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Gewalt gegen LinkeWo linke Jugendliche zum Feindbild werden

Erst brannte das Jugendhaus in Bargteheide, dann sind Jugendliche, die sich links engagieren, überfallen worden. Das passt zur rechten Strategie.

Hier stand mal die Bühne: verbranntes Außengelände vor dem Autonomen Jugendhaus Bargteheide Foto: AJH

I m März sind im schleswig-holsteinischen Bargteheide mehrere Jugendliche körperlich angegangen worden. Die Betroffenen engagieren sich allesamt links. Sie berichten davon, dass ihnen aufgelauert werde, sie sprechen von politisch motivierten Angriffen und einer insgesamt wachsenden Bedrohungslage. Die Häufung der Übergriffe, allein im März waren es drei, deute auf eine „gezielte Serie rechter Gewalt“ hin, schreibt das Plenum des Autonomen Jugendhauses Bargteheide.

Einer der Angriffe geschah am Abend des 4. März am Bahnhof in Bargteheide. Zwei Jugendliche hatten gerade den Lautsprecherwagen zurückgebracht, der auf einer Demo gegen die Wehrpflicht genutzt wurde, als ihnen mehrere maskierte Täter entgegentraten. Die Angreifenden hätten Handschuhe getragen, einer habe eine Schusswaffe und ein weiterer ein Messer dabei gehabt. Die Jugendlichen wurden zu Boden geschlagen, getreten und einer der beiden wurde im Gesicht verletzt. Sie meldeten den Übergriff der Polizei.

In der Nacht zum 7. März hätten dann drei Vermummte aus einem Auto heraus eine linke Person auf der Straße bedroht. Diese habe über eine Seitengasse fliehen können, „sodass vermutlich Schlimmes verhindert wurde“, schreibt das Jugendhausplenum weiter. Und am Abend des 12. März wurde ein Jugendlicher, der zuvor im Jugendhaus gewesen war, auf dem Parkplatz des Gymnasiums Eckhorst von zwei mit Sturmhauben maskierten Tätern angegriffen und verletzt. Er habe sich noch losreißen können und sei zurück zum Jugendhaus geflohen.

Das alles „reiht sich ein in eine Zuspitzung rechter Angriffe auf politische Geg­ne­r*in­nen in den letzten zwei Jahren vor Ort“, erklärt Felix Fischer vom Zentrum für Betroffene rechter Angriffe (Zebra). „Die Situation in Bargteheide ist ein gutes Beispiel dafür, was rechte Raumnahmeversuche konkret bedeuten.“ Los gehe es mit rechten Schmierereien, dann folgten Bedrohungen und Nötigungen, „die früher oder später in konkrete körperliche Angriffe und Brandstiftungen gegen nicht rechte Jugendliche und/oder Migrantisierte münden“, so Fischer.

Die Situation in Bargteheide ist ein gutes Beispiel dafür, was rechte Raumnahmeversuche konkret bedeuten

Felix Fischer, Zentrum für Betroffene rechter Angriffe (Zebra)

Bereits Ende Mai 2024 war auf das Autonome Jugendhaus Bargteheide, das in einem kleinen Containerbau unter Bäumen am Stadtrand liegt, ein Brandanschlag verübt worden. Unter dem Motto „Auch nach 40 Jahren kein Bock auf Nazis! No Racism! No Sexism! Just Dance!“ sollten 40 Jahre Jugendhaus gefeiert werden und nur „das regnerische Wetter“ verhinderte wohl, dass sich das Feuer ausbreitete, sagte eine Aktive des Jugendhauses damals der taz.

2025 entdeckten Pas­san­t*in­nen am 17. Juni ein Feuer im Außenbereich des Jugendhauses. Die Flammen breiteten sich über die Bühne bis zum Dach des Containerbaus aus. Kurz nach dem Brand posteten lokale AfD-Politiker ein Foto auf Instagram, auf dem sie provokant vor dem Containerbau stehen und fordern: „Antifa verbieten“. Das Jugendhausplenum schreibt, dass es seit diesem Post vermehrt rechte Drohanrufe gegen linke Jugendliche gegeben habe. Im November wurde dann im Jugendhaus eingebrochen und die unbekannten Tä­te­r*in­nen hinterließen rechtsextreme Symbole und AfD-Schriftzüge.

Der rechte Vandalismus sei auch im Stadtgebiet vermehrt zu beobachten, so das Jugendhausplenum. Und die gegenwärtigen Bedrohungen erfolgten nach einem „ähnlichen Muster“: „Die Täter treten in Überzahl auf, richten sich gezielt gegen jüngere Personen, und teilweise werden Waffen eingesetzt“. Die „körperlichen Angriffe“ seien eine „weitere Eskalation“, so das Jugendhaus.

Rechts motivierte Gewalt nimmt zu

In Schleswig-Holstein ist die rechts motivierte Gewalt laut einem aktuellen Monitoring von Zebra im Vergleich von 2023 zu 2024 um 20 Prozent gestiegen. Menschen seien demnach „fast jeden zweiten Tag“ aus rassistischen, antisemitischen oder anderen rechten Motiven angegriffen worden. Ein Drittel aller Gewalttaten des Kreises Stormarn sei in Bargteheide passiert, sagt Fischer. Sie seien allesamt gegen „politische Geg­ne­r*in­nen gerichtet“ gewesen.

Mindestens 163 Menschen waren von den insgesamt 164 Gewalttaten betroffen. 125 Taten erfolgten demnach aus rassistischen Motiven. Für Sybilla Nitsch, Landtagsabgeordnete des Südschleswigschen Wählerverbandes, sind diese Zahlen „verstörend“: „Wir betrachten den Anstieg von rund 20 Prozent als alarmierend.“

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Andreas Speit
Autor
Rechtsextremismusexperte, Jahrgang 1966. In der taz-Nord schreibt er seit 2005 die Kolumne „Der Rechte Rand“. Regelmäßig hält er Vorträge bei NGOs und staatlichen Trägern. Für die Veröffentlichungen wurde er 2007 Lokaljournalist des Jahres und erhielt den Preis des Medium Magazin, 2008 Mitpreisträger des "Grimme Online Award 2008" für das Zeit-Online-Portal "Störungsmelder" und 2012 Journalisten-Sonderpreis "TON ANGEBEN. Rechtsextremismus im Spiegel der Medien" des Deutschen Journalistenverbandes und des Ministeriums für Justiz und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt. Letzte Bücher: herausgegeben: Das Netzwerk der Identitären - Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten (2018), Die Entkultivierung des Bürgertum (2019), mit Andrea Röpke: Völkische Landnahme -Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos (2019) mit Jena-Philipp Baeck herausgegeben: Rechte EgoShooter - Von der virtuellen Hetzte zum Livestream-Attentat (2020), Verqueres Denken - Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus (2021).
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