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Grönland-Schau im Alpenmuseum BernDie arktische Ödnis knirscht

Unbeirrt von Trump erkundet das Alpenmuseum Bern die Frage, wie man in Grönland lebt. Es greift dafür auf seine Erfahrung mit radikalen Landschaften zurück.

Eine arktische Weite, auf zwei Videoleinwände gedehnt, sieht man vor alpinen Kraxlern in der Ausstellung „Grönland“ im Alpenmuseum Foto: Julian Rubb / Alps

Links warten die einen stoisch im Schneesturm auf den Bus; rechts tanzen die anderen zu einem eigensinnigen Mix aus Rock und Hip-Hop, den ein junger Mann mit Wollmütze in dem überfüllten Klub namens „Kristinemut“ über sie hinwegschallen lässt: Mit großen, raumfüllenden Doppel-Videoprojektionen überzeugt die Ausstellung „Grönland. Alles wird anders“ im Berner Alpinen Museum der Schweiz, kurz Alps.

Mal fliegt man mit im Helikopter über vereiste Ödnis, dann wieder schaut man in eine steril-glänzende Shoppingmall der Hauptstadt Nuuk. Beide Welten wirken verwandt seltsam. Berückend auch die Zwei-Kanal-Projektion, in der es nach Ilulissat geht, eine Stadt mit knapp 5.000 Einwohnern. Nebenan ist der Eisfjord, Unesco-Weltnaturerbe.

Gerade wird der Flughafen ausgebaut, es sollen große Maschinen aus Paris oder New York landen können, bestückt mit Touristen. Von denen sind schon einige zu sehen auf den Aufnahmen im Alps. Ein wenig ratlos schlendern sie durch die Straßen, durch die eben noch johlend die Kinder nach Schulschluss liefen mit ihrer farblich aufeinander abgestimmten 1a-Outdoor-Kleidung.

Die Ausstellung

„Grönland. Alles wird anders“. Alpines Museum der Schweiz – ALPS, Bern, bis 16. August

Und dann knallt es plötzlich auf beiden Videowänden gleichzeitig, ein nächster Streifen Fels wird gesprengt, die Schaufellader rücken unter Dröhnen an, das Geröll abzufahren, und vorbei ist es mit der Ruhe.

Zwangsspirale für Grönländerinnen

Gewiss hat man die Trump-Geschichte im Hinterkopf, seine öffentlich ausgesprochene Fantasie, die USA könnten Grönland annektieren. Das war allerdings noch kein Thema, als die Ausstellung im Herbst eröffnete. Und das Alps hat sich zum Glück nicht von den Geschehnissen der Weltpolitik treiben lassen.

Das Museum blieb bei der Konzeption der Schau, in aller Ruhe zunächst visuelle, dann erzählerische Einblicke in Ökologie und Tourismus, Gesellschaft und Kultur des Insellandes zu bieten. Nur im Eingangsbereich wird auf einer Videowand jetzt kurz Trump eingeblendet, wie er in seinem Kinder-Englisch Drohungen ausstößt.

Dass Grönland eine Gesellschaft ist, in der es zuweilen knirscht und die vor weitreichenden Entscheidungen steht, wird einem auf unaufdringliche Weise klar, wenn man sich nacheinander den gut 30 Videomonitoren widmet, gespeist mit kurzen, informativen Berichten: Eine Lehrerin schildert, wie einsam man ohne eigene Familie werden kann.

Ex-Skirennfahrerin Tupaarnaq Kreutzmann Kleist betreibt heute eine Schafzucht und hat Probleme mit den Eisbären, die immer näher kommen

Ein lokaler Unternehmer hätte gerne die dänische Regierung vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gesehen – ob ihrer Praxis, Grönländerinnen jahrzehntelang die Spirale einsetzen zu lassen. Und man lernt den Mann mit der Mütze aus dem „Kristinemut“ kennen: Kim Jakobsen, Rapper und ebenso Life Coach.

Zu beidem kam er, als sich sein Cousin das Leben nahm – Probleme zu benennen, Hilfe einzufordern, das sei in Grönland bis heute keine Selbstverständlichkeit. Spannend Greg Barnes, der mit seinem bunten Hut einer Kleinkunstbühne entsprungen zu sein scheint.

Er ist als Geologe Spezialist für Seltene Erden, ist für die entsprechenden Unternehmen weltweit unterwegs, und er erzählt im schnoddrigen Ton eines Glücksritters, wie die Grönländer künftig richtig Geld machen könnten. Ein Gegenpol die Auskünfte der einstigen Skirennfahrerin Tupaarnaq Kreutzmann Kleist, die heute eine Schafzucht betreibt.

Entsprechend hat sie Probleme mit den Eisbären, die ob der Klimafolgen den Menschen immer näher kommen – und sie muss sich von den eigenen Leuten zurechtweisen lassen: Was hältst du auch Schafe, die gab es hier vorher nicht, die gehören nicht hierher.

Der richtige Moment

Am Ende der Ausstellung warten als sanfter Rausschmeißer Videoclips grönländischer Popmusik, von Bands wie G-60 oder Inuk; auch um das eine oder andere Verwirrende nachhallen zu lassen: den Mann etwa, der in einem Kajak sitzt, der seinen muskulösen Oberkörper zeigt; der konzentriert mehrmals ein- und ausatmet.

Und dann ist der richtige Moment da: Er lässt sich mit Schwung zur Seite fallen, taucht in das Wasser ein, taucht unter. Taucht Sekunden später wieder auf, übt so die legendäre, lebensrettende „Eskimorolle“; drumherum hellblaue Kacheln, ein Wasserballtor, darüber leuchtend rot eine Anzeige: 25 Grad Celsius hat das Schwimmbad.

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