Humor in Belarus: Die Katze demonstriert

Der Brutalität der Staatsmacht begegnen die Menschen mit Anekdoten. Janka Belarus erzählt von stürmischen Zeiten in Minsk. Folge 15.

Portrait einer Katze, die die Zunge herausstreckt

Lachende Katze Foto: Frank Sorge/imago

Bei den Belaruss*innen ist jetzt ein ganz anderes Gefühl für Humor aufgekommen. „Wurden Sie auf einer Frauendemonstration festgenommen?“ „Oh ja. Männer in Uniformen haben uns auf Händen getragen. Angenehm. Schade war nur, dass es in einen Autobus ohne Nummernschild ging und nicht über die Schwelle einer Kirche.“

„Hört mal zu, ich habe ein Konzept. Wir brauchen Gleichgesinnte. Ich möchte einen ‚Marsch der Dicken‘ durchführen. Die Idee ist so: Wir brauchen 100 Leute, ungefähr so wie ich. (Ich wiege 100 Kilo.) Jeder bringt zwei Fahrradschlösser mit. Eins wird eng um den Körper unter den Achselhöhlen festgezogen, das andere mit dem Nachbarn verbunden. Das alles muss eine Kette mit einem Gewicht von ungefähr zehn Tonnen ergeben, die garantiert nicht in einen Mannschaftswagen hineinpasst.

Записи из дневника на русском языке можно найти здесь.

Und dann gehen wir los. Ist schon klar, dass sie uns gefangen nehmen, das Ministerium für Katastrophenschutz einschalten und die Fahrradschlösser durchschneiden. Doch das alles wird ziemlich lustig und blöd aussehen. Wer möchte bekannt werden und es auf alle Nachrichtenseiten schaffen?“

„Die Sicherheitskräfte laufen jetzt entweder in schwarzen oder in sandfarbenen Uniformen herum. Wie nennen sie ‚Oliven‘. Ich weiß gar nicht, ob ich nach all dem überhaupt noch Obst und Gemüse essen kann. Allenfalls in einem Martini.“

Dialog in einem Chat: „Leute, habt ihr heißes Wasser?“ „Ich nicht, schon den dritten Tag nicht. Lauwarmes gibt es.“ Habt ihr bei der Kommunalverwaltung angerufen? Und was sagen sie? Macht ihnen mal Feuer unter dem Hintern. Denn Zeit, um Flaggen zu zerreißen, die haben sie ja. Aber mit dem Wasser gibt es schon das ganze Jahr Probleme.“ „Ihr müsst ihnen sagen, dass aus dem Hahn jetzt weiß-rot-weißes Wasser läuft.“

„Um die Ecke des Untersuchungsgefängnisses in der Okrestina-Straße befindet sich die Klinik zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten. Ich weiß überhaupt nicht, was für einen rechtschaffenen Menschen peinlicher ist zuzugeben: Ob er schon in dem einen oder dem anderen Gebäude gewesen ist …“

„Ich habe eine weiße Katze zu Hause. Ich habe Rindfleisch geschnitten, sie hat ein Stück davon gestohlen, ist damit lange durch die Wohnung gelaufen. Ich holte sie mir und schrie sie an: ‚Hey, du Demonstrantin, ich werde dich wegen deiner oppositionellen politischen Meinung festnehmen.‘ Und die Katze? Sie lachte mich aus auf ihre Art. Auf ‚Katzisch‘.“

Dem brutalen Vorgehen der Staatsmacht begegnet das Volk mit Humor. Solange die Menschen noch lachen können, sind sie unbesiegbar.

Aus dem Russischen Barbara Oertel

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ist 45 Jahre alt und lebt und arbeitet in Minsk. Das Lebensmotto: Ich mag es zu beobachten, zuzuhören, zu fühlen, zu berühren und zu riechen. Über Themen schreiben, die provozieren. Wegen der aktuellen Situation erscheinen Belarus' Beiträge unter Pseudonym.

Mehr Geschichten über das Leben in Belarus: In der Kolumne „Tagebuch aus Minsk“ berichten Janka Belarus und Olga Deksnis über stürmische Zeiten – auf Deutsch und auf Russisch.

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