Horrorfilm „Men“ im Kino: Männer, die sich selbst gebären

Alex Garland drehte bisher vor allem Science-Fiction-Filme. In „Men“ übt der britische Regisseur mit den Mitteln des Horrors Kritik am Patriarchat.

Jessie Buckley steht im Garten und pflückt einen Apfel von einem Baum.

„Verbotene Frucht“: Harper (Jessie Buckley) wird in „Men“ von Männern verfolgt

Werke wie „Midsommar“ und „Hereditary“ von Ari Aster oder „Der Leuchtturm“ und „The Witch“ von Robert Eggers haben in den letzten Jahren das Subgenre des künstlerischen Horrorfilms bedeutend geprägt. Es sind Filme, die vor allem auf eine reichhaltige Symbolik, philosophische Reflexionen, eine dichte Atmosphäre und eine ansprechende Ästhetik setzen. Die somit eine tiefergehende Beunruhigung bei ihrem Publikum erzeugen, einen nachhaltiger verstörenden Eindruck hinterlassen, als es kurze Schockmomente oder stumpfe Gewaltausbrüche allein bewirken könnten.

Alle der genannten Beispiele wurden von A24 produziert beziehungsweise verliehen. Vor zehn Jahren in New York gegründet, konnte sich das Unternehmen schnell als eine neue Hoffnung für ebenso anspruchsvolles wie zeitgeistiges Kino etablieren. Für das Regiedebüt von Alex Garland, „Ex Machina“ (2014) übernahm A24, zumindest in den USA, ebenfalls den Verleih. Der Film ist nicht nur überaus intelligent geschrieben – Garland begann seine Karriere als Schriftsteller –, sondern auch sehr elegant inszeniert.

Das Sci-Fi-Drama um einen humanoiden Roboter, gespielt von Alicia Vikander, widmete sich drängenden Fragen um die Beziehung zwischen Menschen und Maschinen, die dem Menschen immer ähnlicher werden. Garland und A24 haben also in der Vergangenheit unter Beweis gestellt, dass aus der Zusammenarbeit Produktionen hervorgehen können, die relevante Themen verhandeln und das Ganze dabei noch unglaublich gut aussehen lassen.

All das deutete darauf hin, dass sich auch Garlands „Men“, in den USA erneut von A24 verliehen, in die noch verhältnismäßig kurze Liste des Subgenres „art horror“, das innerhalb der letzten Dekade stetig gewachsen ist, einreihen könnte. In ästhetischer Hinsicht hat das Werk viel von künstlerischem Horror, visuell ansprechend ist „Men“ durchaus.

„Men“. Regie: Alex Garland. Mit Jessie Buckley, Rory Kinnear u. a. England 2022, 100 Min.

Der Film eröffnet mit der Sicht aus einem Fenster, in Zeitlupe scheint Feuerregen auf das Geländer des davorliegenden Balkons niederzugehen. Dann wendet sich die Kamera einer Frau zu, die – vom orangen Licht, das von draußen in den Raum fällt, beschienen – in ihrer Wohnküche steht, mit blutender Nase und irritiertem Gesichtsausdruck.

Forderungen nach „Liebe“ um jeden Preis

Sie schließt die Balkontür, schaut aber weiter hinaus. Kurz darauf trifft ihr Blick das Gesicht eines Mannes, der vor besagtem Fenster in die Tiefe stürzt. Dazu erklingt „Love Song“ von Lesley Duncan, unter anderem ist die Songzeile „Until you give your love, there’s nothing more that we can do“ zu hören. Es ist ein stimmiger Auftakt für einen Film, der sich nicht nur zuerst, sondern nahezu ausschließlich um die wüsten Forderungen dreht, die Männer an Frauen stellen. Und manchmal ist es die nach „Liebe“, um jeden Preis.

Protagonistin Harper Marlowe (Jessie Buckley) mietet eigentlich ein herrschaftliches Schloss im ländlichen England, um über den Tod ihres Mannes James (Paapa Essiedu) hinwegzukommen. Wie in Rückblenden erzählt wird, drohte er ihr mit Selbstmord, sollte sie sich scheiden lassen. Im weiteren Verlauf des Streits schlug er sie ins Gesicht, woraufhin sie ihn rauswarf. Gleich darauf kletterte er offenbar auf den Balkon der darüberliegenden Wohnung. Ob er sich umbringen wollte oder beim Versuch herunterzuklettern abgerutscht ist, gehört zu den Fragen, die Harper quälen.

Zeit, um an diesem abgeschiedenen Ort die nötige Introspektion zuzulassen oder gar das Trauma zu bewältigen, ist ihr nicht beschieden. Stattdessen wird sie ausschließlich von Männern umgeben sein, die auf verschiedene Arten und meist mit einer gewissen Selbstverständlichkeit alle möglichen persönlichen Grenzen überschreiten.

Bereits Vermieter Geoffrey, ein rotwangiger Landadliger mit feuchtem Grinsen, erweist sich als unangebracht neugierig, als er sich darüber wundert, dass sie allein angereist ist, obwohl sie doch eine „Mrs“ sei. Zuvor hatte er sie dabei beobachtet, wie sie bei ihrer Ankunft einen Apfel vom Baum des Anwesens pflückte und hineinbiss. Später gibt er den obskuren, als Witz getarnten Kommentar dazu ab, dass sie das nicht dürfe, „verbotene Frucht“ und so weiter. Sie wisse schon.

Mythen aus dem Mittelalter

Auf christliche – auch folkloristische – Symbolik wie diese greift Garland immer wieder zurück. Allerdings ohne das darin Angelegte im Verlauf der Handlung für tiefergehenden Erkenntnisgewinn nutzbar zu machen. So taucht wiederholt der Grüne Mann beziehungsweise dessen „Blattmaske“ auf, um die sich spätestens seit dem Mittelalter diverse Mythen ranken.

Harper begegnet der Maske zunächst in Form einer Verzierung an einem Taufbecken in der örtlichen Kirche. Auch ein nackter Mann, der sie kurz nach ihrem Eintreffen zu stalken beginnt, wird hinterher ein Eichenblatt in seiner Stirn, später weiteres Laub und Äste am Körper tragen.

Einer Interpretation nach geht der Grüne Mann in der kirchlichen Tradition auf den Schöpfungsmythos zurück: Aus Samen des Baums der Erkenntnis im Mund Adams soll ein neuer Baum gewachsen sein, aus dem später das Kreuz, an dem Jesus starb, gefertigt wurde.

Alle Männer, denen Harper nach dem Tod ihres Ehemanns in „Men“ begegnet, werden von Rory Kinnear gespielt

Wie man es auch dreht und wendet, so scheint der einzige metaphorische Gehalt von „Men“ auch im weiteren Verlauf eine simple Verallgemeinerung zu sein, die bereits im ebenso kurzen wie vielsagenden Titel anklingt: Alle Männer sind gleich, und das seit Urzeiten. Oder sind es zumindest in den Augen der traumatisierten Protagonistin.

Schuld am Tod ihres Ehemanns

Für eine Auslegung nach einer dieser beiden Spielarten spricht auch die auf den ersten Blick spannende, letztlich in ihrer Sinnbildhaftigkeit aber doch etwas zu plump geratene Casting-Entscheidung: Alle Männer, denen Harper nach ihrem toten Ehemann begegnet, werden von Rory Kinnear gespielt.

Darunter ein Pfarrer, der ihr zunächst Gehör schenkt, ihr dann aber einzureden versucht, dass sie am Tod ihres Ehemanns die Schuld trage, dass Männer ihre Frauen eben bisweilen schlagen und sie ihm noch eine weitere Chance hätte geben sollen. Darüber hinaus schlüpft Kinnear in die Rolle eines Polizisten, eines Pubbesitzers und sogar eines Jungen, der Harper zum Versteckspiel auffordert und sie anschließend unaufhörlich als „dumme Schlampe“ beschimpft, als sie ablehnt.

In einem furiosen Finale gebären sich diese Männer gegenseitig, mit dem Grünen Mann als Wurzel des Übels und Harpers unheilvollem James als dessen jüngste Ausgeburt. Harpers Flucht ist gescheitert, dem sich ständig reproduzierenden Patriarchat ist nicht zu entkommen, so die Lesart, die sich aufdrängt.

Damit bleibt am Ende nicht viel mehr als eine optisch überzeugende, aber oberflächliche Tirade gegen Misogynie. Alex Garlands dritte Regiearbeit wirkt im Vergleich zu den eingangs erwähnten Vertretern des Subgenres, aber auch anderen verwandten Filmen wie Darren Aronofskys polarisierendem „Mother!“ oder Jordan Peeles Horrorkomödie über Alltagsrassismus „Get Out“ leider wie ein potemkinsches Dorf.

Überbordende Symbolik

Durch ähnliche religiöse Referenzen beziehungsweise den Versuch, an heutige gesellschaftliche Debatten anzuknüpfen, erinnert „Men“ zwar an derlei Filme, bleibt aber vor allem mit Blick auf den inhaltlichen Gehalt bedeutend dahinter zurück. Die überbordende Symbolik führt nicht zu mehr als Floskeln, die der Ernsthaftigkeit des Themas womöglich schaden, weil sie Missstände auf Plattitüden zu reduzieren droht.

Blickt man auf Alex Garlands bisheriges Schaffen, das neben „Ex Machina“ weitere hintergründige Sci-Fi-Werke wie „Auslöschung“ und die Serie „Devs“ umfasst und stets Fragen um das Urmenschliche, unsere DNA und was sie herausfordert, aufwirft, bleibt fraglich, wie das Ergebnis diesmal vergleichsweise flach ausfallen konnte. Vielleicht ist der Stoff von „Men“ zu real, zu wenig Dystopie, um geeignet zu sein für die eigentliche Stärke des Filmemachers: die Garland’schen Gedanken­experimente um das Grauen, das uns erst noch bevorsteht.

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