Historiker über frühere Gestapo-Zentrale: „Ein Ort systematischer Folter“

Nur wenig erinnert daran, dass Hamburgs Stadthaus, heute Luxus-Areal, in der NS-Zeit Gestapo-Zentrale war. Jetzt erschien ein umfangreicher Katalog.

Blick auf die Info-Tische in der Ausstellung

Viel Information auf wenig Raum: Info-Tisch in der Ausstellung im Hamburger Stadthaus Foto: Markus Scholz/dpa

taz: Herr Diercks, was war das Stadthaus in der NS-Zeit für ein Ort?

Herbert Diercks: Es war einerseits bis zum Bombardement Hamburgs 1943 Sitz des Hamburger Polizeipräsidiums. Zusätzlich war dort die Gestapo-Leitstelle für ganz Norddeutschland untergebracht, also die Gestapo-Zentrale. Auch die Kriminalpolizei hatte dort ihre Büros.

Wie war die „Arbeitsteilung“?

Da war einmal die ganz normale uniformierte Schutzpolizei, die auch in den Polizeirevieren Dienst tat und zudem als eine Art Bereitschaftspolizei in den Polizeikasernen untergebracht war. Sie wurde ab 1933 für Verhaftung politischer GegnerInnen eingesetzt. Aus Schutzpolizisten wurde 1933 auch das berüchtigte „Kommando zur besonderen Verwendung“ zusammengestellt. Es war ein Schlägerkommando, das in eher politisch links orientierten Stadtteilen Razzien und Verhaftungen durchführte und Gewaltterror ausübte. Auch die Leitung des ersten Hamburger KZ Wittmoor unterstand uniformierter Polizei. Und schließlich bestanden auch die „Polizeibataillons“, die in Polen und der damaligen Sowjetunion an Massenerschießungen beteiligt waren, aus Schutzpolizisten.

Und welche Rolle spielte die „politische Polizei“?

Sie hatte die Aufgabe, 1933 zunächst den erwarteten breiten Widerstand zu brechen und möglichen Widerstand in den Folgejahren zu unterdrücken. Aus der „politischen Polizei“ wurde später die Geheime Staatspolizei, die Gestapo, die ja am bekanntesten ist für NS-Verbrechen. Sie war auch zuständig für die Überwachung und Deportation der jüdischen Bevölkerung. Auch die ungefähr 1.000 Hamburger ZwangsarbeiterInnenlager mit 400.000 bis 500.000 InsassInnen wurden von der Gestapo überwacht.

Jg. 1953, war bis 2019 wissenschaftlicher Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und hat intensiv über Widerstand im Dritten Reich, das KZ Fuhlsbüttel und die Rolle der Polizei im NS-Staat geforscht. Er organisiert auch die Alternativen Hafenrundfahrten sowie Alsterkanalfahrten der Gedenkstätte

Und wofür war die Kriminalpolizei zuständig?

Für die Überwachung und Verfolgung der Roma und Sinti, der Homosexuellen, sogenannter „Asozialer“, die nicht ins Bild der NS-“Volksgemeinschaft“ passten: Obdachlose wurden festgenommen und in Lager gesperrt. Auch für die „vorbeugende Verbrechensbekämpfung“ war die Kripo zuständig. Das heißt, dass Menschen aufgrund von Vorstrafen, aufgrund einer „ungünstigen Sozialprognose“ präventiv verhaftet und ins KZ gesperrt wurden. Oft übrigens mit dem Vermerk „Rückkehr unerwünscht“, das heißt, der- oder diejenige sollte das KZ nicht unbedingt überleben.

Und welche Verbrechen wurden im Stadthaus vor Ort verübt?

Die Organisation von Verbrechen ist ja auch schon ein Verbrechen, und die Büros dort saßen voll mit SchreibtischtäterInnen. Zu einem unmittelbaren Ort für NS-Verbrechen wurde das Stadthaus insbesondere für die Männer und Frauen des Widerstands. Denn dort fanden die Verhöre statt, bei denen die Verhafteten schwer misshandelt, zusammengeschlagen, gezielt in den Selbstmord getrieben wurden. Oft sind Aussagen unter systematischer Folter erpresst worden. Diese „verschärften Vernehmungen“ begannen mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 und dauerten bis Kriegsende 1945. Es gab gefürchtete Kommissare – wie Peter Kraus –, die die Verhafteten zusammenschlagen ließen. Und im Keller gab es – heute nicht mehr erhaltene – Arrestzellen, in denen die Menschen viele Stunden eingesperrt waren. Von dort zur Vernehmung und zurück zu gehen war ein besonders schwerer Weg.

Der Katalog „Das Stadthaus und die Hamburger Polizei im Nationalsozialismus“, Hg. Herbert Diercks, Christine Eckel und Detlef Garbeim Auftrag der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen, erschien vor wenigen Tagen im Metropol Verlag 332 S., 20 Euro

Er führte durch den „Seufzergang“ über das Bleichenfleet.

Ja. Das Stadthaus ist in mehreren Bauabschnitten errichtet worden, und es gibt auf beiden Seiten des Bleichenfleets Stadthaus-Gebäude. Der „Seufzergang“ ist ein kleiner versteckter Gang vom Untergeschoss des einen Gebäudes über die Brücke zum anderen Gebäude, durch den die Verhafteten zu ihren Verhören gingen. Der Begriff „Seufzergang“ entstammt dem Roman „Die Prüfung“, den der Hamburger Widerstandskämpfer Willi Bredel im Exil über die Bedingungen im KZ Fuhlsbüttel schrieb.

Wie wird all dessen gedacht?

Das Stadthaus ist ein Ort, der bei Angehörigen ehemals Verfolgter bis heute Beklemmungen auslöst. Es ist ein Denkmal, das aus der Sicht vieler Angehöriger nicht angemessen gestaltet worden ist: Luxus-Geschäfte, Restaurants, ein Hotel in der einstigen „Folterhölle“ werden als der Opfer unwürdig empfunden. Zudem sind von 750 Quadratmetern Ausstellungsfläche, die der Investor gegenüber der Stadt bei der Privatisierung 2009 zusagte, für die Hauptausstellung 50 geblieben – neben dem Café eines Buchladens. Wir haben versucht, die erwähnten Verbrechenskomplexe auf dieser Fläche unterzubringen und mit wenig Information auf der Oberfläche und viel Information in der Vertiefung gearbeitet.

Das heißt?

Da es vor allem um SchreibtischtäterInnen geht, haben wir – neben einem symbolträchtig schief gestellten Schreibtisch im Fenster – mit acht Stahltischen gearbeitet, die Themen zugeordnet sind. Wer mehr wissen will, kann in bereit gestellten Karteikästen, Hängeregistern oder auf Monitoren und Screens recherchieren. Dort ist zum Beispiel die gesamte Aussstellung, die wir 2012 zum Widerstand in Hamburg gezeigt haben, eingestellt – sowie, unter anderem, die interaktive Karte der Hamburger ZwangsarbeiterInnenlager. Insgesamt ist es ein Ort, an dem Sachinformationen vermittelt werden. Es ist kein Gedenkraum.

Und was bieten die Info-Stelen im Gang über das Bleichfleet?

Dies ist ein Teil der Fläche, die der Investor – die Quantum Immobilien AG – in die 750 Quadratmeter hineingerechnet hat. Uns von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, die nicht Trägerin des Gedenk- und Lernorts ist, ihn aber auf Beschluss der Hamburger Bürgerschaft begleitet, war sofort klar, dass wir auch diesen Platz nutzen würden. Nach schwierigen Verhandlungen hat sich ein von der Kulturbehörde eingesetzter Beirat mit dem Investor auf sechs Leuchtstelen geeinigt, die die Bau- und Nutzungsgeschichte der Stadthöfe vermitteln. Der Text endet mit den schon in den 1980er-Jahren erhobenen Forderungen nach einem Gedenkort und dem Verweis auf die erste 1981 angebrachte Gedenktafel. Auch dies ist kein Gedenkort, aber als Informationsangebot funktioniert er ganz gut. Er ist immer zugänglich, und Leute, die dort vorbeigehen, bleiben hängen und lesen sich ein.

Und wie viel Andacht erlaubt der „Seufzergang“?

Auch er ist als öffentlich zugänglicher Ort gedacht – wenn man die etwas versteckte Klingel betätigt, schließt der oder die jeweilige Café-Angestellte auf. Im Gang selbst gibt es eine Hörstation mit ZeitzeugInnenberichten, die Hamburger SchauspielerInnen eingesprochen haben. Ansonsten ist der Raum leer und still und kommt am ehesten einem Gedenkort nahe.

Und was bietet Ihr frisch erschienener Ausstellungskatalog?

Er enthält, leicht zugänglich und zum Durchblättern, alle Ausstellungstexte – auch diejenigen, die man sich sonst mühsam durch elektronische Medien, Karteikästen, Register erarbeiten müsste. Er ist also eine gute Ergänzung zu den anderen drei „Säulen“ der Stadthaus-Ausstellung.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de