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Gewalt gegen FrauenMänner entmachten

Carolina Schwarz

Kommentar von

Carolina Schwarz

Nach Epstein-Files und Dunkelfeldstudie lässt sich derzeit nur noch schwarzsehen. Was tun gegen die geschlechtsspezifische Gewalt, die Frauen trifft?

Foto aus dem Nachlass von Jeffrey Epstein zeigt Donald Trump mit sechs Frauen Foto: House Oversight Committee/ap

S eit zwei Wochen nun wühlt sich die Welt durch die Datenflut der Epstein Files. 3,5 Millionen Dateien bestehend aus E-Mails, Fotos und Notizen werden von Journalistinnen und Hobbydetektiven gesichtet. Jede_r möchte den nächsten großen Scoop aufdecken. Welcher Promi war noch verwickelt in das Netz um den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein? In sozialen Medien wimmelt es von Verschwörungen und Gossip-Stories, Zeitungen schreiben von politischen Skandalen. Dass die Daten ein patriarchales Netz aus Verbrechern offenlegen, die Kinder und Frauen missbrauchen, wird zum Nebenschauplatz.

Auch ich scrolle stundenlang durch die Nachrichten und bin von der Sprache der Männer schockiert. Flapsig und empathielos schreiben sie über ihre Ehefrauen und Mädchen. Ganz so als seien diese bloß Körper oder Waren, die eingekauft, weitergegeben und weggeworfen werden können.

Zur gleichen Zeit beginnt in München ein Prozess. Ein 27-jähriger Student hat seine Freundin über Monate hinweg unter Drogen versetzt, vergewaltigt und dabei gefilmt. Er ist geständig. Dass die Frau bei den Verbrechen überlebt hat, ist laut Staatsanwaltschaft reiner Zufall. Das LKA spricht von einer internationalen Tätergruppierung, auf die sie bei den Ermittlungen gestoßen sind. Wenn der Student in Chatgruppen über die Vergewaltigung fantasierte, soll er die Opfer „Autos“ oder „tote Schweine“ genannt haben. Auch für ihn sind Frauen keine Menschen, sondern bloß Körper.

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Zwei außergewöhnliche Fälle könnte man nun meinen. Doch außergewöhnlich ist an den Missbrauchstaten wenig, viel mehr sind sie Alltag im Patriarchat. Denn dass dieses Frauenbild und die mit ihr einhergehende Gewalt das Normal sind, zeigt die Dunkelfeldstudie zu Gewalt, die diese Woche vom Bundeskriminalamt in Zusammenarbeit mit dem Innen- und Familienministerium veröffentlicht wurde. Laut der Studie hat ein Großteil der Bevölkerung schon Gewalt erlebt.

Nur die wenigsten erstatten Anzeige

Vor allem trifft es Frauen, der Täter ist in der Regel der Partner oder der Ex. Jede zweite Frau gibt an, häusliche Gewalt erlebt zu haben. Je marginalisierter eine Person ist, desto höher ihre Gefahr, Gewalt zu erfahren. Nur die wenigsten der Opfer erstatten Anzeige.

Außer Innenminister Alexander Dobrindt („konnte so nicht erwartet werden“) ist niemand von diesen Ergebnissen überrascht. Die Dunkelfeldstudie, auf die seit Jahren gewartet wurde, beweist nun, was ohnehin bekannt ist: In Deutschland lebt es sich als Frau gefährlich – vor allem dann, wenn man sich mit Männern umgibt. Und ja, die Studie zeigt auch, dass Männer Gewalt in (Ex-)Partnerschaften erfahren, aber die Intensität der Gewalt ist eine deutlich andere.

Die Ergebnisse waren erwartbar, aber in einer Zeit, in der ein Gewaltverbrechen nach dem nächsten an die Öffentlichkeit gelangt, lassen sie mich die Hoffnung verlieren. Eigentlich bin Ich ein optimistischer Mensch, versuche mich an den positiven Entwicklungen festzuhalten. Als Journalistin möchte ich konstruktiv an Themen, auch an das der geschlechtsspezifischen Gewalt rangehen. Ich suche nach Lösungen und Blicke auf die Errungenschaften der feministischen Bewegung. Doch diese Woche will mir das nicht gelingen. Ich finde nichts, an das ich mich klammern kann. Ich sehe nur Männer, die schlagen und würgen, die narkotisieren und vergewaltigen.

Das Einzige, was uns wirklich helfen würde, wäre es, Männer zu entmachten. Das ganze System einmal auf den Kopf zu stellen. Das würde wirklich das Leben von Frauen, Queers und Kindern schützen. Doch nicht einmal die weniger radikalen Ansätze werden politisch angegangen. Seit Jahren beten Expert_innen hoch und runter, wie sich geschlechtsspezifische Gewalt eindämmen ließe (mehr Opferschutz und Prävention).

Doch ich glaube nicht mehr daran, dass es einen politischen Willen gibt, das wirklich umzusetzen. Eine Regierung nach der anderen hat gezeigt, wie wenig ihnen das Leben der Frauen wert ist.

Die französische Philosophin Manon Garcia hat den Prozess um das Verbrechen an Gisèle Pelicot beobachtet. Pelicots Ehemann hat sie jahrelang unter Drogen versetzt und sie dann von 70 Männern vergewaltigen lassen. Auch hier offenbarte sich ein patriarchales Netzwerk, nur weniger elitär als im Fall Epstein. Auch hier wurde eine Frau entmenschlicht und lediglich als ein zu vergewaltigender Körper angesehen.

Nach dem Prozess, nach wochenlangen Verhandlungen, Zeugenaussagen und Videos der Vergewaltigung fragt Garcia sich, wie sie jetzt einfach in ihr Eheleben mit einem Mann zurückgehen soll.

Nachdem ich mich die letzten Wochen durch E-Mails und Fotos klicke, Nachrichten lese und Interviews führe, verstehe ich Garcias Verzweiflung. Ich frage mich: Wie sollen wir mit Männern eigentlich noch zusammenleben? Ich weiß es leider nicht.

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Carolina Schwarz
Ressortleiterin taz zwei
Ressortleiterin bei taz zwei - dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Schreibt hauptsächlich über intersektionalen Feminismus, (digitale) Gewalt gegen Frauen und Popphänomene. Studium der Literatur- und Kulturwisseschaften in Dresden und Berlin. Seit 2017 bei der taz.
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