Hinterbliebene des Winnenden-Amoklaufs: "Wir wurden nicht berücksichtigt"
Das neue Waffengesetz ist "wahlpolitische Kosmetik", kritisieren die Hinterbliebenen des Amoklaufs von Winnenden.
taz: Sie wollten ein schärferes Waffenrecht. Sind Sie mit den Maßnahmen nun zufrieden?
Hardy Schober: Das ist wahlpolitische Kosmetik, auch wenn es grundsätzlich in die richtige Richtung geht. Generell werden unsere Forderungen von Bundespolitikern nicht berücksichtigt. Sie wollte sich zwar mit uns in Verbindung setzten, was am Ende aber keiner gemacht hat. Nun wird Paintball verboten, wo man sich mit Farbe beschießt. Aber die scharfen Waffen, die Menschen töten, die werden nicht verboten.
Sie wollten, dass großkalibrige Waffen aus Schützenvereinen verbannt werden.
Wir wollen, dass sie aus dem Schießsport und aus privatem Besitz komplett verbannt werden. Im Schießsport ist auch nur Luftgewehr und Kleinkaliber olympisch. Übrigens gibt es Verbände, die generell großkalibrige Waffen verweigern. Wir haben auch nichts gegen Schützenvereine, die machen gute Jugendarbeit. Aber großkalibrige Waffen sind nur dazu da, um die Lust an der Macht zu verspüren.
Theoretisch könnte man auch mit einer kleinkalibrigen Pistole einen Amoklauf wie in Winnenden wiederholen.
Das ist richtig. Wir fordern darum, dass die Waffen in Schützenvereinen eingeschlossen werden. Das Geld können Schützen und Vereine gemeinsam investieren und Feuerwaffen in einem gemeinsamen Tresor unterbringen. Das kann man ganz einfach umsetzen: Jede Versicherungsgesellschaft fordert für Wertsachen daheim einen Tresor.
Tresore allein werden das Problem kaum lösen.
Nehmen sie die Waffe, die der Amokschütze benutzt hat: Wenn Sie die benutzen würden, könnten Sie dreimal schießen, dann zittert Ihnen die Hand. So ein Umgang, wie sie der Schütze in Winnenden an den Tag legte, fordert jahrelange Übung. Der Vater hat ihn noch eine Woche vor dem Amoklauf im Umgang mit der Waffe schulen lassen, obwohl ihn ein Arzt über die psychischen Probleme seines Sohnes aufgeklärt hatte. Darum fordern wir Netzwerke zwischen Schulen, Polizei und Ärzten. Wenn ein Arzt Gewaltpotenzial bei einem Jugendlichen sieht, der Zugang zu Waffen hat, dann muss er von seiner Schweigepflicht entbunden werden und die Polizei verständigen dürfen. Dann wäre Winnenden nicht passiert.
Unabhängig von den Diskussionen über das Waffengesetz verweisen viele auf gesellschaftliche Faktoren, die Amokläufe begünstigen.
Das sind gut gemeinte Ansätze, die wir auch schon nach Erfurt hatten. Daher fordern wir auch langfristige Maßnahmen; unter anderem gründen wir eine Stiftung für Gewaltprävention an Schulen.
Ist Ihr Engagement auch ein Mittel, um den Amoklauf zu verarbeiten?
Klar. Wenn wir nur einen einzigen Amoklauf verhindern können, dann haben wir unser Ziel erreicht. Unsere Kinder dürfen nicht umsonst gestorben sein. Sie leben in uns weiter. Meine Tochter gibt mir die Kraft, um das Bündnis Amoklauf Winnenden voranzubringen.
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