Hörbuch „Bartleby, der Schreiber“: Latente Drohung
Melvilles „Bartleby“ ist einer, der einfach sitzen bleibt. Ist er nicht nur ein Alptraum für Arbeitgeber, sondern auch der ideale Mieter?
Im frühen Neuhochdeutschen „ist miete besonders auf lohn, gabe, geschenk bezogen, das zu erlangung eines unberechtigten vortheils gegeben wird, namentlich an obrigkeitliche personen“.
Doch auch die ältere Bedeutung „von miete, lohn für eine leistung, einen dienst“, erscheint noch, so das Grimmsche Wörterbuch.
Was ist also los mit diesen Mietern? Zeigen sie sich erkenntlich, dass sie das Eigentum eines anderen nutzen dürfen? Oder sind sie auf den „unberechtigten vortheil“ aus, sich als Mietmaden im Fremden festzusetzen?
mietenkampf
Die Mietenkrise ist existenziell. Wie ist es dazu gekommen? Warum drängen sich Studierende in Mehrbettzimmern, während Immobilien-Influencer Reichtum durch Mietrendite versprechen? Wie können sich Mietende wehren? Und was bedeutet der Erfolg von Deutsche Wohnen und Co. enteignen für die Berlin-Wahl am 20. September?
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Die klassische Verkörperung des passiven Hockenbleibers ist Hermann Melvilles Bartleby, der Antiheld seiner Erzählung „Bartleby, der Schreiber“, die es schön eingelesen von Benno Schulz in der ARD-Mediathek, ja, gewissermaßen zu mieten gibt: Denn frei verfügbar ist sie nur bis zum 1. 11. 29.
Soll halt der Chef gehen
Bartleby, der Schreiber
„Bartleby, der Schreiber“, sechs Folgen bei ARD Sounds
Bartleby ist dabei nicht in erster Linie Mieter einer Wohnsache. Sondern er ist Angestellter, eine gemietete Arbeitskraft also, die das ihm zugewiesene Büro nicht mehr verlässt, nicht für Aufträge, aber eben bald auch überhaupt nicht mehr.
Sein Arbeitgeber, ein duldsamer Anwalt und Notar, zieht es im Lauf der Handlung vor, selbst das Büro zu verlassen. Seine Nachfolger sind mit Bartleby weniger gnädig, lassen ihn ins Gefängnis werfen, wo er alsbald verstirbt.
Ein Dialog zwischen Bartleby und seinem Chef, in dem unser Schlüsselbegriff vorkommt, geht so: „‚Wollen Sie nun eigentlich gehen oder nicht?‘, fragte ich jählings aufgebracht und trat nah an ihn heran. ‚Ich möchte lieber nicht gehen‘, erwiderte er, mit einer zarten Betonung auf dem ‚nicht‘. ‚Mit welchem Recht wollen Sie denn aber bleiben? Zahlen Sie hier Miete? Zahlen Sie meine Steuern? Gehört dieses Büro Ihnen?‘ Er gab keine Antwort.“
Auf Fragen keine Antwort zu geben, ist das Privileg der Mächtigen. Bartleby scheitert, aber er bleibt ein Stachel für jeden, der sich seines Besitzes zu sicher ist.
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