Historikerin über Zwangsarbeit: „ Auf dem Gelände gibt es keine Spuren“
Italienische Militärs wurden in der NS-Zeit bei den Hamburger Wasserwerken als Zwangsarbeiter eingesetzt. Führungen sollen nun an ihr Schicksal erinnern.
taz: Mariane Pöschel, kann man heute noch erkennen, wo und wie italienische Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge auf der Hamburger Elbinsel Kaltehofe leben und arbeiten mussten?
Mariane Pöschel: Nein. Auf dem Gelände gibt es keine Spuren. Das Gelände wurde während der Bombardierung Hamburgs getroffen und dabei sowie bei der Sturmflut 1962 zum Teil zerstört. Das Gelände wurde bis 1990 betrieben und stand 20 Jahre lang leer, bis die Stiftung Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe gegründet wurde.
34, Historikerin und Kulturvermittlerin, hat Geschichte, Osteuropastudien und Public History in Hamburg und Berlin studiert und beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit Fragen von erinnerungskulturellen Diskussionen. Ihre Masterarbeit schrieb sie zu Orten des Gedenkens an NS-Zwangsarbeit in Hamburg. Zurzeit arbeitet sie für die Stiftung Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe und konzipiert Inhalte für das Gelände.
taz: Welche Zeitzeugnisse nutzen Sie als Quelle, um die Geschichte der Elbinsel Kaltehofe im Nationalsozialismus aufzuarbeiten?
Pöschel: Die Quellenlage ist schwierig. Es existieren keine baulichen Spuren. 2016 hat der Historiker David Templin die Geschichte der Hamburger Wasserwerke zur Zeit des Nationalsozialismus erforscht. Er hat unter anderem Listen gefunden, sodass teilweise rekonstruiert werden konnte, wer für die Hamburger Wasserwerke arbeiten musste. Daher war das Tagebuch von Marino Ruga ein sehr besonderer Fund. Das haben wir dem Engagement seines Sohnes zu verdanken, der das Tagebuch im Nachlass seines Vaters gefunden hat. Marino Ruga hat das Tagebuch während seiner Zeit in Hamburg geschrieben. Solche persönlichen Zeugnisse aus der Perspektive von Betroffenen geben einen sehr intimen Einblick, den wir vorher nicht hatten.
taz: Wie sah der Alltag der Zwangsarbeitenden aus?
Pöschel: Ruga beschreibt besonders die Lebensbedingungen auf Kaltehofe, die stark von Hunger geprägt waren. Er schreibt über die Beschaffung von Lebensmitteln und die Arbeit auf Kaltehofe in den Sandfiltern, die das Elbwasser zu Trinkwasser aufbereiteten. Die Reinigung dieser Filter war harte körperliche Arbeit und wurde von den Zwangsarbeitenden verrichtet. Marino Ruga beschreibt diese Filterreinigung als „in den Sand gehen“.
Führung
„Die Hamburger Wasserwerke im Nationalsozialismus“, 3. 10., 15 Uhr, Elbinsel Kaltehofe, eine Anmeldung ist nicht nötig, einfach 15 Minuten vor Beginn der Führung in das Infozentrum „Altes Labor“ am Kaltehofe-Hauptdeich 6-7 kommen, Tickets 8 Euro, ermäßigt 4 Euro. Weitere Termine: 7. 11., 12. 12. und 6. 2., jeweils 15 Uhr.
taz: Woher kam der Impuls, die eigene Rolle der Stiftung Kaltehofe während des Nationalsozialismus zu reflektieren?
Pöschel: Wir arbeiten an einer Neugestaltung des Geländes. Dabei ist aufgefallen, dass das Thema der Zwangsarbeit auf Kaltehofe nicht präsent ist. Die Wasserversorgung der Stadt Hamburg ist ein elementares Thema. Ohne den Einsatz der Zwangsarbeitenden hätte die Wasserversorgung Hamburgs damals nicht aufrechterhalten werden können. Daher wollten wir das Thema unbedingt angehen und haben in Form eines neuen Führungsangebotes damit gestartet. Die Arbeit ist auch noch nicht abgeschlossen. Wir hoffen, noch mehr Zeitzeugnisse von Überlebenden oder deren Angehörigen zu finden.
taz: Was erwartet Besucher*innen bei der Führung?
Pöschel: Wir gehen eine Stunde lang über das Gelände und informieren über die Geschichte des Ortes mit Fokus auf die Zeit des Nationalsozialismus. Außerdem lesen wir aus dem Tagebuch von Marino Ruga vor. Wir wollen das Thema stärker verankern, auch für Individualbesuchende. Perspektivisch soll es neue Informationstafeln geben. Dafür arbeiten wir mit zivilgesellschaftlichen Organisationen wie der Projektgruppe Italienische Militärinternierte zusammen.
taz: Hat sich Ihr Blick auf diesen Ort durch Ihre Arbeit verändert?
Pöschel: Auf jeden Fall. Die Geschichte der Wasserversorgung ist ein wichtiges Kapitel innerhalb der Hamburger Stadtgeschichte. Umso wichtiger ist daher die Rolle von Menschen, die zu dieser Arbeit gezwungen wurden. Das ist für mich ein wichtiger Punkt, verknüpft mit dem Ort, an dem wir jetzt heute arbeiten. Ein eigentlich idyllischer Ort im Grünen, der trotzdem mit dieser NS-Geschichte verknüpft ist. Man kann die Geschichte von Kaltehofe auf vielen Ebenen erzählen: die NS-Zeit, Nachkriegszeit, die Sturmflut 1962. Zwangsarbeit ist aber im Kontext des Zweiten Weltkrieges ohnehin weniger präsent, insbesondere die der italienischen Militärinternierten. Wir haben nun die Chance, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
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