Hans Ulrich Obrist über mystische Gärten: „Wir wollten eine Situation der Verlangsamung schaffen“
Der Vatikan würdigt auf der diesjährigen Venedig-Kunstbiennale die Mystikerin Hildegard von Bingen. Warum und wie erzählt Starkurator Hans Ulrich Obrist.
Foto: Andrea Avezzù, Courtesy La Biennale di Venezia
taz: Herr Obrist, Sie haben für den Pavillon des Vatikans „Holy See“ in Venedig eine Klangausstellung konzipiert, die dem Werk der mittelalterlichen Nonne Hildegard von Bingen gewidmet ist. Sie galt als Heilerin, Mystikerin und Universalgelehrte. Dazu hat sie zahlreiche Kompositionen geschrieben. Wie sind Sie auf sie gekommen?
Hans Ulrich Obrist: Ich bin in der Ostschweiz aufgewachsen und der erste kulturelle Ort, in den mich meine Eltern gebracht haben, war die Klosterbibliothek in St. Gallen aus dem 9. Jahrhundert. Da konnte man mit Filzschuhen durch diese Hallen gehen und wie in einer Zeitreise diese mittelalterlichen Handschriften einsehen. Später bin ich dort als Student auf ihre Schriften gestoßen. Gemeinsam mit dem Kurator Ben Vickers haben wir festgestellt, dass sich weltweit Künstlerinnen und Künstler auf das Werk von Hildegard von Bingen beziehen und so ist die Idee dieser Ausstellung entstanden.
taz: Was fasziniert Sie an Hildegard von Bingen?
Obrist: Zuerst war es ihre Musik, die habe ich schon sehr früh gehört. Dazu kam, dass sie in ihrer Zeit eine Universalgelehrte war. Sie war Schriftstellerin, Heilerin, Naturgelehrte und hat sich intensiv mit Kräutern, Heilpflanzen und der Natur auseinandergesetzt. Sie war eine einflussreiche öffentliche Figur, hat ein Kloster geleitet, Bücher über Mystizismus geschrieben und Musik komponiert. Dazu hat sie sich in einer von Männern dominierten Kirche gegen große Hindernisse durchgesetzt. Aus heutiger Sicht ist sie eine wichtige feministische Figur, dazu kommen ihre spirituelle und ökologische Dimension.
„The Eye is the Ear of the Soul“. Pavillon des Vatikans, Kunstbiennale Venedig, bis 22. November 2026
taz: Die Ausstellung ist im „Giardino Mistico“ gelegen, dem „Mystischen Garten“ des Karmeliterklosters Scalzi in Venedig. In diesem sonst nicht öffentlichen Klostergarten werden seltene Lagunen-Weinsorten kultiviert, alte Obst- und Olivenbäume, aber auch eine Vielzahl von Heilkräutern. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Vatikan?
Obrist: Vor drei Jahren bin ich dem derzeitigen Kulturminister des Vatikans, Kardinal José Tolentino de Mendonça, begegnet. Er hat mir von diesem mystischen Garten in Venedig erzählt, den er uns zeigen will. Uns hat von Anfang an fasziniert, dass diese paradiesische Oase, dieser Garten mit Heilkräutern und Pflanzen, unmittelbar am lärmigsten und auch umtriebigsten Ort von Venedig liegt. Am Hauptbahnhof, wo Hunderttausende von Reisenden jedes Jahr eintreffen und abfahren. Und plötzlich ist man in dieser Stille. Da wurde uns klar, dies ist der Ort, den wir immer gesucht haben.
taz: Danach trafen Sie Ihren Freund, den im März verstorbenen Künstler, Philosophen und Filmemacher Alexander Kluge, um über das Projekt zu sprechen. Dabei kam es auch zu dem Titel der Ausstellung „The Ear is the Eye of the Soul“.
Obrist: Wir haben uns jedes Jahr am 1. Januar im Engadin in Sils Maria getroffen. Immer um drei Uhr am Nachmittag, um die Themen des Jahres zu besprechen. Das war ein Ritual. Ich wusste, dass auch er sich seit Langem mit dem Werk Hildegard von Bingens beschäftigte. Er hatte auch die Idee, sich ihrem Werk über Klang zu nähern und für den Titel der Ausstellung: „The Eye is the Ear of the Soul“. Seine zwölfteilige Videoarbeit zu Hildegard von Bingen, die jetzt am zweiten Standort des „Holy See“-Pavillons im Castello in Venedig zu sehen ist, ist sein letztes Werk, an dem er noch bis kurz vor seinem Tod gearbeitet hat. Mit Ben Vickers haben wir eine Liste von Künstlerinnen und Künstlern erstellt, von denen wir wussten, dass sie sich bereits mit der Musik von Hildegard von Bingen Musik beschäftigt haben. Wie Meredith Monk oder Brian Eno. Die Klangarchitektur mit den fließenden Übergängen kam schließlich vom Soundwalk Collective des Musikers und Filmemachers Stephan Crasneanscki und dem Produzenten Simone Merli.
taz: Sie haben 20 Klangarbeiten ausgewählt, die jeder Besucher und jede Besucherin über Kopfhörer erleben kann. Dabei kann man in seinem eigenen Rhythmus durch den Garten schlendern, vorbei an Blumen und Kräutern. Darunter ist auch ein Klangkunstwerk der nigerianisch-amerikanischen Künstlerin Precious Okoyomon, die sich in ihren Arbeiten mit den kolonialen Einschreibungen in Landschaften beschäftigt. Wie kam es dazu?
geboren 1968, ist ein Schweizer Kurator, Kritiker, Kunsthistoriker und Buchautor. Neben zahlreichen Ausstellungsprojekten war er 1992 Gründer des mobilen Museums Robert Walser. Seit 2006 ist er künstlerischer Leiter der Serpentine Galleries in London. 2026 kuratierte er gemeinsam mit Ben Vickers den Pavillon des Vatikans bei der 61. Kunstbiennale von Venedig.
Obrist: Mit Precious arbeite ich schon seit zehn Jahren zusammen. Wir haben auch oft über Hildegard von Bingen gesprochen. Sie hat Glasglocken gegossen, um Natur und Klang als spirituelles Ritual zu verbinden. Der Wind bringt die Glocken und das Windspiel zum Klingen. Gleichzeitig hört man Olivier Messiaens „Quartett für das Ende der Zeit“ und Worte der „Lingua ignota“, einer von Hildegard von Bingen entwickelten Geheimsprache. Wir wollten mit den Glasglocken auch eine skulpturale Präsenz in die Ausstellung einbringen.
taz: D ie Musikerin und Dichterin Camae Ayewa, die unter dem Künstlerinnennamen Moor Mother auftritt, hat, wie Precious Okoyomon, einen afrodiasporischen Hintergrund. Inwieweit war dies ein Thema für Sie?
Obrist: Es ging uns vor allem um den spirituellen Zugang und wir haben in den Texten von Moor Mother eine Resonanz zu den Themen von Hildegard von Bingen gesehen. Sie war auch sofort an der Figur von Hildegard von Bingen und ihrem holistischen Ansatz der Ganzheitlichkeit interessiert. Uns hat zudem auch der Zugang des afroamerikanischen Komponisten Julius Eastman zu Hildegard von Bingen interessiert, mit seiner Verbindung von spiritueller Musik und Minimalismus.
Foto: Andrea Avezzù, Courtesy La Biennale di Venezia
taz: Für die Ausstellung sind neue Auftragsarbeiten entstanden, unter anderem von Jim Jarmusch, FKA Twigs oder dem Chor der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in Eibingen. Wie konnten Sie die Bezüge zum Ort des Klostergartens herstellen?
Obrist: Alles ist im Dialog mit den Künstlern und Künstlerinnen entstanden. Wir haben Meredith Monk besucht und dann gemeinsam mit ihr entschieden, ihr bereits bestehendes Werk zu Hildegard von Bingen wieder zu sichten. Das war ihr wichtig, aber alles andere sind neue Werke. Es war uns auch wichtig, Dichter einzubeziehen, neben Patti Smith etwa den Chilenen Raúl Zurita mit seinen Gedichten über Traumata, Natur und Heilung – oder die Britin Bhanu Kapil, die über Blumen als Metapher für Feminismus, Migration und Wachstum nachdenkt.
taz: Es ist das erste Mal, dass der Vatikan mit Hildegard von Bingen eine Frau auf einer solch großen Bühne wie der Kunstbiennale in Venedig ehrt. Welche Rolle spielte dabei auch die Arbeit der ungarischen Nonne, Philosophin und Wissenschaftlerin Maura Zátonyi, die als Professorin in Rom lehrt und das Gesamtwerk von Hildegard von Bingen erstmals vollständig zugänglich gemacht hat?
Obrist: Maura Zátonyi, die im ehemaligen Kloster von Hildegard von Bingen in Eibingen lebt, war tatsächlich eine Schlüsselfigur für dieses Projekt. Sie ist eine der großen Expertinnen zu Hildegard von Bingen und hat auch ihren umfangreichen Briefwechsel dokumentiert. Das ist ein wirklich sehr wichtiges Buch, das wir jetzt auch übersetzen lassen wollen. Und noch ein Punkt, weshalb Hildegard von Bingen heute wichtig ist: Wir leben in einer Zeit totaler Informationsexplosion. Gleichzeitig wird alles immer polarisierter und es gibt keinen Dialog mehr. Daher wollten wir eine Situation der Verlangsamung schaffen, wo Konzentration und Zuhören im Mittelpunkt stehen.
taz: Welche Rolle spielt das Gehen in der Installation?
Obrist: Eine große Rolle. Ich denke an die „Spaziergangswissenschaft“ von Lucius Burckhardt und die Schriften von Robert Walser. Wie wir durch achtsames Gehen unsere Umwelt wahrnehmen. Die Ausstellung ist wie ein Spaziergang mit Stepping Stones. Dadurch kommt auch der Zufall ins Spiel und es ist ein offenes System.
taz: Was wird nach der Venedig-Biennale mit Soundinstallation geschehen?
Obrist: Als Kurator denke ich seit Langem, dass man an Projekten nicht einfach nur für eine Biennale arbeitet, sondern dass man einen Pavillon auch als langfristige Idee versteht, als Recherche. Wir wollen weitere Künstler_innen und Musiker_innen treffen. Wie etwa Judy Chicago, die Hildegard von Bingen in ihr berühmtes Werk „Dinner Party“ einbezogen hat. Wir wollen über die Idee der Kurzfristigkeit hinausgehen. So haben wir bereits mit mehreren Museumsleiter_innen gesprochen, ob sie die Installation auch in ihre Gärten bringen können. Für jede neue Installation, die wir machen werden, kommen dann neue Künstler_innen dazu. Als ein planetarer Soundgarten.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert