Handball-EM: Des Trainers Lernfortschritt
Die deutschen Handballer haben das entscheidende Spiel gegen Spanien überzeugend gewonnen. Nach Juri Knorrs Kritik nutzten sie die Krise als Chance.
Er ist erst 25 Jahre alt, aber es ist schon sein sechstes Turnier für den Deutschen Handballbund (DHB). Sicher, das liegt an der inflationären Anzahl an Turnieren im Handball. Aber auch daran, dass Julian Köster eine bemerkenswerte Frühreife zeigte und von Bundestrainer Alfreð Gíslason noch im November 2021 als Zweitligaspieler des VfL Gummersbach zur Nationalmannschaft eingeladen wurde.
Nun gehört Köster zu den Unverzichtbaren beim DHB. Er entstammt der seltenen Spezies der Spielmacher, die auch in der Innenverteidigung spielen können. Dort wird gegen 120-Kilogramm-Männer bis zur Erschöpfung geschuftet.
Gíslason liebt seinen Musterschüler wegen dieser Vielseitigkeit. Er würde ihn am liebsten immer spielen lassen. Das stößt aber zum einen mit den endlichen physischen Fähigkeiten Kösters zusammen, zum anderen mit einem Kader, der mehr gute Spieler als je zuvor bereithält.
Daraus wurde nach der Vorrundenniederlage gegen Serbien am Samstag ein bedrohliches Szenario. Kösters Platzkonkurrent Juri Knorr kritisierte den Bundestrainer, weil er ihn, Knorr, zu wenig, und andere zu viel habe spielen lassen – ohne Namen zu nennen. Fußballgleiche Boulevarddimensionen erlebte der Handball plötzlich inmitten dieser Europameisterschaft in Dänemark, Schweden und Norwegen.
Krise als Chance
Doch statt das Team zu spalten und zu schwächen, sprach sich die Mannschaft intern aus und machte aus der Krise eine Chance – voller Fokus aufs nächste Spiel gegen Spanien. Das gewann Gíslasons Gruppe am Montagabend in Herning überzeugend 34:32 und steht nun in der Donnerstag beginnenden Hauptrunde mit den wahrscheinlichen Gegnern Dänemark, Norwegen, Portugal und Frankreich.
So berechtigt die Kritik an seinem Spielermanagement am Samstag war, so gut machte es Gíslason zwei Tage später – jeder Wechsel passte. Angeflanscht an die inzwischen erfahrene Achse Köster–Knorr–Uščins konnten die anderen glänzen, weil diese drei einen sahnigen Abend erlebten: Köster (25, sechs Tore aus zehn Versuchen) spielte mutig und kraftvoll, Knorr (25, fünf Tore aus zehn Versuchen) leitete umsichtig an, Uščins (23, acht Tore aus zehn Versuchen) traf, wie er wollte.
Nationalspieler Juri Knorr über seine Trainerkritik
Knorr hatte öffentlich mehr Spielzeit gefordert. Die bekam er. Er füllte jede einzelne Minute beherzt und umsichtig aus. Er nutzte später die Gelegenheit, ein vermeintliches Zerwürfnis zwischen ihm und Gíslason um zu wenig Einsatzminuten auszuräumen: „Das war ein Nichtthema. Ich habe ihn darauf angesprochen und gesagt, dass ich ihn nicht kritisieren wollte. Das war gar kein Problem. Alfreð war nicht in seinem Ego gekränkt. Das hat mir als Mensch geholfen.“ Gíslason bestätigte dies: „Er kam nach dem Serbien-Spiel zu mir. Aus seinem Interview wurde ein halber Satz rausgenommen. Ich hatte überhaupt kein Problem damit.“
Halbfinale als Ziel
Selbstbewusst hatte das Team vor dem Turnier das Halbfinale als Ziel ausgegeben. Und so spielte es auch. Über 7:5 und 12:9 ging es zur 17:15-Pausenführung. Spanien ist im Umbruch, die Dujshebaev-Brüder nach vielen Verletzungen und seit Jahren im Dauereinsatz nicht mehr frisch wie früher, und – ein ganz entscheidender Punkt: Bundesliga-Souverän Sergey Hernández (SC Magdeburg) im Tor fasste praktisch keinen Ball an. Trotzdem kamen die Spanier in der 48. Minute auf 25:24 heran. Die deutsche Abwehr – nun mit David Späth im Tor – wurde müde, hatte Lücken. Das Spiel kippte aber nicht, weil es vorn konzentriert und zielstrebig weiterging. Uščins, Köster, Knorr, alle trafen.
Das große Aufatmen vom Dienstagmorgen ging direkt in Vorfreude über. Denn nun warten die Hochgeschwindigkeitsartisten in Rot und Weiß vor 15.000 Fans in (weitgehend) gleichen Farben auf die Deutschen. „Gegen Dänemark sind wir der große Underdog“, sagte Knorr. Er spielt seit Sommer 2025 bei Aalborg HB zwei Autostunden weiter nördlich: „Das ist ja jetzt mein Heimpublikum im vergangenen halben Jahr. Für uns ist selbst bei einer Niederlage nichts verloren. Wir hatten das Glück auf unserer Seite.“
Glück war in diesem Falle eine Chiffre für Österreich: Der südliche Nachbar hatte Serbien bezwungen; die Deutschen kegelten die Südosteuropäer dann aus dem Turnier. So nimmt die DHB-Auswahl zwei Punkte aus dem Spanien-Spiel in die nächsten vier Partien mit. Manches spricht dafür, dass die Partie am 28. Januar gegen Frankreich zu einer Art Viertelfinale wird – davon ausgehend, dass die Dänen als Gruppenerste ins Halbfinale kommen. Dass die Deutschen in der Verlosung bleiben, liegt an Julian Köster. Und an Alfreð Gíslasons Lernfortschritt.
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