Hotel in Beirut schließt: Zufluchtsort für Reporter im Krieg
Es war viel mehr als eine Unterkunft: Während des libanesischen Bürgerkriegs lebten und arbeiteten ausländische Journalisten im Beiruter Commodore Hotel.
ap | Im krisengeschüttelten Libanon hat in den vergangenen Jahren eine Reihe Hotels dichtgemacht, weil nur noch wenige Touristen kommen. Aber diese Woche war eine ganz besondere Einrichtung an der Reihe – das Commodore Hotel im westlichen Beiruter Stadtteil Hamra.
Ausländischen Journalisten diente es im libanesischen Bürgerkrieg als inoffizielle Nachrichtenredaktion, als ein sicherer Zufluchtsort, von dem aus sie auch dann ihre Berichte weiterleiten konnten, wenn die Kommunikationssysteme anderswo ausgefallen waren. Bewaffnete Wächter an der Tür sorgten für ein gewisses Gefühl der Sicherheit, während Scharfschützen-Gefechte und Granatfeuer die Stadt in Schutt und Asche legten. Das Hotel hatte sogar ein eigenes äußerst beliebtes Maskottchen: einen frechen Papageien an der Bar.
Spannungen im Land halten an
Das neunstöckige Commodore mit mehr als 200 Zimmern bestand nach einem Neubau noch Jahrzehnte nach dem Ende des 15-jährigen Bürgerkriegs im Jahr 1990 – bis es am Montag endgültig dichtmachte. Die Hotelbetreiber lehnten es ab, über die Gründe für das Ende zu sprechen.
Die Lage im Libanon dürfte mit dazu beigetragen haben. Zwar erholt sich die Wirtschaft langsam von einer langwierigen Finanzkrise, die 2019 begann. Doch die Spannungen in der Region und die Nachwirkungen des Krieges zwischen Israel und der Hisbollah, der im November 2024 durch einen wackeligen Waffenstillstand beendet wurde, halten an. Lange tägliche Stromausfälle zwingen Unternehmen dazu, auf teure private Generatoren zurückzugreifen. Touristen ins Land zu locken, ist unter diesen Voraussetzungen schwierig.
Eine Verbindung zur Außenwelt
Journalisten, die im Commodore lebten und arbeiteten, trifft das Aus für das Hotel besonders hart. Es „war ein Informationszentrum – verschiedene Guerillaführer, Diplomaten, Spione und natürlich zahlreiche Journalisten tummelten sich in den Bars, Cafés und Gesellschaftsräumen“, sagt Tim Llewellyn, ein ehemaliger BBC-Korrespondent für den Nahen Osten, der über den Bürgerkrieg berichtet hatte. „Einmal kam sogar (der verstorbene Palästinenserführer) Jassir Arafat vorbei, um mit dem Vater des Hotelmanagers einen Kaffee zu trinken.“
Auf dem Höhepunkt des Bürgerkrieges, als die Telefonverbindungen vielerorts zusammengebrochen und ein Großteil von Beirut von der Außenwelt abgeschnitten waren, fanden Journalisten im Commodore Festnetzanschlüsse und Telexgeräte, die immer funktionierten, um Berichte an ihre Zeitungen und Rundfunksender auf der ganzen Welt zu schicken. Gegenüber der Rezeption in der großen Hotellobby standen zwei Fernschreiber, die Berichte der Nachrichtenagenturen AP und Reuters übermittelten.
„Wie ein Gesellschaftsverein“
„Das Commodore hatte einen gewissen schäbigen Charme. Die Zimmer waren einfach, die Matratzen klumpig und die Essensangebote nicht besonders spektakulär“, sagt der ehemalige Nahost-Redakteur Robert H. Reid, der zu den AP-Journalisten zählte, die über den Krieg berichteten. Und er hebt insbesondere das angenehme Klima in der Bleibe hervor: „Das freundliche Personal und die Kameradschaft unter den Journalisten-Gästen ließen das Commodore eher wie einen Gesellschaftsverein erscheinen, in dem man sich nach einem Tag in einer der gefährlichsten Städte der Welt entspannen konnte“, sagt er.
Der Papagei an der Bar
Eine der bekanntesten Figuren im Commodore war der Papagei Coco, der immer in einem Käfig in der Nähe der Bar saß. Gäste erschraken oft, wenn sie etwas hörten, das wie das Zischen einer herannahenden Granate klang – nur um dann festzustellen, dass es Coco war, der dieses Geräusch machte.
Der Nahost-Chefkorrespondent der AP, Terry Anderson, war Stammgast im Hotel, bevor er 1985 von schiitischen Extremisten in Beirut entführt wurde. Er kam erst nach fast sieben Jahren frei und war damit eine der am längsten festgehaltenen US-Geiseln in der Geschichte. Videos von Anderson, die später von seinen Entführern veröffentlicht wurden, zeigten ihn in einem weißen T-Shirt mit der Aufschrift „Hotel Commodore Libanon“.
Nach der Geiselnahme Andersons und der Entführung anderer westlicher Journalisten verließen viele ausländische Medienvertreter den überwiegend muslimischen Westen Beiruts, und das Hotel verlor seinen Status als sicherer Hafen für ausländische Journalisten.
Viele Erinnerungen
Zu den vielen Erinnerungen, die sich mit dem Hotel verknüpfen, zählt auch, dass es finanzielle Unterstützung für Journalisten bot, denen das Geld ausgegangen war. Sie konnten sich etwas von Hotelmanager Jussuf Nassal leihen. Ihre Unternehmen zahlten es ihm dann zurück, indem sie Geld auf sein Bankkonto in London überwiesen, erzählt Ahmad Schbaro, der bis 1988 im Commodore angestellt war.
Schbaro denkt auch an einen schrecklichen Tag Ende der 1970er Jahre zurück, als das Gebiet um das Hotel unter schweren Beschuss geriet und zwei Zimmer im Commodore getroffen wurden. „Das Hotel war voll, und wir alle, Mitarbeiter und Journalisten, verbrachten die Nacht im Le Casbah“, einen berühmten Nachtclub im Untergeschoss des Gebäudes.
„Eine Lebensader“
In ruhigeren Zeiten verbrachten die Journalisten die Nacht mit Partys am Pool. „Es war eine Lebensader für die internationalen Medien in West-Beirut, wo Journalisten ihre Berichte schrieben, aßen, tranken, schliefen und sich vor Luftangriffen, Beschuss und anderen Gewalttaten verbargen“, so die ehemalige AP-Korrespondentin Scheherezade Faramarzi.
Das 1943 entstandene Gebäude blieb bis 1987 als Hotel in Betrieb. Da wurde es bei Kämpfen zwischen schiitischen und drusischen Milizen schwer beschädigt und später abgerissen, um dann durch einen Neubau ersetzt zu werden, der 1996 wieder offiziell für Gäste geöffnet wurde. Aber da gab es keinen Coco mehr an der Bar. Der Papagei verschwand während der Kämpfe von 1987. Schbaro zufolge geht man davon aus, dass er von einem der Milizenkämpfer, die das Hotel stürmten, mitgenommen wurde.
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