Geplante Proteste in Leipzig: Connewitz wieder im Fadenkreuz – diesmal von links
Propalästinensische Gruppen wollen gegen andere Linke in Leipzig-Connewitz demonstrieren, die angeblich zu israelfreundlich seien. Die Rechten jubeln.
Leipzig-Connewitz ist seit Jahrzehnten ein politischer Ausnahmeort. Kaum ein anderer Stadtteil in Ostdeutschland steht so stark für linke Milieus und antifaschistische Selbstverortung. Zugleich war Connewitz immer wieder Ziel rechter Gewalt – vom neonazistischen Großangriff 2016 bis zu regelmäßigen rechten Mobilisierungen. Nun steht der Stadtteil erneut im Zentrum einer Eskalation.
Für den 17. Januar 2026 ist eine Demonstration unter dem Motto „Antifa means: Free Palestine“ angemeldet. Mobilisiert wird von der palästinasolidarischen Gruppe Handala Leipzig und Students for Palestine Leipzig. Die Demonstration richtet sich gegen sogenannte „Antideutsche“, gegen das Abgeordnetenbüro linXXnet und gegen die Landtagsabgeordnete Juliane Nagel (Die Linke).
Nagel ist innenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion und Mitbegründerin des linXXnet. „Der Aufmarsch bedrückt und beunruhigt mich hochgradig“, sagt sie. Die Ankündigung zeige, dass es den Initiator*innen darum gehe, „Feinde zu markieren und eine ideologische Machtdemonstration zu veranstalten“. Es gehe nicht darum, „einen gemeinsamen Nenner zu finden oder gemeinsam gegen Rassismus und Antisemitismus vorzugehen“. Der Aufmarsch sei „ein Versuch der Einschüchterung und Bedrohung“.
Entlang der Route seien Kundgebungen vor dem linXXnet und dem Kulturzentrum Conne Island angemeldet – einem zentralen Ort linker Kultur und antifaschistischer Politik in Connewitz.
Schwere Vorwürfe gegen Connewitzer Strukturen
In den Mobilisierungsaufrufen werden Nagel, das linXXnet und das Conne Island massiv angegriffen. Die Vorwürfe: angebliche Unterstützung der israelischen Armee, Spendenaktionen für israelische Soldaten, ein behauptetes Kufija-Verbot und struktureller Rassismus. Zur Untermauerung werden gewalttätige Vorfälle angeführt: Vermeintliche Angriffe auf palästinasolidarische Infostände an der HTWK, Sachbeschädigungen an einem postmigrantischen Hausprojekt in Plagwitz oder Angriffe auf die Eyüp-Sultan-Moschee im Leipziger Osten.
In Veröffentlichungen von Handala wird behauptet, Vertreter*innen der antideutschen Szene hätten diese Taten relativiert oder ideologisch legitimiert. Das Conne Island wird als Ort einer angeblichen antideutschen Hegemonie beschrieben, der palästinasolidarische Gruppen systematisch ausgrenze. Die Zuspitzung lautet: „Antideutsche sind keine Linken.“
Handala Leipzig hat auf Anfragen zu den erhobenen Vorwürfen nicht reagiert. Nagel weist die Vorwürfe zurück. „Mit all den Lügen über mich und das linXXnet wird eine Realität konstruiert, die so nicht existiert“, sagt sie. „Die Landschaft der Positionen im Viertel und auch bei uns im linXXnet ist viel pluraler, als der Aufruf glauben machen will.“ Man stehe für Israel als Schutzraum für Jüdinnen und Juden, kritisiere aber den „erbarmungslosen Krieg Israels gegen die Zivilbevölkerung in Gaza“.
Deeskalation abgebrochen
Besonders schwer wiegt für Nagel der Zeitpunkt. Die Mobilisierung falle mitten in laufende Deeskalationsbemühungen. Im November hatte das linXXnet die Veranstaltungsreihe „between the lines“ gestartet, zu deren Auftakt 300 Menschen kamen. Ziel sei gewesen, „aus der Polarisierung rauszukommen, das Leid beider Seiten sichtbar zu machen und für gemeinsame Lösungen zu streiten“.
Besonders betroffen macht Nagel, dass sie nach handgreiflichen Vorfällen zu einem Deeskalationstreffen eingeladen hatte, an dem auch palästinasolidarische Menschen teilnahmen, die nun an der Mobilisierung beteiligt sind. Ein Folgetreffen sei geplant gewesen, „ist nun aber obsolet“.
Der Aufmarsch hat breite Gegenreaktionen ausgelöst. Antifaschistische Initiativen sowie innerparteiliche Zusammenschlüsse der Linken stellten sich hinter Nagel und das linXXnet. Der sächsische Linken-Politiker Thomas Dudzak formulierte deutlich: Wer gegen Connewitz mobilisiere, mobilisiere gegen das Viertel, das der Partei 2021 den Bundestagseinzug gerettet habe.
Kritisiert wird auch, dass der Bundesarbeitskreis Palästinasolidarität der Linken die Mobilisierung unterstützt. Kritiker*innen warnen, dass dabei antisemitische Deutungsmuster reproduziert würden.
Beifall von rechts
Besonders brisant ist die Reaktion von rechts. Die rechtsextreme Partei „Freie Sachsen“ begrüßte den Aufmarsch öffentlich. Parteivertreter, darunter Vorsitzender Michael Brück, rahmen die Demonstration als Schlag gegen die „Antifa-Hochburg Connewitz“.
Für Nagel ist diese Anschlussfähigkeit kein Zufall. „Antisemitische Denkweisen sind nach rechts anschlussfähig“, sagt sie. „Dass junge palästinasolidarische Menschen aus Connewitz eine solche Querfront nicht von ihrem Plan abhält, erschreckt mich zutiefst.“ Mit der Mobilisierung mache man „den Job für Staat und Neonazis“. Connewitz sei ein Zufluchtsort für viele, „die Schutz vor rechter Hegemonie in Ostdeutschland suchen“.
Für den 17. Januar haben antifaschistische Gruppen zu Gegenprotesten aufgerufen. Der Konflikt um Connewitz steht exemplarisch für die tiefe Spaltung der Linken – und für die Gefahr, dass diese Spaltung von rechts gezielt genutzt wird.
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