Goldene Palme in Cannes: Julia Ducournau räumt ab

Für den Film „Titane“ gewinnt die Französin als zweite Frau überhaupt bei den Hauptpreis. Ihr Werk sieht die Regisseurin als feministischen Beitrag.

Eine Frau steht in einer gefließten Zimmerecke und blickt mit verschränkten Armen entschlossen in die Kamera

Julia Ducournau erhielt für „Titane“ die Goldene Palme Foto: Vianney Le Caer/Invision

PARIS taz | Spike Lee war so begeistert, dass er das ganze Protokoll durcheinanderbrachte: Gleich zu Beginn der Zeremonie wollte der Jurypräsident die Preisträgerin der Goldenen Palme verkünden. Dabei sollte der Name von Julia Ducournau erst nach den anderen Auszeichnungen zum Schluss des Abends fallen. Die 37-jährige Französin gewann als zweite Frau nach Jane Campion 1993 die begehrte Filmtrophäe in Cannes für „Titane“.

Während der Film „Das Piano“ der Neuseeländerin Campion leise, poetische Töne anschlug, ist das Fantasydrama von Ducournau gespickt mit rohen, gewalttätigen Szenen. Der Film schockt und passt so gar nicht in das Raster der bisherigen Cannes-Preisträger. Erzählt wird die Geschichte einer Serienmörderin. Nach einem Autounfall bekommt die Hauptfigur Alexia eine Titanplatte ins Gehirn implantiert – und ist danach Autos bis zum Orgasmus hin verbunden.

Ducournau versteht ihren Beitrag als feministischen Film. „Es ist kein militantes Werk, aber eines, das meine Art von Feminismus spiegelt, mein Aufbegehren dagegen, dass es für eine Frau angstbesetzt ist, das Haus zu verlassen“, sagte die blonde Frau mit einer Vorliebe für dicke Ringe und schwarze Lederjacken jetzt der Zeitung Le Parisien. „Dieses Aufbegehren liegt in meiner DNA.“

Bereits ihre Mutter, eine Gynäkologin, trichterte der Tochter ein, dass es hart sei, eine Frau zu sein. Da auch ihr Vater Arzt war, ging es am Familientisch häufig um die Patienten und ihre Krankheiten. Anatomiebücher begleiteten die Kindheit Ducournaus, die jetzt in ihrer an David Cronenberg erinnernden Arbeit den menschlichen Körper in den Vordergrund stellt.

Die Jury lässt die Monster rein

„Das Fleisch wird übel zugerichtet, verbrannt, vergewaltigt, verschlungen, abgetrieben“, schreibt die Zeitschrift Paris Match zu den Filmen der jungen Regisseurin, die nach einem Literatur- und Sprachenstudium die renommierte Pariser Filmschule Fémis absolvierte. Schon Ducournaus erster Cannes-Film, „Raw“, vor fünf Jahren schockierte das Publikum: Die Geschichte einer jungen Frau, die zur Kannibalin wird, ließ mit ihren brutalen Szenen einige Zuschauerinnen und Zuschauer ohnmächtig werden.

Wer allerdings erwartet hatte, dass Julia Ducournau auch bei der Preisverleihung in Cannes aus dem Rahmen fallen werde, wurde enttäuscht. Die Filmemacherin brach im Festivalpalast ganz klassisch in Tränen aus, als sie ihren Namen hörte. Im schlichten schwarzen Abendkleid nahm sie dann die goldene Palme aus den Händen der US-Schauspielerin Sharon Stone entgegen.

Als Kind habe sie bereits die Preisverleihung in Cannes im Fernsehen verfolgt, gestand Ducournau in ihrer kurzen Rede. Damals habe sie gedacht, dass die ausgezeichneten Filme perfekt sein müssen. „Jetzt bin ich an der Reihe und weiß, dass meiner nicht perfekt ist.“ Dennoch danke sie der Jury, dass sie mit dem Preis anerkenne, dass die Welt mehr Diversität brauche. „Und merci, dass die Jury in Cannes die Monster hereinlässt.“

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