Giftpflanzen: So toxisch, so schön

Eine Krimiautorin schreibt nebenberuflich über Giftpflanzen – und lernt dabei, dass man Gift an den unglaublichsten Orten finden kann.

Eine Illustration von einem Rhododendronstrauch

Hübsch. Aber giftig: der Rhododendron Illustration: Monika Geier

Der Rhododendron

Er steht wie ein Dealer in düsteren Ecken rum, auf alten Friedhöfen, in großen Parks. Ausbreitungsdrang hat er auch, manche nennen es Killerinstinkt: In einigen Ländern gilt er als Ärgernis und Gefahr. Außerdem produziert der Rhododendron einen merkwürdigen Wirkstoff, der sich im Nektar konzentriert, sodass sein sortenreiner Honig tatsächlich zu einem Rauschmittel oder tödlichen Gift werden kann.

Dieser Honig wird heute noch an der Schwarzmeerküste und in Nepal geerntet und ist vermutlich eine der ältesten Drogen der Welt. Seine Wirkung ist leicht euphorisierend (kann am Zucker liegen) und einschläfernd, außerdem erzeugt er Übelkeit. Der vermutlich früheste bekannte Tollhonig-Konsument war der Titan Kronos, der laut der Sage genau diese Symptome zeigte, als er von seinem Sohn Zeus mit Honig betäubt und dazu gebracht wurde, die zuvor von ihm verschlungenen Kinder Hestia, Demeter, Hera, Hades und Poseidon wieder auszuspucken.

Nun ist die Drogenkarriere eher Nebensache in Kronos’ Leben, eigentlich war er Herrscher über das goldene Zeitalter. Und das war auch ohne Rauschmittel eine entspannte Ära. Leben in Frieden,wenig Besitz, Flusspferde im Fluss, Schlafen unterm Sternenhimmel … So eine Zeit gab es wirklich mal in Europa, das war die letzte Warmzeit vor der unseren. Und wie der Zufall so will, wuchsen damals hier besonders viele Rhododendren. Die haben sich nämlich genau da über ganz Europa bis nach Lappland ausgebreitet. Möglicherweise ist unsere ganze antike Gartenparadiesmystik eine sehr alte Erinnerung an dieses Leben. Oder doch nur ein Wunschbild aus einem Honigrausch. Wer weiß das schon.

Das Schönste am Rhododendron ist jedenfalls für mich, dass er im Frühjahr gar nicht anders kann, als in Farbe zu explodieren. Sein ganzer Ernst, alle Melancholie nützen ihm nichts, wenn die Blüte kommt und er plötzlich grellbunt dasteht. Das ist hinreißend. Zwar fällt er danach schnell in seine graugrüne Friedhofslethargie zurück, aber er hat eben doch Stil und Kraft. Vielleicht weil er nicht nur den Rausch, sondern auch das echte Paradies kennt.

Die Stechpalme

Was ist stärker: Sinn oder Gewohnheit? Religion oder Ort? Fest oder Festtagsdeko? Die Antwort ist gar nicht so einfach. Es gibt viele Belege dafür, dass neue Kirchen über versunkenen Heiligtümern gebaut werden und dass Feste stets an Tagen stattfinden, die eine lange Feiertradition haben. Das Datum ist oft stabiler als der Anlass. Tatsächlich gibt es sogar Festschmuck, der Religionswechsel übersteht. Ein solcher ist die Stechpalme.

Die Stechpalme ist eine Burg. Sie ist kompakt gebaut und wird für einen Strauch sehr alt, etwa 300 Jahre. Rundherum trägt sie harte, stachelige Blätter und giftige Beeren, außerdem verbreitet sie sich über Sprosse und kann schnell undurchdringliche Gebüsche bilden. Doch ihre ganze Bewehrung, ihr Wuchs, ihr dichtes immer grünes Laub, ja sogar das Gift ihrer Beeren dient nur dem Schutz.

Was schützt sie? Nichts Geringeres als den Frühling. Stechpalmen sind Winterquartiere nicht nur für viele Vogelarten, sondern auch für Zitronenfalter, die Frühlingsboten schlechthin. Außerdem reifen die glänzenden Stechpalmenbeeren erst nach ein paar Nachtfrösten. Sie sind tödlich für alle – außer für Vögel. So können die sich mit wertvollem Futter über die kalte Zeit retten. Und charmanterweise besitzen die Blätter der Stechpalme nur im unteren Bereich Stacheln, bis in die Höhe, in die ihre Fressfeinde reichen. Die Blätter darüber sind glatt, dort oben kann sie sein, wie sie wirklich ist: freundlich.

Und da das alles so ist, da diese Pflanze eine große Stärke, ja Magie ausstrahlt, wurde sie schon im alten Rom als Festschmuck für die Saturnalien genutzt. Diese fanden im Dezember statt und waren das wichtigste Fest. Alle Römer nahmen teil, beschenkten sich, feierten und schmückten ihre Häuser. Aus dieser Tradition ging unsere Weihnachtskultur hervor, und auch heute noch sind Stechpalmenzweige ein Symbol für das Winterfest. Woraus wir eventuell lernen sollten, dass es müßig ist, sich wegen Religionen zu kloppen. Am Ende ist das Solideste an der ganzen Sache vielleicht wirklich die Tischdekoration.

Das Tränende Herz

Als ich klein war, verriet mir mein Opa ein Geheimnis. Er zeigte mir, dass in den Blüten der Tränenden Herzen zwei köstliche Tropfen Nektar sitzen, die man einfach ablecken kann. Diesen Nektar findet man, wenn man die die beiden oberen rosa Blütenblätter vorsichtig zurückzieht, sodass die weiße Innenkonstruktion der Blüte herausgeschoben wird. Und dort am Blütenboden, wo alles zusammengewachsen ist, sitzt in zwei Zwickeln jeweils ein süßer, glänzender Tropfen.

Natürlich ernten auch Insekten diesen Saft, weswegen man ihn nur in jungen Blüten findet. Am besten nimmt man diejenigen, bei denen die Enden der rosa Blütenblätter noch nicht ganz nach oben umgebogen sind, sondern gerade so zur Seite abstehen. Dann ist die Blüte reif. Die süßen Tropfen in den Tränenden Herzen sind eine meiner schönsten Erinnerungen an meinen Großvater. Er zeigte mir noch viel eindrucksvollere Naturphänomene, aber nichts war für mich als kleines Kind so wundervoll, anschaulich und schmeckbar wie das Tränende Herz.

Als ich dann begann, an einem Kinderblumenbuch zu arbeiten, plante ich, die Pflanze zum Star in meinem Buch zu machen. Doch leider ist das Tränende Herz giftig. Natürlich ist es kein starkes Gift, das jeden dahinrafft, der mal an einer Blüte leckt, und es steckt auch nicht im Nektar. Sowieso sind die allermeisten Frühlingsblumen mehr oder minder giftig, und wir hantieren außerdem ständig mit Pflanzen, die insgesamt weit gefährlicher sind. An Kartoffelbeeren sind schon Menschen gestorben, auch Tomaten und Bohnen sind in bestimmten Entwicklungsstadien und Mengen lebensbedrohlich.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Trotzdem. Ein Gewächs, das zur Giftpflanze des Jahres 2017 gekürt wurde, kann man nicht einfach fremden Kindern zum Ablecken empfehlen. Das geht nicht. Das muss privates Wissen bleiben, ein Geheimnis nur zwischen mir und meinen Söhnen. Und Ihnen, jetzt.

Ich hab Sie hiermit gewarnt: Das Tränende Herz ist giftig. Ob Sie diese Tropfen suchen und ablecken, bleibt ganz Ihnen überlassen. Ich kann Ihnen nur sagen: Sie sind lecker …

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schreibt und illustriert seit Juli 2018 in der Pirmasenser Zeitung die Kolumne „Geiers Giftlabor“, aus der wir drei Folgen abdrucken. Im Februar erscheinen alle Texte unter dem Titel „Voll Fiese Flora“ bei Ariadne.

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