Die Wahrheit: Trumps Gespür für Schnee
Wie gut, dass wir im aufgeklärten, demokratischen Westen leben! Angeführt vom größten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika aller Zeiten.
W as haben wir uns nicht alle beömmelt über diesen Turkmenbashi den Großen, den kruden turkmenischen Präsidenten, der Monate und Wochentage nach sich und seiner Familie benannt hat, gedichtet, Bücher geschrieben und zwecks Verbesserung deren Marktchancen fast alle anderen verboten hat. Oder über den Südseekönig aus Eswatini, der sich immer mal wieder aus einer schwer überschaubaren Schar vor ihm tanzender Jungfrauen eine zum Heiraten herauspickt. Von den bizarren Haarvorschriften im Reich Kim Jong-uns wollen wir gar nicht groß reden. Schließlich der jüngst verreiste Nicolás Maduro, der, weil er sich danach fühlte, ab dem 1. Oktober Weihnachten feiern ließ und ansonsten einen gewaltigen Vogel hatte, als der ihm sein verblichener Vorgänger Chávez erschienen war. Verrückt, diese Despoten in ihren Bananenrepubliken!
Wie gut, dass wir im aufgeklärten, demokratischen Westen leben! Angeführt von Donald Trump. Den man ganz gern mal in Nordkorea zum Frisör schicken würde und dessen Umgang mit Frauen auch in Eswatini hoffähig wäre. Hoffentlich fängt er nicht noch an zu dichten! Aber die Konkurrenz für Kim & Co. ist schon jetzt hart: Die Militärparade an Trumps Geburtstag war das eine, am nächsten wird es freien Eintritt in alle Nationalparks geben. Eine kleine, bescheidene Geste, während er vor dem Weißen Haus zum Nationalfeiertag einen Käfigkampf aufführen lässt, solange der goldene Ballsaal noch nicht betanzbar ist.
Und nun will er also mit Grönland fremdes Territorium einkassieren. Inzwischen ist kaum noch zu bezweifeln, dass er sein Ziel erreichen wird, entweder direkt oder dergestalt, dass ihm alles, was ihm daran gefällt, schnell und geräuschlos von den verschreckten Europäern vor die Füße gelegt wird, vermutlich auf einem großen Eisbärfell. Da wird Putin vor Neid in seinen Tigerpelz beißen, weil der sich immerhin noch versponnene nationalistische Mythen ausdenken musste, um die Ukraine zu annektieren.
Solche Mühe hat Trump nicht nötig. Der sagt einfach: „Will ich!“, dann kriegt er. Hoffentlich löst das bei seinem sensiblen russischen Amtskollegen keinen Komplexe aus. Wer weiß, welches Land das dann wieder ausbaden muss. Während überall bereits spekuliert wird, ob Trump sich als Nächstes Island, Kanada oder Mexiko holt. Und während zwischen FAZ und SZ ein ernster Feuilletonstreit tobt, ob er historisch korrekter mit Kaiser Nero, Caligula oder Augustus zu vergleichen sei.
Ein kleiner Trost für uns, die wir täglich fassungsloser auf das Geschehen blicken: Herr Trumps Gespür für Schnee könnte ihm am Ende ein anderes Lieblingsprojekt verhageln: Warum sollte sich zukünftig jemand die „Trump Gold Card“ zur Einreise in die USA für eine Million Dollar kaufen? Wie es aussieht, müssen wir ja nur ein bisschen warten, dann kommen die USA ganz von allein zu uns.
2026, so viel ist nach einer Woche schon klar, verspricht jedenfalls, nicht langweilig zu werden.
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