: Herzmuschelbänke
Thomas Hettches Roman „Liebe“ ist mit allen Wassern des Erzählens, der Philosophie und der Sehnsucht gewaschen und betreibt ein raffiniertes Spiel mit Dingen, die nicht zu beschreiben sind
Von Helmut Böttiger
Dass dieser Titel noch frei war, ist im Grunde unvorstellbar. „Liebe“ nennt Thomas Hettche seinen Roman, ganz unverhohlen, dabei handelt es sich hier keineswegs nur um ein Wort, sondern um ein Sujet, das seit den Anfängen schriftlicher Aufzeichnungen herumgeistert und immer Fragen, aber bloß sehr begrenzte Antworten zeitigt. Dieser Autor traut sich etwas. Und nach 165 recht großzügig gesetzten Druckseiten ist zwar alles fast genauso offen wie am Anfang, aber man weiß trotzdem mehr.
Schon in der ersten Szene wird spürbar, dass etwas Ungewöhnliches stattfindet. Ein Sommerfest an der Ostsee, ein gepflasterter Hof mit weiß gedeckten Tischen, „Wickeltaschen, Hochsteckfrisuren, Sommerkleider“, Routine in der Mittelschicht. Max ist 63 und flieht, als der DJ die Musik hochdreht. Er geht auf den Steg zum Wasser. An dessen Ende stehen zwei Liegestühle, und als er sich einen zurechtrückt, sagt eine weibliche Stimme: „Guten Abend.“ Es ist dunkel, man sieht nichts, und das gehört bereits zu dem untergründigen Geflecht, das diesen Text ausmacht. Die beiden sprechen ziemlich lange, und dem Autor gelingt es, wenig zu sagen und doch einiges zu evozieren. Es gibt dann den Moment, als ein Scheinwerfer aus einem vorbeifahrenden Boot kurz die beiden Gesichter streift und sie sich sehen, etwas durchaus Entscheidendes – aber das Wesentliche ist schon vorher geschehen. Anna, die Frau, die ungefähr gleichaltrig ist wie Max, wird anschließend von ihrem Mann weggerufen, das Paar fährt nach Hause nach Stralsund. Und Max zurück nach Berlin.
Was die Anziehung zwischen den beiden ausgemacht hat, bleibt ein Geheimnis. Ab und zu blitzt etwas davon auf, aber die Erzählstimme hält alles in der Balance. Es ist ein sehr geschliffener Text, und das hat sicher auch etwas damit zu tun, dass Max von Beruf Okularist ist. Er stellt Glasaugen her, für Blinde. Vor allem bei Einäugigen besteht die Kunst darin, es dem anderen, gesunden täuschend ähnlich zu machen. Es fallen dabei Wörter, die in ihren technischen Begrifflichkeiten auch poetische Dimensionen zu enthalten scheinen: das bläulich schimmernde Glas stammt aus dem Thüringer Wald, und die Beimischung von Kryolith macht es weicher und verringert den Schmelzpunkt. Die Augensymbolik ist in diesem Buch durchgehend vorhanden, aber das geschieht unaufdringlich. Das Märchen der Brüder Grimm von Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein fließt genauso in den Text wie der „Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann, der widerspenstigen Kindern Sand in die Augen streut und sie dadurch herausspringen. In diesem Roman verschwimmen die Berufe des Dichters und des Okularisten auf unerwartete Weise.
Thomas Hettche: „Liebe“. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 165 Seiten, 22 Euro
Dass Anna früher „Sachbearbeiterin beim Trilateralen Wattenmeersekretariat“ war, passt in das Vexierspiel von Exaktheiten. Ihr Arbeitsplatz war in Wilhelmshaven, und eine meereswellenhafte Atmosphäre zieht sich davon ausgehend durch das ganze Buch. Nachdem Anna und Max nach ihrer Begegnung Kurznachrichten ausgetauscht und sich dann auch in Berlin getroffen haben, nur mit einer Umarmung zum Abschied, geht alles sehr schnell, ohne dass es näherer Erklärungen bedarf. Max fährt nach Stralsund, sie kommt für zwei Stunden in sein Hotel, und anschließend verbringen sie, wenn Annas Ehemann keinen Argwohn schöpft, im Abstand von mehreren Wochen ein oder zwei Tage auf Hiddensee, in Stettin oder auf Usedom. Anna erklärt Max etwas von Strudelwürmern, Wellhornschnecken, Miesmuschelgirlanden oder Herzmuschelbänken. Konkrete Benennungen, wissenschaftliche Genauigkeit und der Versuch, das Unbeschreibliche als das Unbeschreibliche erkennbar zu machen, sind in diesem Roman dasselbe.
Max trifft sich in Berlin ab und zu mit seinem alten Studienfreund Christoph. Dass beide einst hoffnungsvoll als Künstler begonnen und sich an der betreffenden Hochschule kennengelernt haben, gehört zum Spiel mit Hoffnung und Vergeblichkeit, das den Roman vorantreibt. Christoph ist beim städtischen Bauamt gelandet, aber er ist immer noch für Theorie zuständig. Und in die Dialoge der beiden schmuggelt die Erzählstimme geschickt zentrale Liebesdiskurse, von Platon bis Hegel und darüber hinaus. Max war bereits zweimal verheiratet und war eine Zeitlang sowohl in Cleo als auch in Yasemin aufrichtig verliebt. Dass sein Erlebnis mit Anna jetzt etwas völlig Neues ist, bedarf einer Erklärung. Christoph zitiert, was der 25-jährige Hegel über die Liebe sagte, und das trifft Max ins Mark: „Eigentliche Liebe findet nur unter Lebendigen statt, die an Macht sich gleich sind und also durchaus füreinander Lebendige, von keiner Seite gegeneinander Tote sind.“
Max fühlt sich erst seit der Begegnung am Saaler Bodden in diesem Sinn lebendig. Und auch bei Anna ist es ähnlich. Sie ist zu ihrem Mann in seine Stadt gezogen und hat sich eingerichtet. Max löst etwas aus, das ihr eine Starre, die sie gar nicht richtig bemerkt hat, bewusst macht, aber das ist alles ziemlich widersprüchlich. Es gibt Phasen, in denen Max glaubt, dass seine Beziehung zu Anna schon zu Ende ist, bevor sie richtig angefangen hat. Die Unsicherheiten werden in diesem Roman nicht melodramatisch aufgebaut, sondern nüchtern registriert. Und das gilt auch für die Jahre des Glücks, die Max und Anna schließlich miteinander verbringen. Die Zeiten gehen im Aufbau des Textes immer wieder ineinander über. Und es entspricht einer inneren Logik, dass das Schlussbild an die berühmten Zeilen Michel Foucaults erinnert, in denen von einem „Gesicht im Sand“ am Meeresufer die Rede ist.
Zwei Galeriebesuche spielen eine große Rolle. Beim ersten, kurzen Besuch von Anna in Berlin besuchen sie eine Ausstellung mit Bildern von Modigliani, bei denen die Frauen keine Augen zu haben scheinen: „Diese Blicke, die es nicht gab, gingen ihm nach.“ Da sind die Fähigkeiten eines Okularisten nicht mehr gefragt. Und gesteigert wird dies noch, als Max vor dem Caravaggio-Bild „Amor vincit omnia“ steht. Er hat zu diesem Zeitpunkt Anna seit Monaten nicht mehr gesehen – seit dem Skandal, als er ungebeten zur pompösen Geburtstagsfeier von Annas Mann in seinem Yachtclub auftauchte und betrunken verkündete, dass Anna ihm gehöre. Darauf packten ihn zwei kräftige Burschen, die ihre engen Anzüge wie Trainingsanzüge trugen, und auf dem Oberarm des einen erkannte Max das Tattoo „Amor vincit“.
Die Liebe besiegt alles: Das Gemälde von Caravaggio zeigt Amor als einen lüsternen, nackten Knaben, der triumphierend über alle überwundenen Dinge lacht, die ihm zu Füßen liegen: Krone und Zepter, Ritterrüstung, Notenblätter, Manuskripte und Zirkel. Die Liebe reißt buchstäblich alles mit. Aber sie entfaltet dabei eine Kraft, die über das Menschliche hinausgeht und auch den Tod mit einschließt. Darum geht es in Thomas Hettches raffiniertem, mit allen Wassern der Philosophie und der Sehnsucht gewaschenen Roman, der sehr viel riskiert und doch den Sieg davonträgt, und zwar mitten in die Literatur hinein.
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