Geteilte Musik und geteilte Getränke: Antidote für den Winter
In der neuen Nationalgalerie kann man mit Moor Mother mitimprovisieren und im Neuköllner Bajszel vorzüglich trinken – sogar mit Polizeischutz.
E igentlich sollte der Bus längst da sein. Ich umkreise die Haltestelle, irgendwie muss man sich warmhalten. Mein Blick fällt auf ein überdimensioniertes Plakat. „Edgar, du bist ein gottloser Cheater“. Darunter ein QR-Code, angeblich der Zugang zu „privaten Fotos“. Ob dem schon jemand gefolgt ist? Edgar, sofern er hier wohnt, scheint nichts gegen diesen Fame zu haben. Mir fällt ein, dass ich ein ähnliches Plakat schon mal hier in der Nähe gesehen haben, offenbar läuft die Kampagne schon eine Weile. Bevor ich Unsinn anstelle, kommt der Bus.
Überhaupt sticht mir dieser Tage einiges so ins Auge, was ich sonst übersehe – ein Vorteil der durchs Winterwetter entschleunigten Fortbewegung. Etwa entdecke ich in der Bergmannstraße, in der ich dauernd bin, einen Automaten, den ich noch nie wahrgenommen haben: Premium Parfum To Go für 2 Euro. Eine kurze Beschreibung der angebotenen Düfte wäre erhellend. Stattdessen wird man gewarnt, sie nicht in den Mund zu sprühen. Die Duft-Checker-Freundin, der ich ein Foto schicke, ist zumindest teilweise von der Auswahl angetan.
Mittwoch geht es dann in die Neue Nationalgalerie zum Auftakt der Veranstaltung „Time Travel Hear Today“. Über vier Abende wird die Musikerin und Dichterin Moor Mother zusammen mit dem Ensemble Mosaik, weiteren Musikern und der interessierten Öffentlichkeit improvisieren und performen. Auf einem Tisch liegen Instrumente zur Benutzung. Melodicas, Rasseln, aber auch Geigen. Manche Leute spielen ein bisschen herum. Ich sehe allerdings niemanden, der sich mit einem der Instrumente ernsthaft ins musikalische Geschehen stürzt, das über verschiedene Stationen und in unterschiedlichen Konstellation durch den Raum wandert.
Eigentlich braucht es den Überbau, den die Reihe hat (diverse Theoretiker:innen sind involviert, zudem ist eine Bezugnahme auf Christian Marclays „The Clock“ angedacht), überhaupt nicht, die Kurzkonzerte sind auch so soghaft. Sogar der Sound ist in diesem Kasten aus Glas und Stahl gut. Drei Tage später komme ich noch mal wieder. Es ist voller, das Publikum wirkt kunstbetriebsmäßiger – was zu mehr aufgeregtem Geplapper führt.
Es dauert ein bisschen, bis die Musik eine ähnliche Spannung entwickelt. Dann wird es jedoch richtig toll, besonders, als die Viola-Spielerin Karen Lorenz und Perkussionist Dudù Kouate sich batteln, umgarnen, klanglich zu- und auseinander driften. Eindrücklich auch das Finale, bei dem sehr viele Leute auf der Bühne stehen und Moor Mother mit ihrer Spoken-Word-Performace erinnert, dass Zukunft ja durchaus gestaltbar ist. Das vergisst man ja beim allgegenwärtigen Wahnsinn ja gerne mal.
Danach auf einen Absacker ins Bajszel. Die Kneipe kannte ich bislang nur aus der Zeitung, wegen der Morddrohungen gegen die Betreiber:innen und dem antisemitischen Bullshit, mit dem sich diese Kiez-Institution konfrontiert sieht. Nun stellte ich fest, dass sie gleich ums Eck von der Wohnung einer Freundin ist.
Erst letzte Woche bin ich dran vorbeigelaufen. Zur alljährlicher Silvesterparty bei ihr traue ich mich nämlich nur mit Taucherbrille und Ohrenstöpseln, denn sie wohnt mitten in der Böllerkriegszone. Dieses Jahr war der kurze Weg vom U-Bahnhof jedoch irritierend entspannt. Das liegt an dem 24-Stunden-Polizeischutz, den das Bajszel inzwischen hat, klärte mich meine Freundin später auf. Bitter.
Nun feiert sie ihren Geburtstag dort – es erweist sich als netter Laden mit superleckeren Getränke. Ein Limoncello-artiger Schnaps, dessen Namen ich leider gleich wieder vergessen haben, gemixt mit Maracuja erweist sich als tolles Antidot für den Winter und andere Unbill vor der Tür. Von der Polizeipräsenz hat sich offenbar niemand abschrecken lassen. Der Laden ist rappelvoll.
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