Geschichte des Deutschraps: Deutsche Hip-Hop-Evolution

In einer Dokuserie zeichnet der HR die Geschichte des Deutschraps nach. Aus Zitaten entsteht ein Mosaik aus Wut, Sehnsucht, Aufbegehren.

Portrait

Dunkelheit in seiner schönsten Form: Rapper Azad Foto: Peter Hartenfelser/imago images

„Um es mal auf gut Deutsch zu sagen: Das war einfach ein Kanake, der kam so, und alle anderen Kanaken haben sich gefreut“, sagt der Hanauer Rapper Azzi Memo über Azad. „Mit Azad kam im Deutschrap die Dunkelheit, und zwar in der schönstmöglichen Form“, sagt der Frankfurter Musiker Chima. „Es ist echt, was passiert ist. Meine Gefühle, die Wut auch, die ich in mir trage, die Emotionen, die sind echt“, sagt die Frankfurter Rapperin Liz.

Und so geht es die ganze Zeit weiter. Deshalb ist die Hip-Hop-Doku „Dichtung und Wahrheit“, die aktuell in der ARD-Mediathek zu sehen ist, vor allem eine Aneinanderreihung starker Zitate von Hip-Hop-Menschen in und rund um Frankfurt am Main. Mariska Lief und Wero Jägersberg haben sie für den Hessischen Rundfunk eingefangen.

Aber gerade das ist die Stärke des Vierteilers, der in seiner Aufmachung an die Netflix-Serie „Hip-Hop Evolution“ über die US-Rapgeschichte erinnert: Die Menschen, die Hip Hop machen, erzählen ihre Geschichten selbst. Aus ihren Zitaten entsteht ein Mosaik aus Wut, Trauer, Sehnsucht, Identifikation, Aufbegehren. Nur so versteht man Deutschrap, den man nicht mit Zeitstrahlen in Geschichtsbüchern darlegen und erfassen kann. Denn er ist vor allem etwas, das Menschen fühlen.

Es bleibt aber nicht bei diesen Gefühlen. Durch das Erzählte kommt man auch dem sozialen, kulturellen, politischen Phänomen Hip Hop näher. Die Doku beginnt bei den Einflüssen der in Frankfurt stationierten GIs wie Rico Sparx, der Deutschrap-Urgestein Moses Pelham in den 1980ern in seine Crew „We wear the Crown“ aufgenommen hat. Später, Anfang der 1990er, als Rappen auf Deutsch vorstellbar wurde, öffnete Pelham mit seiner Gruppe Rödelheim Hartreim Projekt deutschrapmäßig Türen. Sabrina Setlur erzählt ihrerseits, wie die Zusammenarbeit mit Pelham ihr als Frau eine Tür zum Genre geöffnet hat.

Identifikationsmöglichkeit geben

Azad, der 1999 bei Pelham einen Vertrag unterschrieb und der als Vater des Straßenraps gelten kann, sagt, dass er Menschen mit ähnlicher Geschichte eine Identifikationsmöglichkeit geben wollte. Und Haftbefehl erzählt, wie er als Fan immer in den Saturn gegangen ist, um dort Azads Album „Leben“ zu hören. Die Geschichten des Türenöffnens und Durch-die-Tür-Gehens rahmt Autor Murat Güngör mit klugen gesellschaftspolitischen Beobachtungen ein. 2002 veröffentlichten er und Hannes Loh mit „Fear Of A Kanak Planet“ das Standardwerk schlechthin zur Geschichte des Deutschraps.

Hin und wieder kommen dann auch Ambivalenzen des Genres zu Wort: Was hat der Mainstream mit der Subkultur gemacht? Welche Konsequenzen haben Grenzüberschreitungen, die dem Genre irgendwie immanent, aber in einer ohnehin sexistischen, homophoben und rassistischen Welt schwer zu ignorieren sind? Und was bedeutet es, dass sich das ­Feuilleton Deutschrap zu eigen macht? Die Doku geht hier über das Abfeiern hinaus, auch wenn sie das ruhig viel umfangreicher hätte tun können.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de