal chinesisch gegessen?“ Zum Abschied drückte sie mich und fasste mir beherzt in die Haare. „So schön. Viel schöner als meine dünnen Haare“ und lachte noch mal kurz auf. Ich wäre am liebsten gestorben.

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