Glückliche Momente in der Waldorfschule: Und trotzdem müssen wir die Strukturen kritisieren
Unsere Kolumnistin hat an ihre Zeit in der Waldorfschule auch viele schöne Erinnerungen. Aber das sollte uns nicht abhalten, Kritik am System zu üben.
T ut mir leid, dass du so schlechte Erfahrungen gemacht hast. Ich kenne aber viele, denen es sehr gut geht, in der Waldorfschule.“ So in etwa lautet eine immer wiederkehrende Reaktion auf meine meist strukturelle Kritik an der Waldorfpädagogik.
Und sie frustriert mich: Erstens wiegen die guten Erfahrungen der einen das Leid der anderen nicht auf. Zweitens kann man durchaus Denk- und Handlungsweisen kritisieren, von denen man individuell profitiert. Und drittens war meine Schulerfahrung gar nicht besonders schlecht, sondern erstaunlich idealtypisch. Ich habe sie auch mehr als 30 Jahre verteidigt und sie zumeist in eher idyllischen Farbnuancen erinnert.
Wieso fand ich also meine Schulzeit bis vor wenigen Jahren gut und kritisiere nun „meine“ Schulform öffentlich? Ich weiß inzwischen mehr und ich schaue genauer hin!
Meine Kindheit und Jugend fand im Waldorfkontext statt. Ich kannte es gar nicht anders. Und ich habe in all den Jahren auch viel Schönes erlebt. Aber war es wegen Waldorf? Oder trotz Waldorf? Ich hatte tolle Freundschaften und Erlebnisse. Ich mochte viele meiner Lehrkräfte von Herzen. Im Vergleich zu anderen habe ich wohl eher besonders gute Erfahrungen gemacht und oft Glück gehabt.
Schlechte Erfahrungen ideologisch gewollt
Mein Erleben von Beschämung, elendiglicher Langeweile, Anpassungsdruck, Mobbing, lähmender Ohnmacht, Grenzüberschreitungen und der fehlende Raum für Individualität war strukturell begünstigt und wie ich heute weiß, teils sogar ideologisch gewollt. Gleichzeitig war es so normalisiert, dass es in meinen Erinnerungen wenig Platz einnahm.
Wenn ich mich innerlich in meiner Schulgemeinschaft umschaue oder an die Berichte anderer Ehemaliger denke, bin ich eben nicht die, die es besonders schwer hatte. Ich war anpassungsfähig, blond, klug, körperlich fit und handwerklich geschickt. Ich wurde zu einem überangepassten Waldorf-Sonnenscheinkind, das in diesem recht totalitären System gut zurechtkam. Ich habe Anerkennung innerhalb der Gemeinschaft bekommen und hatte am Ende ein Abitur in der Tasche.
Bei mir lief das allermeiste genauso wie es gedacht war – was nicht heißt, dass es gesund für mich gewesen wäre. Was ich als negativ empfand, habe ich damals auf individuelles Versagen geschoben, während ich das Gute der Waldorfpädagogik zugerechnet habe.
Man muss selbst nicht überdurchschnittlich gelitten haben, um als Erwachsene*r strukturelle Probleme zu erkennen und zu benennen.
Kritik nicht gewohnt
Auch nach über drei Jahren, in denen ich öffentlich kritisiere, bleibt es jedoch mühsam, meine eigene Stimme zu finden. Waldorfkinder sind es meist nicht gewohnt, selbst kritisch über Waldorfschulen zu reden, während es gesamtgesellschaftlich völlig normal ist, mit den Regelschulen hart ins Gericht zu gehen. Sowohl während der Schulzeit, als auch danach.
Früher habe ich meine Schule reflexartig verteidigt. Ich kannte die Argumente und Formulierungen, weil ich sie so oft gehört hatte. Heute ringe ich um passende Worten – im Austausch mit anderen Betroffenen, in der Fachliteratur, in meiner Liebe zu Menschen von damals, in meiner ganzen Verwirrung, Wut, Angst, Trauer und Enttäuschung.
Es ist ein stetiges Pendeln zwischen meinem Kindheitserleben und retrospektiver Analyse. Und sehr, sehr viel Recherche!
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