piwik no script img

Global Disability SummitMehr Unterstützung für Inklusion weltweit gefordert

Die Teilhabe von Menschen mit Behinderung wird weltweit infrage gestellt. Bundeskanzler Scholz findet in Berlin deutliche Worte der Kritik.

Beim Global Disability Summit in Berlin im April 2025 werden rund 3000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus aller Welt erwartet Foto: Michael Kappeler/dpa

Berlin taz | Noch-Bundeskanzler Olaf Scholz hat sich für den Einsatz für mehr Teilhabe und Inklusion ausgesprochen. „Wir befinden uns in Zeiten, in denen Inklusion zunehmend infrage gestellt, sogar angegriffen wird“, sagte er bei seiner Eröffnungsrede des Weltgipfels für Menschen mit Behinderung (Global Disability Summit / GDS) am Mittwoch in Berlin. „Inklusion ist ein grundlegendes Menschenrecht.“

Weltweit leben 1,3 Milliarden Menschen mit einer Behinderung, etwa 15 Prozent der Weltbevölkerung. In reicheren Ländern wie Deutschland hätten Menschen mit Behinderung zu über 80 Prozent Zugang zu Hilfsmitteln, in ärmeren Ländern teilweise nur jede zehnte betroffene Person. Beim zweitägigen GDS der neben Deutschland von der International Disability Alliance, dem Weltdachverband der Selbstvertretungen von Menschen mit Behinderung, und dem Königreich Jordanien ausgerichtet wird, wurde deshalb das Ziel formuliert: 15 für 15.

Demnach sollen 15 Prozent der jeweiligen nationalen Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit auf Inklusion ausgerichtet sein. Menschen mit Behinderung sind in erhöhtem Maße vom Klimawandel sowie (Umwelt-)Katastrophen betroffen und haben es schwerer, zu flüchten. Sie haben erschwerten Zugang zu Schutzräumen, Evakuierungsprozessen und können auch von Notsignalen ausgeschlossen sein, wenn sie zum Beispiel keine Sirenen hören können.

Dasselbe gilt für bewaffnete Konflikte. „Wir haben eine besondere Rolle für Menschen in Konfliktregionen“, sagt Abdullah II. bin al-Hussein, König von Jordanien, bei der Gipfel-Eröffnung. „Menschen mit Behinderung sind dort besonders verwundbar – im Kongo, der Ukraine oder Gaza.“

Lob für Jordanien

Jordanien sei „ein Pionier in Sachen Inklusion von Menschen mit Behinderung“, betonte der geschäftsführende Bundeskanzler Scholz. Tatsächlich ist Jordanien eines der ersten Länder gewesen, welche die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) unterzeichnet haben.

Die Konvention trat am 3. Mai 2008 in Kraft. Jordanien unterzeichnete noch im selben Monat und ratifizierte sie im März 2009. Dennoch sei seitdem nicht genug getan worden, sagte König Abdullah. „Wir haben noch viel Arbeit vor uns, bis Menschen mit Behinderung reisen, in die Schule gehen, arbeiten, wählen und unabhängig leben können.“

Für wirkliche Verbesserungen sei es aber essentiell, Menschen mit Behinderungen in alle Prozesse mit einzubeziehen, so Scholz. Der Weltgipfel nehme eine Kontrollfunktion für die Umsetzung der UN-BRK weltweit ein. Über 4.000 Menschen aus rund 100 Ländern nehmen Teil, darunter Ver­tre­te­r:in­nen aus Selbstvertretungen von Menschen mit Behinderung, Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und NGOs. „Trotz aller Bemühungen machen wir in manchen Fällen sogar Rückschritte“, warnte die stellvertretende UN-Generalsekretärin Amina J. Mohammed in einer Videobotschaft.

Po­li­ti­ke­r:in­nen wie US-Präsident Donald Trump stellen nicht nur die Inklusion, sondern auch die Entwicklungszusammenarbeit infrage. Deren Bedeutung betonte die geschäftsführende Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze beim Gipfel. Eine besondere Führungsrolle Deutschlands beim Thema Inklusion in der Entwicklungszuammenarbeit lehnte Schulze dabei ab: „Alle Staaten haben Herausforderungen, keiner ist inklusiv. Ich wünsche mir mehr Führungsrolle von allen Ländern.“

„Auf dem Weltgipfel wird der Grundstein für eine bessere Zukunft für alle gelegt, insbesondere für Menschen mit Behinderung“, betonte Nawaf Kabbara, Präsident der International Disability Alliance. Rückschritte dürfe man nicht zulassen: „Wir wissen um die Kürzungen, es gibt kein Zurück“. Der GDS, so Kabbara, sei eine „Möglichkeit, die Kooperation zwischen allen Partnern zu stärken“. Zusammenarbeit sei der Kern des Weltgipfels.

„Die Worte von Olaf Scholz auf dem Gipfel dürfen keine leeren Versprechen bleiben“, kommentierte der Linksfraktionsvorsitzende Sören Pellmann den Auftritt des Kanzlers auf dem Weltgipfel. Nötig seien spürbare Fortschritte für eine inklusive Gesellschaft in Deutschland, für die Schaffung von Barrierefreiheit und umfassende Teilhabe sowie die Beteiligung der Behindertenorganisationen in der internationalen Zusammenarbeit und Entwicklungspolitik. „Nötig sind auch mehr Mittel für die Entwicklungshilfe statt Kürzungen im Haushalt des dafür zuständigen Bundesministeriums“, sagte Pellmann.

taz lesen kann jede:r

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!