Horrorfilm „The End of Oak Street“: Vor der Riesenschlange sei gewarnt
Der Regisseur David Robert Mitchell bringt in „The End of Oak Street“ das Weltall in Unordnung. Und reichlich Dinos in eine Vorstadtidylle.
Gleich vorweg: Dieser Film dürfte nichts für Menschen mit einer ausgeprägten Schlangenphobie sein. Der Anblick der Titanoboa cerrejonensis und wie sich dieses graubläuliche, 13 bis 15 Meter lange und vor 60 Millionen Jahren lebende Urzeitungetüm in schleichender Stille durch die Gänge eines Hauses windet, unbemerkt von den sich dort aufhaltenden Menschen, auf der Suche nach seiner nächsten Beute, könnte für Menschen mit jener Angstausprägung zu einer kleinen Belastungsprobe werden.
Der Regisseur David Robert Mitchell hat sich für seinen neuen Spielfilm „The End of Oak Street“ eine skurrile Prämisse ausgedacht. Was wäre, wenn im Jahr 1982 ganze Straßenzüge eines amerikanischen Vororts durch eine Anomalie im Universum in jene prähistorische Zeit versetzt werden, als Dinosaurier die Erde dominierten? Dass die Titanoboa, die größte Schlange aller Zeiten, erst kurz nach dem Aussterben der Dinosaurier existierte, ist dabei völlig unerheblich. Ebenso die Erklärung für dieses kosmische Ereignis. Die Lust an der Inszenierung dieses in 80er-Nostalgie getränkten Riesenechsenspektakels steht im Vordergrund.
Am Anfang seiner Idee sei schlicht das Bild eines Dinosauriers gewesen, der im Müll eines Vorstadtgartens wühlt, wie Mitchell selbst sagt. Einer dieser Gärten gehört zum Haus von Gregg (Ewan McGregor) und Denise Platt (Anne Hathaway). Das Paar lebt in einer Suburbia-Idylle mit großzügigem Einfamilienhaus, wie sie die Kinogeschichte schon dutzendfach gezeigt hat. Doch der Haussegen hängt schief.
„The End of Oak Street“. Regie: David Robert Mitchell. Mit Anne Hathaway, Ewan McGregor u.a. USA 2026, 99 Min.
Gregg hat seinen vorherigen Job verloren und ist kaum zu Hause, da er zu viel Zeit damit verbringt, als Pizzabote genügend Geld in die Familienkasse zu spülen. Denise schreibt im Keller an einem Roman über eine Frau, die sich aus der Enge der Vorstadt befreien will. Ein verdächtig ähnliches Sujet zu ihrem eigenen Leben. Ihre Teenagerkinder Brian (Christian Convery) und Audrey (Maisy Stella) müssen derweil die Streitereien ihrer Eltern ertragen. Da braucht es selbstredend eine äußere Gefahr, um die Familie wieder zusammenzuschweißen.
Von nachbarschaftlichem Zusammenhalt keine Spur
Die Kleinfamilie als Nukleus bürgerlicher Selbstgewissheit – das gilt auch hier. Sobald die Dinosaurier – sanftmütige Pflanzenfresser wie zähnefletschende Prädatoren – nach einem nächtlichen Lichtblitz in den Vorort eindringen und durch die Straßen stampfen, geht es ums nackte Überleben. Von einem nachbarschaftlichen Zusammenhalt ist hier schnell nichts mehr zu sehen. Abgesehen von einem verwaisten Mädchen, das sich der Familie Platt in diesem Survival-Parcours anschließt, sind die Nachbarn seltsam abwesend.
Mitchell zeigt sie als Randfiguren, die wahlweise zerfleischt, zerdrückt und auseinandergerissen werden. Den einsetzenden Schrecken verstärkt er vor allem durch den Verzicht auf schnelle Schnitte.
Mike Gioulakis lässt seine Kamera in diesen langgezogenen Bildern immer wieder um die Figuren wandern und kreisen, wodurch eine große Raumtiefe entsteht. Etwa wenn die Platts mit ihrem Auto in die Einfahrt zurückrasen und ins Haus flüchten, während eine Meute Dinosaurier im Hintergrund über die Nachbarn auf der anderen Straßenseite herfällt. Oder wenn sie durch das Badfenster zusehen müssen, wie ihr Nachbar nebenan den Verstand verliert und auf seinem Dach von Flugsauriern zerlegt wird.
Zwischen Survival-Thriller und Spielberg’schem Abenteuerfilm
Die vorherigen Filme von David Robert Mitchell, sein Independent-Horror „It Follows“ (2014) und der verschroben-surreale Neo-Noir-Slacker-Film „Under The Silver Lake“ (2018), waren von einer großen erzählerischen Eigenheit gekennzeichnet. Mit „The End of Oak Street“ hat er nun seinen ersten Blockbuster hingelegt, der für IMAX-Leinwände gedreht wurde und mit einem geschätzten Budget von 85 Millionen US-Dollar das große Publikum ansprechen soll. Dass Dinosaurier nach Steven Spielbergs „Jurassic Park“ (1994) nach wie vor Publikum ins Kino locken, zeigt ein Blick auf das Jurassic-World-Franchise. Alle vier Teile seit 2015 haben weltweit mehr als 4,4 Milliarden US-Dollar eingespielt.
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Trailer „The End of Oak Street“
„The End of Oak Street“ ist irgendwo zwischen Survival-Thriller und Spielberg’schem Abenteuerfilm zu verorten, zuweilen mit bitterbösem Humor garniert. Das funktioniert leider nur bedingt. Denn Mitchell lässt die Vielschichtigkeit, mit der er seine Figuren zunächst anlegt, einfach ins Leere laufen. Nebenhandlungen werden angerissen, nur um sie im weiteren Verlauf völlig zu vergessen. Schauwerte schlagen Storytelling.
Das ist umso ärgerlicher, wenn sich der Film gar keine Mühe mehr gibt, seiner Zeitreise-Geschichte ein einigermaßen kohärentes Ende zu geben. Den Ärger mildern auch nicht kopulierende Dinos, die für einen Polaroid-Schnappschuss herhalten müssen, oder eine fantastische Anne Hathaway, die mit der Schrotflinte einen Allosaurus, den anderen großen Giganten neben T-Rex, erlegt. Es liegt der Verdacht nahe, hier wurde ein sehr eigenwilliger Regisseur von einem Filmstudio und dessen Gewinnerwartungen ausgebremst. Hätten sie ihn doch einfach machen lassen.
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