Hochschule für bildende Künstler in Hamburg feiert 250-Jähriges

Das freundliche Refugium

An der HfBK hat Otto Waalkes ebenso studiert wie Jonathan Meese, das Beatles-Mitglied Stuart Sutcliffe und der RAF-Terrorist Holger Meins.

Macht sich so alt wie's geht: die HfBK in Hamburg. Foto: Daniel Bockwoldt

HAMBURG taz | Ab und an tut es gut, sich der eigenen Existenz zu versichern. Menschen feiern Geburtstag, Institutionen verleihen Preise oder zelebrieren runde Jubiläen. Menschen machen sich gern jünger, Institutionen meist älter. Diese Woche feiert die Hochschule für bildende Künste (Hfbk) am Lerchenfeld in Hamburg mit prominenten Gästen und einer offiziellen Feierstunde im Rathaus ihr 250-jähriges Bestehen.

Doch wie kann das sein? Die Hamburger Kunsthochschule ist älter als die 1768 gegründete Royal Academy in London? Älter als die fürstlichen Akademien in Düsseldorf, Kassel und München? In einer Stadt, deren jährlich gefeierter Hafengeburtstag auf einem gefälschten Dokument beruht, keimen da leichte Zweifel auf.

Hochschule im heutigen Sinne ist die Kunstgewerbeschule am Lerchenfeld seit 1955. Doch schon 1989 wurde mit Ausstellungen und Publikationen das 222. Jubiläum gefeiert. Worauf wurde da Bezug genommen? Im 18. Jahrhundert verbreiteten sich langsam die Ideen der Aufklärung. Überall in Europa wurden technische und künstlerische Schulen gegründet, meist auf Befehl der Landesherren: Kunstakademien entstanden 1725 in Wien, 1735 in Stockholm, 1754 in Kopenhagen oder 1764 in Dresden, in Berlin schon 1696.

Das Vorbild war stets die allererste Accademia, die von Cosimo de Medici 1563 in Florenz gestiftet wurde, und auch die 1648 von Ludwig XIV. gegründete Académie royale in Paris. Auch die Bürgerstädte wollten am Geist der nicht zuletzt auch ökonomischen Vorteil versprechenden Verbesserung der Fertigkeiten und des Geschmacks teilhaben.

So gründete 1767 die Hamburgische Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe, auch Patriotische Gesellschaft von 1765 genannt, die erste Gewerbeschule Deutschlands, zu der auch eine kleine Zeichenschule für angehende Handwerker gehörte – nicht mehr und nicht weniger.

Dass das für den heutigen guten Ruf der HfbK nicht sonderlich von Bedeutung ist, dürfte klar sein. Das Renommee des Hauses bis nach Korea und China stützt sich aktuell vor allem auf die Bekanntheit der Dozenten und die großen Namen unter den ehemaligen Studenten und Lehrern. Dazu kommt eine gute internationale Vernetzung mit elf Instituten in Boston, Buenos Aires, Hangzhou, Jerusalem, London, Los Angeles, Osaka, Paris, San Francisco, Shanghai und Wien.

Freiheit der 70er

Ich bin Blindtext. Von Geburt an. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen ein

Die exzellente Berufungspolitik des ehemaligen Präsidenten Herbert von Buttlar hatte in der schon übertriebenen Formlosigkeit und Freiheit der 70er-Jahre zugleich für bis heute wichtige Lehrer gesorgt: Sigmar Polke, Gotthard Graubner und der brasilianische Konstruktive Almir Mavignier in der Malerei, Max Bense, Christian Beutler und Bazon Brock in der Theorie. Der revolutionäre Stoff- und Interaktionskünstler Franz Erhard Walther kehrte mit neuesten Erfahrungen 1971 aus New York zurück und prägte zahlreiche Studenten bis 2005. Dieses Jahr hat er gerade den Goldenen Löwen als bester Künstler der Biennale in Venedig erhalten.

Im angewandten Bereich kam 1981 von der Firma Braun der stilprägende Industrie-Designer Dieter Rams. Dazu gab es immer wieder wichtige Gastdozenten, darunter auch Joseph Beuys. Heute sind es Filmemacher wie Wim Wenders und Fatih Akin oder Künstler wie Werner Büttner, Thomas Demand, Michaela Melián, Matt Mullican, Andreas Slominski oder Anselm Reyle, die Strahlkraft verleihen.

Auch die HfbK konnte und wollte sich den politischen Bewegungen und kulturellen Moden nicht entziehen. Im 1913 bezogenen Schulpalast von Fritz Schumacher ist das Treppenhaus mit Fenstern von Carl Otto Czeschka ein Beispiel für die Wirkung des Wiener Jugendstils, später kam der Expressionismus, dessen interessantestes Dokument heute der weitab in Jesteburg befindliche Kunsttempel des Dozentenpaares Jutta und Johann Bossard ist.

Wie nicht nur im Keller gefundene Vorzeichnungen für Wandbilder zur Wehrmachtsverherrlichung zeigen, wurde die Schule ab 1933 im Sinne des Nationalsozialismus umgeformt. Max Sauerlandt, der Direktor des Hauses, wurde entlassen, die Lehrer Friedrich Adler und Hugo Meier-Thur später im KZ ermordet.

Nach dem Wiederaufbau und der „Hochschulreife“ wurde bereits früh in den 60er-Jahren die Londoner Pop-Art rezipiert, die großen Li-La-Le-Feste waren stadtweit bekannt. In den 70ern wurden harte marxistische Positionen bezogen, die sich in der Bürokratie der Hochschulgesetze und in mangelndem Bezug zur Praxis langsam totliefen. Um den Sinn der Malerei wurde immer wieder heftig gestritten – Tot-Erklärungen und Renaissancen in steter Abfolge.

Wichtig waren auch die kreative Begleitung des neuen ökologischen Bewusstseins und selbstverständlich die neuen Medien. 2007 bis 2011 war der Kampf gegen Studiengebühren zentrales Thema. Er endete mit deren Abschaffung. Dafür wurde die HfbK vom derzeitigen Präsidenten Marin Köttering in den Pisa-Prozess gesteuert: Seit 2008 ist sie für ihre rund 850 Studenten nach dem Muster von Bachelor- und Master-Studiengängen aufgebaut.

Ökonomisches Überleben

Bei aller Attraktivität der Kunst – es gibt im Jahr stets etwa 150 Absolventen und gern das Zehnfache an Bewerbern – ist die Antwort auf eine Frage immer schwierig gewesen: Wie geht die Gesellschaft mit den Künstlern um und gibt es einen Bedarf, der das ökonomische Überleben sichern kann? Schon 1818 missbilligte die Schulaufsicht „den täglich zunehmenden Hang vieler Schüler der Zeichenklassen, sich den bildenden Künsten ausschließlich zu widmen und sich ihrer Handwerksbestimmung zu entziehen, welchen Zweck diese Schule doch eigentlich vor Augen hat“. Heute ist die Schätzung im Umlauf, dass etwa vier Prozent der Ausgebildeten als Künstler leben können.

So wird in den vielen Vorträgen der Festwoche auch gefragt, ob die Kunsthochschulen nur ein freundliches Refugium seien und wie der Wert der Fertigkeiten zustande kommt, zu denen Akademien ausbilden. Immerhin studierten hier so bekannte Künstler wie Stephan Balkenhol, Hanne Darboven, Jonathan Meese, Daniel Richter oder Santiago Sierra. Und an der früheren Kunstgewerbeschule auch Lyonel Feininger. Interessant ist auch die Reihe von Persönlichkeiten, die einige Zeit an der HfbK studierten, aber für anderes bekannt sind: Otto Waalkes, Heino Jaeger und Vicco von Bülow (Loriot) als Meister komischer Unterhaltung; der früh gestorbene Stuart Sutcliffe als zeitweiliges Mitglied der Beatles und der Filmstudent Holger Meins als RAF-Terrorist.

Es gibt eben sehr verschiedene Konsequenzen aus ästhetischer Arbeit. Möge der Kunst zwischen Freiraum und Verantwortung am Lerchenfeld eine weiter glorreiche Zukunft beschieden sein.

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