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Genuss über den Tellerrand hinaus

Klimabewusste Ernährung und dann auch noch gesund, da wird es komplex. Immerhin lässt sich schon mit einzelnen kleinen Schritten viel bewirken. Der vegane Weg führt in die richtige Richtung. Doch auch hier sollte man aufpassen, um nicht falsch abzubiegen

Von Cordula Rode

Kann man sich bereits wohlwollend auf die Schulter klopfen, wenn das Weingummi im Einkaufswagen als „klimaneutral hergestellt“ beworben wird? Ganz so einfach ist es leider nicht. Wie eine repräsentative Umfrage des Sinus-Instituts im Auftrag des MehrWert-Projekts der Verbraucherzentrale NRW ergab, erwarten Verbraucherinnen und Verbraucher, dass sich der Begriff „klimaneutral“ zum Beispiel auf eine besonders klima- und umweltfreundliche Herstellung bezieht. Das ist in den meisten Fällen allerdings nicht so.

Im Rahmen des umstrittenen Emissionshandels der EU können Hersteller schlicht die verursachten CO2-Emissionen durch den Kauf von Klima-Zertifikaten nach dem „Cap & Trade“-System ausgleichen. Wer mehr verbraucht als erlaubt, erwirbt diese Zertifikate. Sinn und Zweck ist angeblich der Anreiz, lieber selbst in den Klimaschutz zu investieren, als teure Zertifikate zu erwerben.

Was echter Klimaschutz im Bereich Ernährung bedeutet, beleuchtet differenziert, verständlich und ohne erhobenen Zeigefinger die Publikation der Verbraucherzentrale „So gut schmeckt Klimaschutz“ der Autorin Melanie Kirk-Mechtel. Die Ökotrophologin verschafft den Le­se­r:in­nen einen (für viele sicher unerwarteten) Einblick in die zahlreichen Aspekte des Klimaschutzes in Bezug auf Ernährung und bietet gleichzeitig alltagstaugliche Tipps und Rezepte für umwelt- und klimabewusste Genießer.

In der Diskussion um Klimaschutz und den Ausstoß von schädlichen Treibhausgasen stehen oft Themen wie Energie, Mobilität, Wohnen oder der Konsum generell im Vordergrund. „Dass aber auch unsere Ernährung großen Einfluss auf das Klima hat, steht häufig eher im Hintergrund“, so Melanie Kirk-Mechtel. Eine Ausnahme bilde die Diskussion um Tierhaltung und Fleischproduktion. Die Aspekte des Klimaschutzes in puncto Ernährung sind aber sehr viel umfangreicher und komplexer.

„Treibhausgase entstehen an verschiedenen Stellen der Produktionskette von Nahrungsmitteln“, so die Expertin. Vom Acker bis zum Teller – und genau genommen sogar darüber hinaus, denn: „Auch für Lebensmittel, die wir nicht essen, weil wir zu viel eingekauft oder gekocht haben, wurden Klimagase ausgestoßen. Und noch einige mehr entstehen bei ihrer Entsorgung.“

Der viel zitierte persönliche CO2-Fußabdruck bezieht sich auch und gerade in der Ernährung auf Bereiche, die man als Ver­brau­che­r:in gar nicht unbedingt auf dem Schirm hat. Dass bei Ackerbau und Viehzucht Treibgase entstehen, ist jedem klar: „Der größte Hebel, um den Ausstoß von Klima­gasen durch unsere Ernährung zu reduzieren, ist die Umstellung auf fleischlose Ernährung“, so Kirk-Mechtel. Aber damit ist es nicht getan: Es geht weiter mit Verpackung und Vertrieb, Lagerung und Kühlung. So greift man vielleicht häufig zu Tiefkühl- oder Konservenprodukten, ohne zu bedenken, was deren Produktion für das Klima bedeutet. Und es geht noch weiter: Fahre ich mit dem Rad oder dem Auto zum Einkaufen? Koche ich selbst oder esse ich in Restaurant oder Kantine? Wie viel Energie verbrauche ich bei der Aufbewahrung und Zubereitung meines Essens?

Würden alle Menschen sich vegan ernähren, reduzierte dies die CO2-Emissionen um 48 Prozent

Nicht nur angesichts der immensen Fülle an unterschiedlichen Aspekten im Bereich Klimaschutz bei der Ernährung hat sich der noch junge Forschungsbereich „Planetary Health“ entwickelt. „Planetary Health (Planetare Gesundheit) ist ein ganzheitliches Konzept, das die untrennbare Verbindung zwischen der Gesundheit des Menschen und der Gesundheit unseres Planeten in den Mittelpunkt stellt. Es basiert auf der Erkenntnis, dass globale Umweltveränderungen – wie der Klimawandel, der Verlust der Biodiversität und die Verschmutzung von Luft, Boden und Wasser – direkten Einfluss auf das Wohlbefinden und die Gesundheit von Menschen weltweit haben. Gleichzeitig zeigen wissenschaftliche Studien, dass nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsweisen nicht nur die Umwelt schützen, sondern auch positive Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben können“, so umschreibt es die etablierte Messe BioFach.

Daraus entstand die „Planetary Health Diet“, eine Ernährungsweise, die auch Kirk-Mechtel in ihrem Buch erläutert. Die Bausteine sind ökologische Gesundheit, menschliche Gesundheit und soziale Gerechtigkeit. Die vorläufigen Ergebnisse von Studien sind bemerkenswert – der Einhalt dieser besonderen „Diät“, die globale Besonderheiten und Gegebenheiten berücksichtigt, würde die Treib­hausgasemissionen um 27 Prozent senken. Eine vegetarische Ernährung würde einen Rückgang um 47 Prozent bewirken, die vegane Ernährung einen Rückgang um 48 Prozent. 80 Prozent unserer Nahrungsaufnahme sollte bis 2050 pflanzlich sein und zu mehr als der Hälfte aus Gemüse bestehen. Mit diesem Speiseplan würde auch eine wachsende Weltbevölkerung satt.

So kommt man zum pflanzenbetonten Essen. Das bedeutet laut Slow Food Deutschland: „sich vorwiegend, aber nicht ausschließlich von pflanzlichen Lebensmitteln (z. B. Hülsenfrüchten, Gemüse, Obst) und pflanzenbasierten Lebensmitteln und Speisen (z. B. Brot, Gemüsesuppen, Aufläufen) zu ernähren“. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung weist aber darauf hin, dass eine solche Ernährung nicht generell die bessere sei: „Eine pflanzenbasierte Ernährungsweise ist nicht automatisch gesundheitsfördernd.“ Auch diese sei von der Qualität der Lebensmittelauswahl abhängig. Stark verarbeitete pflanzliche Lebensmittel sind häufig reich an Fett, gesättigten Fettsäuren oder Zucker – also ungesund. Wer vorwiegend stark verarbeitete, energiedichte und gleichzeitig nährstoffarme Lebensmittel verzehrt, hat also trotz pflanzenbasierter Ernährung keine gesundheitlichen Vorteile davon.

Wegweiser

Der Ratgeber „So gut schmeckt Klimaschutz. Kochen, genießen, Umwelt schonen“ von Melanie Kirk-Mechtel hat 192 Seiten und kostet 20 Euro, als E-Book 15,99 Euro.

Er kann bestellt werden über shop.verbraucherzentrale.de oder unter (0211) 91 380-1555.

Der Ratgeber ist auch in den Beratungsstellen der Verbraucherzentralen und im Buch­handel erhältlich.

Neben sehr gut vermittelten Informationen enthält der Ratgeber mehr als 70 Rezepte.

Ver­brau­che­r:in­nen sind angesichts der Fülle von Aspekten, die es für klimafreundliches Essen zu berücksichtigen gilt, schnell überfordert. Man muss aber nicht sofort Ex­per­t:in werden – auch kleine Schritte tragen bereits zum Klimaschutz bei. Dazu gehören fleischarme oder fleischlose Kost, viele pflanzliche und vor allem naturbelassene und saisonale Lebensmittel aus regionaler Produktion ohne lange Lieferketten, energieschonende Zubereitung und die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung.

Dass dies keinerlei Einschränkung beim Genuss bedeutet, sieht man bereits am umfangreichen und sehr verlockenden Rezeptteil der Broschüre „So gut schmeckt Klimaschutz“. Genuss mit Verantwortung.