Hausbesuch bei einer Biegsamen: Stratosphere Baby

Die 85-jährige Elfy Braunwarth ist extrem biegbar. Aber nicht nur ihren Körper, sondern auch ihr Denken hält sie flexibel.

Eine Frau auf einem Sofa strecket ein Bein aus.

Früher hing sie am Trapez, heute kann sie sich immer noch gut verbiegen: Elfy Braunwarth Foto: Patrick Pfeiffer

Elfy Braunwarth kann sich nicht vorstellen, dass ihr Körper ihr nicht gehorcht. Mit 85 Jahren bringt sie Männer im Fitnessstudio zum Staunen.

Draußen: Es herrscht rege Bautätigkeit in der Altstadt von Niederburg, einem Stadtteil von Konstanz. Kräne bewegen sich nach rechts, nach links. Die Caritas lässt die ehemalige Mädchenschule des Klosters Zoffingen zum Pflegeheim umbauen. Seit Langem protestieren die Leute im Viertel dagegen. Ohne Erfolg. Die riesige Anlage nimmt immer mehr Platz der Altstadt ein. Auch der Weg zu einem historischen Wohnturm aus dem 12. Jahrhundert ist für Autos gesperrt. Um das vierstöckige historische Haus der Familie Braunwarth, ganz in der Nähe, ranken sich Weinreben. Im Fenster hängt ein Schild „Fremden-Zimmer zu vermieten“.

Drinnen: Ein altes Klavier steht als Dekoration an der Wand, darauf liegen einige rostige Geräte und Werkzeuge. Eine ramponierte Uhr, die Generationen die Zeit angezeigt hat. Der erste Stock dient als Rezeption, die den Gästen das Gefühl eines Ferienhauses vermitteln soll. Die Treppe führt hinauf, in einen Wohnraum. Nach rechts geht es ins Wohnzimmer und links ins Schlafzimmer. Dort hängt ein Trapez. Und am Trapez mit dem Kopf nach unten hängt Elfy Braunwarth. Sie ist 85 Jahre alt. Ihre Augen sehen nicht mehr so gut und hören kann sie auch nur schwer.

In die Luft schwingen: Elfy Braunwarth war Elfy Morell. Unter diesem Künstlernamen schwang sie sich früher artistisch in die Luft. „Stratosphere Baby“ haben britische und australische Zeitungen sie in den 1950er Jahren genannt. Ein großes Archiv von Zeitungsausschnitten hat Braunwarth zusammengestellt. Sie ist 146 Zentimeter groß. Ungefähr so groß war auch ihr Ehemann Gustav Braunwarth-Morell. Der war 30 Jahre älter als seine Frau. Deswegen steht in einem Zeitungsartikel von damals: „Mister Morell und seine Tochter“.

Ihr Mann: Gustav Morell war nicht nur ihr Lebensgefährte, sondern auch ihr Lehrmeister. Gemeinsam waren sie auf Tournee von England bis Neuseeland. Lange hat das Ehepaar jedoch nicht zusammengelebt. In der Kriegsgefangenschaft hatte Morell Gelbsucht bekommen, die nie ausgeheilt sei, erzählt Elfy Braunwarth. Er starb 1967. Sie war da 31 und mit ihrem Sohn allein. Heute ist sie nicht mehr allein. Im dritten Stock wohnt ihr Sohn mit seiner Frau. „Und es gibt laufend Gäste bei uns“, sagt sie.

Highlights: Damals schrieben Zeitungen, wie das kleine Mädchen auf einen 45 Meter hohen Stahlmast kletterte, an der Spitze einen Handstand machte und dazu die Trompete blies. „Die Veranstalter sagten: ‚Elfy kann man oben nicht erkennen, weil sie zu klein ist‘“, erzählt Braunwarth heute. „Also wurde die Stange um 20 Meter gekürzt. Aber 25 Meter war auch noch ziemlich hoch.“

Tassen und ein Automdell in einem Regal.

Nippes, aber schön Foto: Patrick Pfeiffer

Zwischen Leben und Tod. Hatte sie keine Angst, wenn sie da oben stand? „Darf man nicht haben. Nie. Ich kenne keine Artistinnen, die Angst haben“, sagt sie und blickt auf das Holzkreuz an der Wand. Ob sie dabei auf Gott vertraut habe? Ihr seufzendes „Ja“ klingt fast wie ein „Nein“. „Ich kann den Gott, wie er in der Bibel vorkommt, nicht nachvollziehen. Heute kann man alles erforschen“, sagt sie. Ein einziges Mal habe sie sich an Gott gewandt. Aus Angst. Es sei in Neuseeland gewesen. Auf einem Hügel sollte sie wieder ihre Trompete an der Spitze eines Stahlmastes blasen. Die Veranstalter wollten die Nummer wegen eines drohenden Gewitters absagen. „Die letzte Vorstellung überhaupt lass ich mir nicht nehmen. Ich gehe hoch“, lautete ihre Antwort. Auf halber Höhe des Stahlmastes setzen Sturm und Regen ein. Sie konnte weder hoch- noch runterrutschen, erinnert sie sich. „Ich bin nur am Leben geblieben, weil Gott einen Schutzengel geschickt hat“, ist sie überzeugt und holt eine dünne Kette unter ihrer Bluse hervor, an der ein kleiner Engel hängt, der ein Herz in den Händen hält.

Anerkennung: Den Schutzengel hatte sie als Kind nicht. In der Schule habe sie viel gelitten. „Kleine Menschen wurden ausgelacht“, erzählt sie. „Man redet immer noch Blödsinn nicht nur über die kleinen, sondern auch über die dicken Menschen und diejenigen, die im Rollstuhl sitzen“, sagt sie. „Vor allem diese Menschen brauchen Anerkennung, die sie inspiriert und motiviert und am Leben hält.“

Kinderclown: 20 Jahre lang war sie Artistin. „Früher waren Menschen begeistert vom Zirkus und den Blumenshows. Heute hat die Technik das Leben enorm verändert. Das Fernsehen zeigt alles.“ Nachdem sie zu alt für das Trapez geworden war, die Fans in Konstanz sie aber noch immer für die Biegsamkeit ihres Körpers bewunderten, verkleidete sie sich als Clown und gab noch 20 Jahre lang Vorstellungen. Dabei stieg sie in eine hübsch verpackte kleine Kiste. Im Zimmer des Geburtstagskindes kletterte sie dann langsam heraus, erst mit einem Bein, dann mit einem Arm, am Ende kam ihr Kopf.

100 und 1 Figuren: An ihrem 55. Geburtstag lud sie alle Kinder, für die sie den Clown gespielt hatte, zu einer Feier ein. 120 Familien kamen und brachten Geschenke mit, die bis heute ihre Schränke im Wohnzimmer füllen. Clown-Figuren aus Porzellan und Stoff, als Puppe oder als Deko auf einem Teller.

Umsatteln: Bis zu ihrem 75. Lebensjahr trat sie auf. Einmal rief ein Kind mitten in die Vorstellung hinein: „Du bist aber eine Oma!“ Sie reagierte: „Ja, ich bin eine Oma, aber eine, die nicht aufgeben möchte.“ Menschen zum Lachen zu bringen sei eben schwer. Sie fand eine neue Passion und neue Bewunderer. Sie ging ins Fitnessstudio und drehte sich fortan um die dortige Reckstange. „Ich bin mit Sport verheiratet“, sagt sie. Zweieinhalb Stunden dreimal in der Woche geht sie zum Training. „Eine Stunde Bodengymnastik, dann Hanteln, zum Schluss gehe ich an die Stange“, sagt sie. Anstatt von Kindern werde sie nun von schwitzenden Männern bewundert.

Politik: Jetzt, wo sie im Ruhestand ist, interessiere sie sich mehr für Politik als vorher. „Die meisten Politiker machen nur Versprechungen und können sie nicht halten“, sagt sie. „Es ist schwer zu erfühlen, was andere Menschen wollen.“ Doch eines müsse der Staat schon bieten: Schutz. Einmal habe sie einen anonymen Anruf bekommen. „Ihr Sohn liegt im Krankenhaus und ihm geht es nicht gut“, habe ein Unbekannter am Telefon gesagt. Der berühmte Enkeltrick: Die Anrufer wollen erzwingen, dass man die Wohnung verlässt. „Ich hatte einen Schock“, erzählt sie. Beruhigt habe sie sich erst, als sie ihren Sohn, der gar nicht in der Stadt gewesen sei, erreicht habe.

Piksen für die Fitness. „Ich war lange eine Impfgegnerin und eine kleine Querdenkerin“, sagt Braunwarth. Der Grund: „Ich war in meinem Leben fast nie krank. Ich habe nie Medikamente geschluckt und bin immer noch allgemein gegen Tabletten und Tropfen.“ Auch dafür hat sie eine Erklärung: „Ich habe ein gesundes, sportliches Leben geführt.“ Sie habe sich deshalb geweigert, sich impfen zu lassen. Doch wolle sie sich jetzt schnell von den Einschränkungen für Nicht-Geimpfte befreien. Allein um wieder in ihr Fitnessstudio gehen zu können, lässt sie sich nun piksen.

Blick in eine Gasse.

Ein unbedeutende Straße, aber ein Zuhause Foto: Patrick Pfeiffer

Es ist nämlich so: „Ich will nicht alt werden und möchte meine Bizepsmuskeln nach vorne bringen“, sagt sie kokett. Dann fragt sie, ob ihr Wunsch nicht komisch klinge für eine Dame in ihrem Alter.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de